Aus: Ausgabe vom 22.11.2017, Seite 12 / Thema

Haspingers Hasspredigten

Erzählung. Herr Groll über Beethovens Abneigung gegen den fanatischen Priester an der Seite von Andreas Hofer

Von Erwin Riess
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Kämpfte an der Seite Andreas Hofers gegen die Besatzer Tirols, predigte extreme Härte und Antisemitismus und galt im Volksglaube als »kugelsicher«: Joachim Haspinger (1776–1858); Albin Egger-Lienz: Haspinger Anno Neun, 1908, Kasein auf Leinwand, 265 x 456 cm

Andreas Hofer war der Anführer des Tiroler Volksaufstands von 1809 gegen die bayerische und französische Besatzung. Nach seiner Gefangennahme wurde er am 20. Februar 1810 hingerichtet. In Österreich gilt er weithin als Volksheld. Von den deutschnational orientierten Tirolern und den Nazis wurde er in den 1930er Jahren zum Verteidiger des »Deutschtums« verklärt. Aus Anlass seines 250. Geburtstags hat der für seine Krimis rund um den Rollstuhlfahrer Herr Groll bekannte Schriftsteller Erwin Riess für junge Welt eine Groll-Episode über Ludwig van Beethoven und Joachim Haspinger geschrieben, den Feldgeistlichen und Ideologen an der Seite Hofers. Sie trägt den Titel »Der Ständige Ausschuss zur Klärung sämtlicher Welträtsel, Beethovens Sommerfreundin und Pater Haspingers Hasspredigten«. (jW)

Groll und der Dozent standen auf einem Bergvorsprung oberhalb von Wien-Nussdorf und schauten auf die Donau zu ihren Füßen.

»Sehen Sie das weiße Schleusenhaus des Otto Wagner?« fragte Groll. Als der Dozent nickte, fuhr Groll fort. »Ungefähr an derselben Stelle befand sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts eine Überfuhr nach Jedlesee. Die einzige Donaubrücke lag mehrere Kilometer weiter östlich, wer konnte, nahm daher die Nussdorfer Fähre. So auch der junge Beethoven, der in Nussdorf wohnte und eine schwierige Zeit durchlitt. Seine fortschreitende Ertaubung ließ ihn immer mehr verzweifeln, aus dieser Zeit datiert auch sein »Heiligenstädter Testament«, ein Prosatext voll düsterer Vorahnungen. Freunde versuchten, Beethoven zu trösten und aufzuheitern, aber es nützte nichts. Die einzige Linderung erfuhr Beethoven, wenn er sich in die Jahre um 1808 und folgende zurückversetzte, Jahre, in denen er einer ungarischen Gräfin sehr zugetan war, die am anderen Ufer ein Sommerschlösschen unterhielt. Wenn meine Quellen nicht schwindeln, dann blieb Beethovens Zuneigung nicht unerwidert. Immer wieder fuhr der junge Beethoven aufs Land, um seine Gönnerin zu besuchen. Sie bezauberte ihn nicht nur mit ihrem Liebreiz, sie organisierte auch einen Kreis von betuchten Spendern, die Beethoven, der das intrigante Wiener Musikleben hasste, mit ihren Dotationen ökonomisch über Wasser hielten. Zwanzig Jahre nach den glücklichen Tagen in den Donauauen und Weingärten, die Gräfin war längst aus Österreich verwiesen und lebte in München, nahm Beethoven immer wieder die Fähre und spürte den alten glücklichen Tagen von Jedlesee, so hieß das Fischer- und Winzerdorf am anderen Ufer der Donau, nach.«

Der Dozent war den Ausführungen nur mit halbem Ohr gefolgt. Ihn beschäftigte etwas anderes. Die ersehnte Mitgliedschaft im »Ständigen Ausschuss zur Klärung sämtlicher Welträtsel«, welcher beim Binder-Heurigen im einstigen Jedlesee in Permanenz tagt. Ob man sich für die Mitarbeit im »Ständigen Ausschuss« bewerben könne, fragte er Groll, und sei es auch nur als Ersatzmitglied.

