Aus: Ausgabe vom 18.11.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Stadt der Kontrolle

Kundschafter im Kiez: Der US-Internetkonzern Google plant die Eröffnung eines »Campus Berlin« mitten in Kreuzberg

Von Stefan Klein
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Kundschafter im Kiez: Der Internetkonzern macht sich in Kreuzberg breit

Zum Amtsantritt als Bundesratspräsident pries Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) Anfang November die Spreemetropole als »Hauptstadt der Digitalisierung und der Startups«. Da nimmt es nicht wunder, dass er sich auch über die Ansiedlung von Google im Stadtteil Kreuzberg freut. In dem von galoppierender Gentrifizierung geplagten Kiez wird das Unternehmen voraussichtlich Ende des Jahres im ehemaligen Umspannwerk am Landwehrkanal nach entsprechenden Umbauten den weltweit siebten »Google-Campus« errichten. Müller liegt mit seiner Vermutung, der Bau »könne zu einer noch stärkeren Zusammenarbeit zwischen den wissenschaftlichen Institutionen der Stadt und der Wirtschaft beitragen«, allerdings weit daneben. Die Wissenschaft wird dort nicht gedeihen. Vielmehr dient die Einrichtung dem Konzept von ­Googles Mutterkonzern Alphabet, über das Internet hinaus Kontrolle über immer weitere Bereiche des realen Lebens zu gewinnen. Wie in allen anderen dieser Campusse sollen Startups mit Google in Kontakt treten und schließlich in die Konzernstrategie eingebunden werden. In Berlin werden hierzu demnächst acht Gründer für ein sechsmonatiges Intensivtraining ausgewählt, Chancen haben Bewerber mit »elektrisierenden« Ideen.

Unterdessen schwärmen Google-Mitarbeiter in die Nachbarschaft aus und besuchen kleine und mittlere Gewerbetreibende. Die jungen Herren wirken in ihren Anzügen wie Abgesandte einer christlichen Sekte, und die Kreuzberger Verhältnisse bringen sie zum Staunen. Verblüfft zeigten sie sich etwa von einem Bioladenkollektiv, das erklärte, keinen Chef zu haben. Die ­Google-Emissäre boten ihm Hilfe bei der Geschäfts- und Marketingoptimierung an. Kostenlos – aber gegen Überlassung aller Geschäftsdaten. Keine Frage, auch eine herkömmliche Unternehmensberatung benötigt diese Angaben. Aber nach Ausführung des Auftrags ist die Weitergabe an Dritte untersagt, und für den eigenen Betrieb wären solche Daten vermutlich eher nutzlos. Anders bei Google. Der weltumspannende Konzern erhebt auf solchen und anderen Wegen Informationen über eine einzelne Firma, von deren Nachbarn, der Straße, dem gesamten Kiez, und kann sie in Beziehung setzen zu den Milliarden Daten, die er ohnehin tagtäglich über die Nutzer der Google-Dienste im Internet sammelt.

Und dieses Konzept zur Erfassung so erschöpfenden Materials will ­Google mit Unterstützung der ebenfalls zu Alphabet gehörenden Firma Sidewalk Labs auf die Spitze treiben. An Torontos Seeufer liegt ein zirka drei Quadratkilometer großes Areal. Auf diesem Stück Land will Sidewalk Labs seine Vorstellung von Zukunft verwirklichen – die »Smart City«: Unterirdisch agierende Transport- und Müllroboter, selbstfahrende, der Allgemeinheit zur Verfügung stehende Autos, Wege für Radfahrer und Fußgänger, die Vorfahrt genießen sollen, dazu variabel gestaltete Hauselemente, die je nach Bedarf zum Wohnen oder dem Gewerbebetrieb dienen sollen. Und nicht nur für die Reichen soll es sein: Google verkündete, bis zu ein Drittel der Wohnungen sei für Menschen mit niedrigem Einkommen vorgesehen.

Doch nicht alle sind zufrieden. Am 1. November gab es ein »Town Hall Meeting«, eine öffentliche Zusammenkunft, auf der der Internetkonzern Rede und Antwort stehen sollte. Das Interesse war überwältigend: 900 Teilnehmer fanden im »St. Lawrence Centre for the Arts« Platz, weitere 1.000 standen auf der Warteliste, wie das Onlineportal Motherboard berichtet. Vor dem Eingang demonstrierten Mitglieder von ACORN Canada, einer unabhängigen Organisation, die sich für Menschen mit mittlerem und niedrigem Einkommen einsetzt. Der Sprecherin der lokalen ACORN-Gliederung, Alejandra Ruiz Vargas, fehlt der Glaube an die schönen Bilder, die die Schwesterfirma von Google zeichnet: »Sidewalk Labs haben gesagt, dass 20 Prozent der Häuser erschwinglich wären. Erschwinglich für wen?« fragte sie und erklärte: »Das Seeufer ist öffentliches Land. Wenn ­Google eine Smart City auf unserem Land baut, muss es Familien mit niedrigem Einkommen auch möglich sein, dort zu leben.« Grundsätzlichere Kritik äußerte der Publizist Evgeny Morozov in einem Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung: »Das Kalkül des Konzerns besteht darin, coole digitale Dienste bereitzustellen, um ein vollständiges Monopol bezüglich des Daten-Extraktivismus in einer Stadt zu etablieren.« Morozov zufolge besteht das langfristige Ziel von Alphabet darin, »die Hindernisse für die Akkumulation von Kapital in städtischen Umgebungen zu beseitigen – meist indem formelle Regeln und Einschränkungen durch weichere, auf Feedback basierende Ziele ersetzt werden.«

