Aus: Ausgabe vom 18.11.2017, Seite 8 / Ausland

»Landreform und Sozialismus gehen Hand in Hand«

Langer Kampf: Brasiliens Bewegung der Landlosen setzt sich für Neuaufteilung des Bodens ein. Ein Gespräch mit Maria Alcione Manthay

Interview: Matthias István Köhler
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Agrarreform jetzt, ist ein Dauerthema: Demonstration am 11. Juli 2013 in Brasilia

Seit Jahrzehnten setzt sich die brasilianische Bewegung der Landlosen, MST, für eine radikale Landreform ein. Welche Kämpfe führt die Organisation derzeit?

Zwischen dem 16. und 20. Oktober haben wir zu Protesten in ganz Brasilien aufgerufen, um den Abbruch der Modifizierung der Agrargesetzgebung zu verhindern. Denn er würde dazu führen, dass die sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft weiterhin bestehen bleiben. Zudem wären viele sozialen Verbesserungen gefährdet. Würde hingegen die gegenwärtige Rechtslage beibehalten, dann könnten viele Familie nicht annähernd vernünftig leben. Wir kämpfen nicht alleine dagegen. Am 10. November waren wir beteiligt an den landesweiten Demonstrationen der Bewegung »Frente Brasil Popular«. Die Auseinandersetzung umfasst die gesamte Gesellschaft, und wir arbeiten mit den Arbeitern in den urbanen Räumen zusammen. Natürlich mobilisieren wir auch weiterhin gegen den Putsch Michel Temers gegen die vorige Staatspräsidentin Dilma Rousseff.

Die Bewegung der Landlosen besteht seit 30 Jahren. Was hat sich in diesen Jahrzehnten geändert?

Wir verfolgen immer noch dieselben Prinzipien wie bei der Gründung, passen diese aber der aktuellen politischen Situation an. Als die Bewegung startete, war die größte Frage der Kampf um den Boden. Doch das reicht nicht, denn selbst wenn die Menschen Land erhalten, fehlen ihnen die Mittel, es auch zu bearbeiten. Wir setzen uns also nicht nur für die Landreform ein. Wir wollen auch Verbesserungen bei der Bildung, der Gesundheitsversorgung. Mit über einer Million Familien sind wir in Lateinamerika die größte soziale Bewegung dieser Art.

Warum ist die Landreform so wichtig für die Umgestaltung der Gesellschaft?

Das Problem ist, dass eine richtige Landreform unter kapitalistischen Bedingungen, den Gesetzen des Privateigentums, nicht möglich ist. Die Umgestaltung der Gesellschaft nach sozialistischem Prinzip ist hier unbedingt nötig. Nur sie würde es jedem erlauben, sein eigenes Land zu bestellen und auch genügend zu essen zu haben. Es ist eine einzige Tragödie, dass in einem Land wie Brasilien, mit einer so reichen und hoch diversifizierten Landwirtschaft, Menschen immer noch hungern und kein Dach über dem Kopf haben. Die Landreform für das Volk und der Sozialismus gehen Hand in Hand.

Was hat sich konkret seit Temers Putsch verändert?

Wir sehen uns gegenwärtig mit einer zunehmenden Kriminalisierung unserer Bewegung konfrontiert. Unsere Aktivisten werden ins Gefängnis gesteckt, gefoltert, ermordet. All das ohne Grund, ohne Prozess, ohne Konsequenzen. Vor kurzem wurde in Bahia einer unserer Aktivisten, Fábio Santos, verhaftet und gefoltert. Die Polizei drohte, dass sie nicht für sein Leben garantieren könne, würde er die Bewegung nicht verlassen. Er antwortete ihnen, er werde die Bewegung nicht verlassen. Zwei Monate später wurde er von zwei Motorradfahrern umgebracht! Niemand schert sich darum, es gibt keine Ermittlungen! Dazu kommt, dass der Druck des internationalen Kapitals zugenommen hat. Es wurden Gesetze geschaffen, die das Land dazu zwangen, die Ressourcen zu veräußern. Speziell US-amerikanische und kanadische Multis kaufen das Land auf und auch die Minen. In Amazonien gab es einen Fall, wo Unternehmen die Leiter unserer Siedlungen umgebracht haben. Sie wollten uns loswerden, weil sie den Urwald ausbeuten wollten.

Wie gehen die Medien damit um?

Globo, das dominierende Mediensyndikat Brasiliens, arbeitet sehr aktiv gegen uns. Sie verbreiten die Lügen; sie sagen, wir wären Terroristen und würden den Frieden in Brasilien stören. Die Medien helfen der Regierung bei ihrem Versuch, die Bewegung zu zerstören.

Haben Sie Unterstützer im Ausland?

Wir haben seit langer Zeit sehr gute Verbindungen zu Aktivisten in Venezuela. Viele Bauern in Venezuela sind wegen des Öls von den Feldern in die Städte gegangen. Dort hatten sie aber große Schwierigkeiten. Wir sind aus Brasilien zu ihnen gereist, um sie zu überzeugen, dass sie wieder zurück auf die Felder gehen, um diese zu kultivieren. Auf der anderen Seite gehen viele unserer Aktivisten nach Venezuela, um Medizin zu studieren. Wir brauchen unsere eigenen Ärzte. Und die medizinische Ausbildung in Venezuela ist mindestens so gut wie die auf Kuba. Auch mit Kuba haben wir sehr gute Beziehungen, und auch dorthin gehen unsere Leute, um Medizin zu studieren.

Maria Alcione Manthay engagiert sich im Movimiento dos Trabalhadores Rurais sem Terra (etwa: Bewegung der Landlosen), der sich für eine ­Umverteilung des Bodens einsetzt


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Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Rollback in Brasilien Der rechte Umsturz und der Widerstand

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