»Man kann«, sagte Groll. »Aber es nützt nichts.«

Wie man denn sonst Mitglied des Ausschusses werden könne, ließ der Dozent nicht locker.

»Man wird ernannt«, sagte Groll.

»Kann man auch ablehnen?« fragte der Dozent.

»Man kann«, erwiderte Groll. »Aber es nützt nichts.«

Ob Groll ihm wenigstens ein Beispiel für ein anerkanntes Welträtsel geben könne, bat der Dozent. Groll dachte kurz nach und sagte:

»Sie haben doch schon davon gehört, dass Moses sein Volk bei der Flucht aus Ägypten trockenen Fußes durchs Meer führte. Sowohl Bibel als auch Thora und Koran sowie die halbamtliche ägyptische Nachrichtenagentur Al Ahram berichten von einem Ostwind, den Gott seinem Moses schickte, worauf die Wassermassen sich teilten.«

Er habe in seiner Kindheit in Hietzing ministriert, antwortete der Dozent.

»Nun, die Meeresfrage galt lange als Welträtsel«, fuhr Groll fort.

»Sie haben die Lösung?«, der Dozent setzte eine skeptische Miene auf.

»Der Ständige Ausschuss verfügt über eine weltweite Expertise in allen Wissensgebieten«, erwiderte Groll. »Besonders in nautischen Fragen und Fragen der Wasserwirtschaft kann niemand uns das Wasser reichen. Es gelang uns, schon im Vorprüfungsverfahren die Frage zu klären. Moses war nicht durchs Rote Meer, sondern durch ein ›Schilfmeer‹ genanntes Gebiet marschiert, das am pelusinischen Arm des Nildeltas liegt. Es kommt dort immer wieder zu starken Ostwinden, die das Wasser auf der einen Seite in die Lagune, auf der anderen zurück in den Flussarm drängen, und es entsteht dabei eine kilometerbreite Landbrücke, die bis zu vier Stunden offen bleibt. Aus diesem Grunde konnte die Frage des vor Moses zurückweichenden Meeres seinen Status als Welträtsel nicht halten. Bei der Sintflut war es ähnlich. Auch die ist kein Welträtsel, sondern hinreichend gut zu erklären. Das gilt im übrigen auch für die neulich behandelten Fragen nach der Ursache der Roma-Verfolgungen im Vereinten Europa und der epidemieartigen Verbreitung von Drehkreuzen bei Autobahnraststätten und Lichtspieltheatern.«

Nun habe Groll doch wieder Beispiele für nicht anerkannte Welträtsel gebracht, ob er denn nicht doch eines nennen könne, dem der Status eines Welträtsels tatsächlich zukomme?

Es gebe deren viele, erwiderte Groll. Aus der Liste der ungelösten Welträtsel rage ein Fall heraus, der nach wie vor ungeklärt sei, wie der anarchistische Fürstenspross Ervin Batthyány auf seinem Gut im westungarischen Bögöte, das er in Form einer Landarbeiterkommune betrieb, dahintergekommen sei, dass Joseph Haydn neben dem Chorkomponisten Michael Haydn noch einen Bruder hatte, Emmerich oder Imre Haydn. Der war in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert und verdingte sich als kämpfender Kapellmeister bei den Unabhängigkeitskriegen.

»Die Hymnen von drei amerikanischen Bundesstaaten gehen auf Imre Haydn zurück – Sie wissen, die Haydns hatten es mit den Hymnen, Joseph mit der deutschen und österreichischen, Michael mit diversen Chorhymnen der schwedischen Kirchenliteratur und der unbekannte Imre mit den Hymnen in der Neuen Welt. Was aber noch als Welträtsel untersucht wird, ist die Frage, wie es kam, dass auch die Hymne des US-Marinekorps, das Lieblingsstück Winston Churchills, dessen Text von ihm gern bei Staatsempfängen rezitiert wurde, auf Imre Haydn zurückgeht.«

»From the halls of Montezuma / To the shores of Tripoli / We fight our country’s battles«, sprach der Dozent, der ein paar Semester in Harvard studiert hatte.

