Aus: Ausgabe vom 17.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

»Das ist Brechts Thema«

Über seine Inszenierung der »Tage der Commune«. Gespräch mit Peter Wittig

Von Interview: Gerd Bedszent
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»Die Freiheit der Unterdrücker kann niemals die Freiheit der Unterdrückten sein« (Probenfoto)

Heute hat Ihre Inszenierung von Brechts »Die Tage der Commune« in Berlin Premiere, wo das Stück seit den 70er Jahren nicht zu sehen war. Was hat Sie veranlasst, es in Angriff zu nehmen?

Braucht es für diesen Theatertext einen Anlass? Dass wir »Tage der Commune« spielen, ist vor allem Ausdruck unserer Sorge angesichts des Rollbacks. Brecht trieb schon 1948/49, als er »Commune« schrieb, die Frage um: Wie lange werden wir uns halten können? Wir haben uns 40 Jahre lang gehalten. Aber bei der Unidad Popular in Chile waren es nur drei Jahre bis zu Pinochets Putsch mit der CIA im Hintergrund, der mich – bis dahin ein blasierter Dresdener Bürgerknabe – politisch erwachen ließ. Das ist für mich, wenn ich über »Tage der Commune« nachdenke, genauso präsent wie der »Regime-Change« in Libyen 2011 oder der Druck des Westens auf die Bolivarische Republik Venezuela.

Brechts Text ist aktuell?

Aktueller denn je! Es geht um Menschenrechte: essen, wohnen, lieben. In den Genuss dieser Rechte kommt im Kapitalismus jeder, der bezahlen kann. Wer nicht bezahlen kann, muss sie sich nehmen. Die Frage ist: wie? Schreiben Sie in Klammern: Mit Liebe meine ich nicht die käufliche. Ich rede eher von der Erfahrung, die ein Hartz-IV-Opfer machen kann, wenn von Amts wegen eine »Bedarfsgemeinschaft« festgestellt wird, Klammer zu. Diese Grundrechte sind im Kapitalismus keinesfalls garantiert.

Von einer Arbeiterregierung, wie sie die Commune 1871 in Paris erkämpfte, sind wir weit entfernt. Ist das Stück heute mehr als ein Historiendrama?

Es ist reich an dokumentarischem Material, aber weniger eine Geschichtslektion. Eher, wie so oft bei Brecht, eine Parabel. Geht es nicht um eine einzige Frage, damals wie heute, nämlich um den Zusammenhang von Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und revolutionärer Gewalt? Freiheit ist eine Worthülse. Die Freiheit der Unterdrücker ist die des Kapitals und kann niemals die Freiheit der Unterdrückten sein. Die setzt soziale Gerechtigkeit voraus. Generationen von Arbeitern haben sie erkämpft. Noch mal in Klammern: Solange es das sozialistische Lager gab, musste der Kapitalismus auch auf diesem Gebiet wenigstens konkurrenzfähig scheinen. Seit 1990 hat er es nicht mehr nötig.

Plädiert Ihre Inszenierung also mit Brecht für revolutionäre Gewalt?

Gewalt? Die ist verpönt. Dafür sorgen vor allem die, deren Herrschaft auf Gewalt beruht. Ausbeutung ist Gewalt. Sozialabbau ist Gewalt. Wirtschaftsdiktate, Kriege – Entschuldigung: humanitäre Einsätze – sind Gewalt. Revolutionäre Gewalt ist Gewalt gegen die Gewalt. Wer eine solidarische Welt will, ist zuerst einmal überzeugt, dass Gewalt nicht unser Ding ist, und oft entsprechend weniger konsequent als der Gegner, der selbst mit Vorbildern gewaltlosen Widerstandes wie Jesus, Gandhi oder Martin Luther King nie zimperlich umging.

