Aus: Ausgabe vom 18.11.2017, Seite 15 / Geschichte

Renitente Professoren

Für liberal-demokratische Verhältnisse: Die »Göttinger Sieben« wehrten sich vor 180 Jahren gegen die Wiedereinführung der ständischen Verfassung

Von Reiner Zilkenat
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Kommilitonen. Oben: Wilhelm und Jacob Grimm. Mitte: Wilhelm Eduard Albrecht, Friedrich Christoph Dahlmann, Georg Gottfried Gervinus. Unten: Wilhelm Eduard Weber, Heinrich Georg August Ewald

Göttingen war in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine renommierte Universitätsstadt im Königreich Hannover. Zwar zählte der Ort um 1840 lediglich 10.000 Einwohner, doch an der 1737 eingeweihten Universität lehrten nicht wenige Wissenschaftler, deren Reputation weit über die Grenzen der Stadt hinaus reichte. Von 1714 bis 1837 war das Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, das auf dem Wiener Kongress 1814 bedeutende Gebietszuwächse erhielt und zum »Königreich Hannover« erhoben wurde, in Personalunion vom jeweiligen König von Großbritannien und Irland regiert worden. König Wilhelm IV. hatte im Jahre 1833 eine liberale Verfassung erlassen, die einige Forderungen des aufstrebenden Bürgertums enthielt, darunter das Recht der »Zweiten Kammer« des Parlamentes, Gesetze zu beschließen, die Einführung der Ministerverantwortlichkeit und die Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung sowie der Rechte der Bürger vor Gericht. Alle Staatsbediensteten wurden fortan auf diese Konstitution, das »Staatsgrundgesetz«, vereidigt.

Vier Jahre später änderte sich die Situation. Der Nachfolger Wilhelms IV., König Ernst August I., verfügte am 1. November 1837 die Wiedereinsetzung der alten ständischen Verfassung, die den Spielraum des Monarchen nur wenig begrenzte und den Adel privilegierte. Doch der König hatte einen schwerwiegenden Fehler begangen. Entgegen seinen Erwartungen artikulierte sich öffentlicher Widerstand, der seinen Ausgangspunkt an der Universität Göttingen hatte, von dort aus bald das Königreich erfasste und in Deutschland ein großes Echo hervorrief.

Gehorsam verweigert

Wie alle anderen Beamten, so hatten auch die Hochschullehrer der Universität Göttingen den Eid auf die Verfassung von 1833 geleistet. Einige von ihnen argumentierten jetzt, der neue König verlange von ihnen ein »eidbrüchiges Verhalten«, indem sie nun die alte Ständeordnung anerkennen und Ernst August I. als faktisch absoluten Herrscher akzeptieren sollten.

Die Historiker Friedrich Christoph Dahlmann und Georg Gottfried Gervinus, die Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm, der Naturwissenschaftler Wilhelm Weber, der Orientalist Heinrich Ewald und der Jurist Wilhelm Albrecht teilten ihrer Universitätsleitung am 18. November 1837 schriftlich mit, dass sie nicht daran dächten, die vom König einseitig verfügte Aufhebung der Verfassung anzuerkennen. Sie hätten auf das »Staatsgrundgesetz« einen Eid geschworen, von dem der Monarch sie nicht entbinden könne. Zu beachten ist, dass einer der genannten Professoren, Dahlmann, einen bedeutenden Beitrag zur Ausarbeitung der Verfassung geleistet hatte.

Ein durchaus unerhörter Vorgang, denn hier forderten Professoren nichts weniger als ein »politisches Mandat«. Zumindest öffentlich unterstützten nur wenige ihrer mehr als dreißig Kollegen die Gelehrten, die bald die »Göttinger Sieben« genannt wurden. Die Leitung der Universität signalisierte rasch ihre loyale Haltung zum König und seiner Regierung. Allerdings demonstrierte die große Mehrheit der Studentenschaft überdeutlich ihre Zustimmung zu den opponierenden Professoren.

Nicht nur in den Hörsälen, sondern auch auf den Straßen der Universitätsstadt gab es zahlreiche Protestbekundungen. So zogen Hunderte Kommilitonen vor die Häuser der sieben Professoren, feierten sie in Sprechchören und jubelten ihnen zu, wenn sie sich an den Fenstern ihrer Wohnungen zeigten. Zugleich wurden »Pfeifkonzerte« vor den Häusern des Rektors und derjenigen Hochschullehrer organisiert, die sich loyal zu Ernst August I. verhielten. Auch vor dem Universitätsgebäude fanden Protestveranstaltungen statt.