»If the Army and the Navy / Ever gaze on Heaven’s scenes / They will find the streets are guarded / By United States Marines«, schloss Groll.

»Ich wusste nicht, dass Sie Amerikanisch sprechen«, sagte der Dozent und nickte anerkennend.

»Auswendig gelernt«, sagte Groll. »Die Lautfolge sinnfrei auswendig gelernt. Zu meiner Zeit die einzige Bildungschance von Leuten aus der Unterschicht.«

»Ich weiß«, sagte der Dozent und sah Groll nachdenklich an.

Die Frage wie Ervin Batthyány auf die Spur Imre Haydns gekommen sei und ob eine Tankstellenpächterin bei Wildungsmauer an der Donau, die weithin ob ihrer Musikalität gerühmt werde, tatsächlich eine Nachfahrin des Haydn-Clans aus dem benachbarten Rohrau sei, seien Welträtsel im besten Sinne, erklärte Groll. Ebenso wie die Frage, was Ludwig van Beethoven dazu bewogen hatte, Joachim Haspinger, den Ideologen des Tiroler Befreiungskrieges und engsten Mitstreiter Andreas Hofers, während einer Überquerung der Donau bei Nussdorf in den Fluss zu werfen.

»Die beiden kannten einander?« Der Dozent zog seine Stirn in Falten.

»Sie trafen einander regelmäßig«, bekräftigte Groll. »Beethoven, wenn er mit einer Fährzille über den Fluss setzte, um ein paar Tage im Sommerschoß seiner Gönnerin Gräfin Erdödy in Floridsdorf zu verbringen …«

»Pardon, Sie meinen wahrscheinlich Sommerschloss«, unterbrach der Dozent.

Er meine, was er sage, beschied Groll. »Beethoven, wenn er ein paar Tage im Schoß seiner Gönnerin verbringen wollte und Haspinger, wenn er von seinen Besuchen in der Wiener Innenstadt zu seiner Wallfahrtskirche in der Amtsgasse in Floridsdorf zurückkehrte, wo er aufrührerische Predigten hielt.«

Wieder wollte der Dozent wissen, ob die Geschichte belegt sei.

Selbstverständlich, antwortete Groll. Man wisse sogar, dass Beethoven und Haspinger sich immer wieder stritten.

»Weiß man denn, worum es bei dem Streit ging?«

Groll nickte. »Es gibt Hinweise darauf, dass Haspinger von Beethoven die strenge Einhaltung der Sonatenform einmahnte. Beethoven wiederum forderte Haspinger des öfteren vor Zeugen auf, den religiösen Humbug sein zu lassen und sich ausschließlich der Revolution zu verschreiben.«

»Weiß man denn, ob die Zeugen recht gehört haben?«

»An der Lösung dieses Welträtsels wird noch gearbeitet.«

Groll verfolgte durch seinen Feldstecher einen bergwärts fahrenden Schubverband auf der Donau. «Die ›Kapitan Anfilow‹ aus der Ukraine. Sie bringt Eisenerz für das Linzer Stahlwerk.«

Der Dozent ließ nicht locker. »Ist es denn vermessen, davon auszugehen, dass Beethoven und Haspinger einen Vorläufer des ›Ständigen Ausschusses‹ betrieben?«

»Nein«, sagte Groll ruhig.