Die Pariser Kommunarden haben damals weder Versailles angegriffen, wo die bürgerliche Regierung verschanzt war, noch die Bank von Frankreich enteignet. Ihre Skrupel waren der Gegenseite – Adolphe Thiers, danach französischer Präsident, und Bismarck – fremd. Das ist Brechts Thema. Der Schluss des Stückes ist einer der makabersten der deutschen Dramatik: Bourgeoisie und Aristokraten hocken in Versailles, gucken durch Operngläser und geilen sich daran auf, wie die Revolution unter Kanonenschüssen und im Feuer brennender Häuser stirbt. Wollen wir jetzt mal ein bisschen über Theater reden?

In der »Commune« gibt es mehr als 50 Figuren, etliche Schauplätze, Barrikaden, Kanonen – ist so ein Projekt überhaupt zu stemmen für eine freie Gruppe?

Aufgabe des Theaters, sagt Brecht, ist, den Zuschauer gut zu unterhalten. Also ziehen wir alle Register: zu Beginn eine Räuberpistole, ein Brathuhn wird requiriert, am Ende ein Requiem. Dazwischen: viel Komödie, nicht zuletzt schwarze. Zehn Darsteller spielen alle Rollen, auch gegenteilige: Madame Cabet ist Thiers, »Papa« ist Bismarck. Wir haben eine zum Zuschauer offene Spielweise gewählt. Kostüme und Requisite fordern die Phantasie des Publikums. Wichtig ist die Musik von Hanns Eisler. Am Berliner Ensemble waren 1962 nur fünf Lieder zu hören. Im Eisler-Archiv las ich die Originalpartitur. Wir können sie nicht komplett bringen, aber bei uns erklingen sieben Lieder, die kleine Ouvertüre, mehrere Zwischenaktmusiken, drei Tänze. Um endlich auf Ihre Frage zu kommen: Das Ganze steht und fällt mit dem Kollektiv.

Orientieren Sie sich an Manfred Wekwerths BE-Inszenierung von 1962?

Nein, diese Spielfassung ist eine Legende: 188 Aufführungen bis 1971! Hilmar Thate, mit heller Stimme und umgehängtem Gewehr die Resolution der Kommunarden singend, das bleibt unvergessen. Für diese Version wurden Szenen gestrichen, neue Passagen eingefügt. Bei allem Respekt wagen wir nun die Berliner Erstaufführung des Originals, halten dessen locker gebaute, schlaglichtartige, zum Teil widersprüchliche Szenenfolge für eine besondere Qualität. Seit »Urfaust« und Büchner sollte das niemanden mehr irritieren.

Wollen Sie ein paar Unterschiede zur Spielfassung des BE nennen?

Wir bringen Szenen, die am BE fehlten: einen alten Bettler, einen zur Kommune übergetretenen Offizier der Linientruppen. Am BE endete die Aufführung mit »Keiner oder alle«. Dieses Lied steht bei Brecht in ganz anderem Zusammenhang. An den Schluss gesetzt, gestattete es dem Publikum damals, sich als Sieger der Geschichte zu fühlen. Wir bleiben bei Brechts Figurenprofilen. In der Fassung von ’62 wurde etwa Jean Cabet zum Revolutionär. In seinen Text wurden Sätze eingefügt, die in der Originalversion andere Figuren sprechen. Und dann natürlich »In Erwägung«, die Resolution der Kommunarden. Das Lied wurde von Brecht keiner bestimmten Figur zugeordnet; hier muss der Regisseur entscheiden. Wir entschieden uns für den Chor. Vielleicht singen die Zuschauer mit. Wollen wir’s hoffen.

Können Sie mit Ihrer Inszenierung die Welt verändern?

Ich fürchte nein. Im Ernst: Theater kann die Welt nicht ändern. Aber Theater kann Mut machen, sie zu ändern.

Peter Wittig ist Regisseur und Mitbegründer von »SiDat!« (»Simon Dach Projekttheater«)

Vorstellungen: 17., 18. u. 19. 11., 18. u. 19. 12., jeweils 19.30 Uhr, Theater unterm Dach, Danziger Str. 101, 10405 Berlin

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