Google strebt die Stadt der Kontrolle an. Hierbei setzt der Konzern auf die Erfahrungen und Strategien, mit denen er im Internet erfolgreich war. Ein verführerischer Service wird der Nutzerin oder dem Nutzer entgeltfrei zur Verfügung gestellt. Selbst die im Gegenzug geforderte Offenbarung persönlicher Daten erscheint vielen dabei vertretbar. Doch mit der Errichtung realer Stützpunkte wie jetzt in Kreuzberg und Zentren wie in Toronto tritt der »Daten-Extraktivismus«, die Kontrolle über jeden einzelnen, in eine neue Phase. Während man online statt Google auch eine andere Suchmaschine nutzen kann, werden die Menschen von Torontos Waterfront wegziehen müssen, wenn sie sich dem Einfluss des Konzerns entziehen wollen. Dorthin, wo man nicht von ihm kontrolliert wird – solange es einen solchen Ort noch gibt.

Hintergrund: Ein Stadtteil wehrt sich

Die ersten Anzeichen des Protests gegen den geplanten »Google-Campus« zeigten sich auf Kreuzberger Art: Die Sprüche »Google, du Scheiß-Petze« und »Freiheit lässt sich nicht ergoogeln« waren bereits vor einigen Monaten als Graffiti an Hauswänden zu lesen. Sticker und Plakate, die den Internetkonzern als Datenkrake und ähnliches darstellen, tauchten auf – und werden zumindest im direkten Umfeld des geplanten Projekts regelmäßig von unbekannter Hand auffallend rasch wieder entfernt. Es folgten Plakate, auf denen die anarchistische Bibliothek »Kalabalik«, gleich um die Ecke von der Campus-Baustelle, zum »Anti-Google-Café« einlud. Jeden zweiten Sonntag treffen sich dort seitdem Aktivisten und Anwohner, um über mögliche Maßnahmen gegen die Ansiedlung zu beraten. Erstes sichtbares Ergebnis ist der Shitstorm, eine Zeitung, die über Googles Vorhaben und dessen Hintergründe berichtet.

Hoffnungen, dass der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg den Ausbau des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes verhindern würde, zerschlugen sich bald. Mehr als Auflagen für die Umbauarbeiten verhängte das Bezirksamt nicht. Ende August wurden die Proteste dann handfester, als das Gebäude des ehemaligen Umspannwerks mit gelben Farbflecken und einem vier Meter langen Graffito mit dem Text »Fuck Google« versehen wurden. Auch lokale Gruppen mit eher friedlicher, aber ebenso deutlicher Haltung schalteten sich ein. So veranstaltete die Nachbarschaftsinitiative »GloReiche« zusammen mit dem Anti-Google-Café als Auftakt der Veranstaltungsreihe »Interlause« in den Gewerbehöfen in der Lausitzer Straße einen Informationsabend zum Thema, der über den letzten Platz hinaus besucht war. Im Anschluss an die Vorträge diskutierten die Besucher über mögliche Aktionen und beendeten den Abend mit einer Spontandemo vor dem Umspannwerk.

Das Interesse der Medien am aufkommenden Protest ist groß. Neben der Berliner Presse wurden auch der italienische Dokumentarfilmer Cosma Giuliano Quaglia und die Zeitung El Salto aus Spanien darauf aufmerksam, dass sich in Kreuzberg etwas tut. Selbst in Südkorea erschien dieser Tage ein Artikel, der über die Situation im Kiez berichtet. Und die Aktivitäten weiten sich aus. Am 30.11. wird der Widerstand gegen Googles Pläne ein zentrales Thema auf der Kiezversammlung im »SO36« in der Oranienstraße sein. Gerüchte über eine gemeinsame Aktion mit Aktivisten aus San Francisco und Toronto machen die Runde. Ab Ende November wird sich Google wohl nicht nur wegen des berüchtigt kalten Berliner Winters noch wärmer anziehen müssen. (stk)


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