Der Dozent tippte etwas in seinen Kleincomputer, den er mit sich trug, wenn er mit Herrn Groll die Weltlage besprach. Auf diese Weise konnte er Grolls oft erstaunliche Aussagen sofort nachprüfen. Notizen machte er nach wie vor mit einer Füllfeder in einem Notizbüchlein aus Büffelleder, ein Geschenk seiner Mamà zu seiner Sponsion.

»In dem 1795 erbauten Erdödy-Landgut weilte Beethoven häufig. Es wurde musiziert, die Gräfin war eine ausgezeichnete Klavierspielerin, und diskutiert«, las der Dozent vor. »Ihr Name ist der musikalischen Welt aus den Titeln der zwei großen Trios Opus 70 und der zwei Sonaten für Pianoforte und Violoncello Opus 102 bekannt, Werke, welche Beethoven ihr gewidmet hat. Der jungen, kunstsinnigen Gräfin war es zu verdanken, dass Beethoven von adeligen Mäzenen jene wirtschaftlichen Mittel zur Verfügung gestellt wurden, die es ihm erlaubten, in Wien als selbständiger Kompositeur zu überleben.«

»Auf der Suche nach einer vermögenden Mäzenin für mich kann ich Ihnen leider nur Niederlagen berichten«, sagte Groll und nahm einen Schluck vom mitgebrachten Nussdorfer Riesling.

»Hier!« rief der Dozent. Zu den Briefen von Beethoven an die Gräfin Erdödy. »Man weiß von einem zarten Verhältnis Beethovens mit der schönen Gräfin.* Selbst in die Gräfin verliebt – und das nicht unerwidert – suchte er die junge Frau und ihre drei Kinder auf, um Trost zu holen, wenn er in anderen Liebeshändeln Pech hatte. So klagte er der Gönnerin sein Leid, als das Liebesverhältnis Beethovens mit seiner Klavierschülerin Giulietta Guicciardi durch die plötzliche Vermählung der Schülerin mit einem Grafen von Gallenberg ein abruptes Ende fand.«

»Die Gräfin muß ein weites Herz gehabt haben«, meinte Groll.

Der Dozent setzte fort: »Beethoven hatte Julie oder Giulietta durch die Familie Brunsvik kennengelernt. Er war besonders mit den Schwestern Therese und Josephine Brunsvik, die er ebenfalls unterrichtete, eng befreundet. Er wurde Julies Klavierlehrer und verliebte sich in sie. Sie ist wahrscheinlich jenes ›zauberische Mädchen‹, von dem er seinem Bonner Jugendfreund, dem Mediziner Wegeler, schreibt: ›Etwas angenehmer lebe ich jetzt wieder, indem ich mich mehr unter Menschen gemacht, du kannst es kaum glauben, wie öde, wie traurig ich mein Leben seit zwei Jahren zugebracht, wie ein Gespenst ist mir mein schwaches Gehör überall erschienen, und ich floh – die Menschen, musste Misanthrop scheinen, und bins doch so wenig, diese Veränderung hat ein liebes zauberisches Mädchen hervorgebracht, die mich liebt, und die ich liebe, es sind seit zwei Jahren wieder einige seelige Augenblicke, und es ist das erstemal, dass ich fühle, dass – heirathen glücklich machen könnte, leider ist sie nicht von meinem Stande‹«.

»Ja, das kenne ich auch«, sagte Groll voller Selbstmitleid.

»Beethoven widmete Giulietta Guicciardi die Mondscheinsonate!« rief der Dozent aus.

»Mir widmet niemand etwas. Höchstens ein bisschen Aufmerksamkeit, wenn ich beim Binder-Heurigen betrunken aus dem Rollstuhl purzle«, sagte Groll.