Ein derartiges Verhalten wollte der König keinesfalls dulden. Deshalb wurden die Demonstrationen mit Gewalt auseinandergetrieben. Nicht nur Polizisten und die »Pedelle« der Universität, die dort für »Ruhe und Ordnung« zu sorgen hatten, sondern auch Einheiten der Kavallerie und Infanteristen trieben die Studenten mit gezogenem Säbel auseinander, nahmen Verhaftungen vor und sperrten einige der Straßen, in denen die opponierenden Professoren wohnten, für den Verkehr. Universitäre Gerichte verurteilten aufgegriffene Studenten zu »Karzerstrafen« und drohten mit der Relegation.

Die Situation eskalierte, als der König am 14. Dezember 1837 die Entlassung der Göttinger Sieben verfügte und drei von ihnen, Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm, des Landes verwies. Wenige Tage später verließen die Genannten das Königreich, wobei sie von Hunderten Studenten begleitet und in der Stadt Witzenhausen im Kurfürstentum Hessen, das im Süden an Hannover grenzte, bei ihrer Ankunft jubelnd begrüßt wurden.

Von hier aus zogen sie durch Deutschland, wobei sie von den Bürgern mit öffentlichen Sympathiekundgebungen geradezu überhäuft wurden. Überall in Deutschland, ja sogar in Italien, England und in der Schweiz bildeten sich Ausschüsse von Sympathisanten, die nicht zuletzt beträchtliche Summen für die entlassenen Gelehrten sammelten. Insgesamt wurden mehr als 22.000 Taler aufgebracht. Fünf der Professoren erhielten schließlich neue Lehrstühle, unter anderem wegen des Engagements von prominenten Demokraten wie Bettina von Arnim und dem Berliner Rechtsgelehrten Albrecht Eichhorn. Die Brüder Grimm folgten schließlich einem Ruf an die Akademie der Wissenschaften zu Berlin, Friedrich Dahlmann lehrte fortan an der Universität Bonn, Wilhelm Weber und Wilhelm Albrecht in Leipzig, Gervinus in Heidelberg und Ewald in Tübingen.

Umjubelte Vorreiter

Die Repressionen des hannoverschen Königs hatten ihren Zweck verfehlt: Die betroffenen Professoren wurden zu allseits verehrten Protagonisten liberal-demokratischer Verhältnisse in den deutschen Staaten. Die Auseinandersetzung um ein »politisches Mandat« der Professoren wie auch der Studenten begann. Die Kritik an einer nur ihrer jeweiligen Fachdisziplin dienenden Hochschullehrerschaft, die, im »Elfenbeinturm« sitzend, keine Einflussnahme auf die politischen Verhältnisse anstrebt, sollte nicht verstummen. Professoren und die akademische Jugend wurden zu wesentlichen Trägern der ein Jahrzehnt später ganz Deutschland erfassenden Revolution von 1848/49. Die mutige Haltung der Göttinger Sieben motivierte viele andere liberale Zeitgenossen und demonstrierte vor allem, dass die Versuche reaktionärer Fürsten, ihre alte Machtposition wiederzugewinnen, letztlich zum Scheitern verurteilt waren.

Jacob Grimm über die Motivation der »Göttinger Sieben«

Es gibt noch Männer, die auch der Gewalt gegenüber ein Gewissen haben. Kein anderer Bestandteil des Königreichs konnte von dieser Begebenheit lebhafter und tiefer ergriffen werden als die Universität. Die deutschen Hohen Schulen, solange ihre bewährte und treffliche Einrichtung stehenbleiben wird, sind nicht bloß der zu- und abströmenden Menge der Jünglinge, sondern auch der genau darauf berechneten Eigenheiten der Lehrer wegen höchst reizbar und empfindlich für alles, was im Lande Gutes und Böses geschieht. Der offene, unverdorbene Sinn der Jugend fordert, dass auch die Lehrenden bei aller Gelegenheit jede Frage über wichtige Lebens- und Staatsverhältnisse auf ihren reinsten und sittlichsten Gehalt zurückführen und mit redlicher Wahrheit beantworten. (…) Wie allseitig musste also die Universität von der Kunde ergriffen werden, dass die Verfassung des Landes dem Umsturz ausgesetzt sei. Unter den Professoren taten sich bald verschiedenartige Gruppen hervor; die Charaktere, wie mein Bruder treffend bemerkte, fingen an, sich zu entblättern gleich den Bäumen des Herbstes bei einem Nachfrost; da sah man viele in nackten Reisern, des Laubes beraubt, womit sie sich in dem Umgang des gewöhnlichen Lebens verhüllten. In so peinlicher, vielberatener und hingehaltener Lage entschied sich endlich eine geringe Zahl beherzt Gebliebener, das Eis des Schweigens zu brechen, dessen Rinde hart und schmählich das ganze Land überzogen hatte.

Nationen im Aufbruch. Restauration und Fortschritt 1815–1871. Hrsg. von Richard Ruland, München o. J., S. 56f.


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