Aus: Ausgabe vom 20.11.2017, Seite 8 / Ansichten

Macrons Wahlverein

La République en marche

Von Hansgeorg Hermann
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Alles sollte ganz anders werden, hatte Emmanuel Macron im August 2016 versprochen. Eine Bewegung, keine Partei sollte es sein – mit einem Namen, der ungewöhnlich klang und irgendwie auch vielversprechend aussah: »La République en marche« (LREM), eine marschierende Republik, ganz Frankreich sozusagen. Aber wohin? Ein halbes Jahr nach seinem überwältigenden Erfolg bei der Präsidentschaftswahl, als er die gesamte Rechte – von den Faschisten der Marine Le Pen bis hin zum Kapitalistenklub der »Les Républicains« – sowie die Sozialdemokraten seines Vorgängers François Hollande erst auseinanderdividiert und dann in Grund und Boden gesiegt hatte, gibt es vom neuen Staatschef auf diese Frage (noch) keine Antwort.

Ein kleiner Teil der angeblich fast 400.000 Köpfe zählenden Anhängerschaft seiner Partei ist in diesen Tagen ungeduldig geworden. Nicht nur, weil die LREM bisher ganz ohne Ideologie auskam und alle wissen, dass die vielen tausend fleißigen Helfer der Bewegung einerseits und deren schwerreichen Geldgeber andererseits im Frühsommer 2017 einen Mann auf den Schild gehoben haben, der in den kommenden viereinhalb Jahren seiner Präsidentschaft Kapitalinteressen zu vertreten haben wird. Sondern auch, weil der Typ im Palais Élysée sich von Anfang an gebärdet hat wie Zeus auf dem Olymp. In Frankreich nennen die Leute einen Staatschef mit solchen Allüren seit jeher »Président jupitérien«. Viel Gepränge, eine einigermaßen saubere Rhetorik, ein bisschen Exot ob einer Gemahlin, die 20 Jahre älter ist als er, neuerdings gar ein »Messias« der Klimaschützer, wie in deutschen Journalen zu lesen war.

Macron hat seine Partei, die nur eine Bewegung sein sollte, am Samstag in die Knie gezwungen. Er hat ihr klar zu verstehen gegeben, dass sie ein Wahlverein ist und keine Konferenz intelligenter Menschen, die nach einer Gesellschaftsform jenseits des Raubkapitalismus zu suchen hätte. Er hat seinen besten Helfer an die Front geschickt, diesen Verein zu disziplinieren und zu einer »Kriegsmaschine« kommender Wahlkämpfe zu machen. So sehen es seine Vertrauten, und sie sagen es sogar. Christophe Castaner ist seit zwei Tagen der Mann, der den Klub zusammenhalten soll.

Der Millionär Macron trifft sich derweil mit dem Milliardär Saad Hariri und macht am Mittagstisch im Élysée ein neues Fass auf: Er sei der ideale Vermittler im Libanon, ließ er am Sonntag wissen. Warum? Weil Frankreich und die Familie Hariri seit den Tagen Jacques Chiracs »sehr gute Freunde« seien. Der demente Altpräsident kann sich nicht mehr wehren und auch sonst nichts zur Sache beitragen. Sicher ist indessen, dass die Hariris französischen Arbeitern 15 Millionen Euro schulden und der betagte Jacques sich nach seinem Abschied aus der Politik im Pariser Luxusappartement der libanesischen Spezis zur Ruhe setzte.

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