»Beethovens Biograph und Freund Schindler behauptet aber, dass Beethoven auch mit Josephine Brunsvik ein Liebesverhältnis hatte. Er habe sie leidenschaftlich geliebt. Was sagen Sie dazu, geschätzter Groll? Herr Luigi, so nannte sich Beethoven in seinen Briefen an die Italienerin, scheint der Vielfalt vor der Monogamie den Vorrang eingeräumt zu haben.«

»Eine treffliche Formulierung für einen Mann, der keine Klavierschülerin ausließ«, bemerkte Groll. »Heute würde er da Schwierigkeiten bekommen.«

»Heutzutage spielen die Mädchen ja nicht mehr Klavier, sondern saufen sich in Landdiscos ins Koma«, erwiderte der Dozent, und angesichts des verdutzten Blicks seines Freundes fügte er hinzu. »Die Tochter einer Nachbarin wurde mit einer Alkoholvergiftung ins Klagenfurter Krankenhaus eingeliefert. Ein Studienausflug der Ursulinen. Sie wissen ja, die Kinder aus reichen Hietzinger Familien überantworten ihre Sprösslinge nicht den öffentlichen Schulen. Zu riskant.«

»Das trifft nicht nur für die Kinder der Reichen zu« entgegnete Groll. »Auch die der untersten Mittelschicht werden vorm Pöbel in den Normalschulen geschützt. In meinem Gemeindebau geht die Tochter der Hausbesorgerin in einen katholischen Privatkindergarten und wird diesen Karriereweg auch im Schulalter fortsetzen. Die zweite Begründung: Heutzutage müsse ein Kind Werte mitbekommen, wenn schon nicht materielle, dann zumindest katholisch ideologische.«

»Und die erste Begründung?«

»Zu viele Ausländer in den Pöbelschulen.«

»Das war jetzt zu erwarten.«

»Nur bedingt. Die aufgeweckte Kleine ist von schwarzer Hautfarbe. Ihren Vater, einen Discjockey, hat sie ein einziges Mal gesehen.«

»Wie traurig«, sagte der Dozent und packte das Tablet weg.

»Mein Leben ist noch viel trauriger«, sagte Groll und seufzte schwer.

»Wie das? Sind Sie unglücklich verliebt?«

»Ja«, erwiderte Groll. »In die holde Binnenschiffahrt. Nur alle paar Stunden ein Kahn oder ein Schubschiff, das ist für einen limbisch hochbegabten Mann wie mich eine Katastrophe. Es bricht mir das Herz.«

Er setzte das Fernglas an die Augen und hielt nach Schiffen Ausschau.

* Siehe: Niederrheinische Musikzeitung, 29. Dezember 1866, zit. n. Blue Mountain Project, Princeton University

Joachim Haspinger, ein Sohn wohlhabender Bauern, studierte in Bozen und Innsbruck und kämpfte während des Studiums 1796, 1797 und 1799–1801 im österreichischen Heer gegen die Franzosen. 1802 trat er in den Kapuzinerorden ein. 1805 erhielt er die Priesterweihe und ein Amt als Prediger im Kloster zu Schlanders im Vinschgau. Dort betätigte er sich auch politisch, das heißt gegen die bayerischen und französischen Besatzer Tirols. Unter anderem rief er zum Widerstand gegen die von der bayerischen Verwaltung angeordnete Pockenimpfung auf. Er schloss sich einem Geheimbund der Tiroler Patrioten an und beteiligte sich an führender Stelle als Kämpfer und führender Ideologe am Befreiungskampf Tirols gegen Bayern. Er nahm an den beiden Schlachten vom 29. Mai und 13. August 1809 teil, wo die Tiroler Schützen Andreas Hofers die französischen und bayerischen Truppen auf dem Bergisel, einem steilen Hügel oberhalb von Innsbruck, schlugen. Heute befindet sich auf dem Berg eine der berühmtesten Skischanzen des Weltcupzirkus, der Schanzenbau stammt von Zaha Hadid, und das gesamte Gelände des Schanzenbereichs und des über Innsbruck schwebenden Restaurants ist im übrigen barrierefrei zugänglich.

