Aus: Ausgabe vom 16.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Nie mehr privat

Von Thomas Wagner
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Wieviel von seinem Innersten nach außen getragen wird, will dieses Individuum zumindest mitentscheiden (Protest vor einer Apple-Filiale in New York)

Wirkliche Meinungsvielfalt und Pluralität kann nur gedeihen, wenn diejenigen, die unorthodoxe Ideen entwickeln, das in einem geschützten Raum tun können. Zumindest in der Privatsphäre sollten Gedanken tatsächlich frei sein können. Diese Auffassung war lange Zeit in allen politischen Lagern verbreitet. Dieser gesellschaftlichen Konsens begann zu erodieren, als eifrige Verfechter des kommunikationstechnologischen Fortschritts das Konzept der Privatsphäre mit der globalen Durchsetzung des Internets für unvereinbar erklärten. Für den Schutz von Bürgerrechten, so die Argumentation der Post-Privacy-Protagonisten, sei in der digital vernetzten Welt einfach kein Platz mehr. Datenschutz sei im Zeitalter von Facebook, Google und Co. technisch nicht mehr realisierbar, Widerstand zwecklos. »Wer heute Daten sammelt, speichert oder gar auswertet, kann nicht für ihre Sicherheit garantieren. Egal wie gut der Datenkäfig aus Geheimhaltung, Verboten oder Verschlüsselung geschmiedet sein mag«, schrieb der Blogger und Filmkritiker Christian Heller 2011 in seinem Buch »Post-Privacy. Prima leben ohne Privatsphäre«. Wer die Privatheit dennoch zu verteidigen suche, führe lediglich Rückzugsgefechte. Es gehe nur noch darum, »den Rückzug möglichst unblutig zu gestalten und das Unabwendbare vielleicht lange genug hinauszuzögern, damit wir uns ein wenig darauf einstellen können«. Schon damals war er sich sicher: »Es wird keinen Bereich mehr geben, in dem wir uns vor fremden Blicken sicher glauben können.«

Heller und seine Gesinnungsgenossen treten die Flucht nach vorn an. Wenn Privatheit nicht mehr möglich sei, dann sollte die Gesellschaft so eingerichtet werden, dass sich niemand mehr vor Benachteiligung aufgrund einer öffentlich gewordenen Information fürchten müsse. Doch dürfte dieser Kampf nicht weniger schwierig sein als der für den Datenschutz. Der Gegner ist nämlich derselbe. Eine Phalanx kapitalistischer Konzerne, die von der ökonomischen Ungleichheit und der Datenspionage profitiert.

Drei triftige Einwände gegen die Post-Privacy-Ideologie sind im September 2015 von der Grundwertekommission der SPD in dem Papier »Sozialdemokratische Grundwerte in der digitalen Gesellschaft« formuliert worden. »Erstens wird hier die sich gegenwärtig abzeichnende technisch-kapitalistische Entwicklung als gegeben angenommen. Zweifellos ist sie aber menschengemacht und entsprechend auch von Menschen gestaltbar. Zweitens ist eine Gesellschaft, in der jede Information transparent sein kann, ohne dass das Individuum diskriminiert wird, nicht nur schwer vorstellbar, vor allem ist ihr dauerhafter Bestand unwahrscheinlich. (…) Und drittens schließlich blenden die Post-Privacy-Protagonisten aus, dass es ein entscheidendes Merkmal eines freien Individuums ist, selbst darüber zu entscheiden, wieviel von seinem Innersten nach außen getragen werden soll.«.

Der Politologe Evgeny Morozov macht keinen Hehl daraus, dass er das kommerzialisierte Internet der Konzerne für eine die Demokratie gefährdende Fehlentwicklung hält. Mit dem Versprechen besserer Konsumerlebnisse werde eine neue Überwachungsinfrastruktur errichtet, die von datenhungrigen Unternehmen und Regierungen missbraucht werden könne. Er will sich nicht damit abfinden, dass es zum Datenkapitalismus keine Alternative geben soll und forderte seine Leser schon am 30. November 2011 in der FAZ dazu auf, »die Vision eines Bürger-Internets« zu entwickeln. Viel hat sich seitdem leider nicht getan.


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