Andreas Hofer hatte Haspinger in Trient, dem heutigen Trento, kennen- und schätzen gelernt. Bereits nach wenigen Wochen übte er im Aufstand neben dem Amt des Feldgeistlichen auch jenes eines Hauptmannes aus. In den Bergiselschlachten fiel der charismatische Prediger durch Fanatismus, Antisemitismus und extreme Härte gegen alle, auch vermeintliche Freunde auf. Im Volksglauben galt der kämpfende Priester mit dem roten Bart als »kugelsicher«. Nach dem Frieden von Schönbrunn (zwischen Napoleon und Franz I.) am 14. Oktober 1809 gelang es ihm, den kriegsmüden Andreas Hofer zur Fortsetzung des Kampfes zu bewegen. Auch nach der verlorenen vierten Bergiselschlacht ließ der Kapuzinerpater nicht davon ab, Hofer zu weiteren Aufständen anzustacheln. Haspinger bereitete auch den Aufstand im Lande Salzburg vor, der Anfang November 1809 von französischen Truppen ebenfalls niedergeworfen wurde.

Haspinger flüchtete und versteckte sich zehn Monate in der Tschenglsburg im Vintschgau. Über Oberitalien, die Schweiz und Kärnten setzte er sich nach Wien ab, wo er ab Ende 1810 mit Unterstützung des Kaiserhauses und des hohen Klerus zwei Jahre lang Pfarrer in der Maria-Loretto-Kirche im heutigen Jedlersdorf war. Die Kirche liegt in Grolls Kiez im 120.000 Einwohner starken ehemaligen Industrie- und Arbeiterbezirk Floridsdorf (Schiffswerften, Lokomotivfabrik, Austro-Fiat-Werke und viele andere), in dem FPÖ und SPÖ sich bei den letzten Wahlen ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferten.

1812 versuchte Haspinger mit konspirativen Mitteln einen weiteren Volksaufstand anzuzetteln, scheiterte aber wieder. 1815 zog er sich als Pfarrer auf den »Heiligen Berg« in Traunfeld im Weinviertel zurück, einer wald- und weinreichen, sanft gewellten Hügellandschaft nördlich von Wien. Dort hielt er in einer Kirche, die mitten im Wald auf einer Bergkuppe gelegen ist und mehr an einen Bunker der Maginot-Linie erinnert als an ein Gotteshaus, aufrührerische Predigten gegen die Juden, die Protestanten und eine gottlose Obrigkeit. Tausende pilgerten zu seinen Predigten genannten Hasstiraden. Bis nach Brünn, Pressburg und Linz drang sein Name. 1836 wurde er vom Bischof pensioniert und lebte danach im Wiener Nobelbezirk Hietzing, der an das Schloss Schönbrunn grenzt und in dem der Dozent als Spross einer Maschinenbau-Familie aufwuchs.

1848 begleitete der 72jährige Haspinger als Feldprediger eine Kompanie Tiroler Feldjäger nach Italien, um die dortigen Aufständischen niederzuwerfen. Schließlich ließ der reaktionäre Che Guevara des naiven Andreas Hofer sich 1854 zu Salzburg im kaiserlichen Schloss Mirabell nieder, wo er 1858, zur Zeit des finstersten Absolutismus starb. In Tirol kam es mit der Förderung des ultrareaktionären Kardinals Rauscher (er »beriet« den jugendlichen Kaiser Franz-Joseph) regelmäßig zu Teufelsaustreibungen. Haspingers Leichnam wurde in die Hofkirche nach Innsbruck verbracht und dort neben Andreas Hofer beigesetzt. Eine radikale Sekte, das Engelwerk, führt von ihrem Sitz in Tirol das Vermächtnis Haspingers als Kämpfer gegen jegliche Verweichlichung der Kirchenherrschaft weiter. Im gegenwärtigen Vatikan hat sich eine Fronde papstfeindlicher hoher Kleriker gebildet, die Haspingers Andenken ebenfalls hochhält.

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