Aus: Ausgabe vom 16.11.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Schippern im Paradies

Superreiche weltweit schmücken sich mit Megajachten. Doch die Schiffe sind auch Symbol und gelegentlich Garant ihrer großen Freiheit

Von Klaas Brinkhof
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Steueroase und höhere Gewalt: Nach Besuch des Wirbelsturms »Irma« sah der Virgin Gorda Yacht Harbour unaufgeräumt aus

Luxusjachten sind Statussymbole. Die längste besitzt aktuell Scheich Chalifa Bin Zayid Al Nahyan. Der ist Emir von Abu Dhabi, einem der Staaten der Vereinigten Arabischen Emirate. Seine »Azzam« misst stattliche 180 Meter – länger als manches Kreuzfahrtschiff. Angeblich besitzt sie als kleine Extras ein Raketenabwehrsystem und ein U-Boot, mit dem der Monarch notfalls abtauchen und fliehen kann, vor wem auch immer. 490 Millionen Euro soll die Lürssen-Werft in Bremen für den Bau bekommen haben, berichtete die New York Post anlässlich des Stapellaufs 2013.

Lürssen äußert sich grundsätzlich nicht zu privaten Auftraggebern. Diskretion hat oberste Priorität. So ist es kein Wunder, dass sich auch die niederländische Heesen-Werft aus Oss nicht besonders dafür interessierte, für wen sie die »Galactica Star« bauen sollte. Wie aus den jüngst bekannt gewordenen »Paradise Papers« hervorgeht, verkaufte sie das Schiff 2013 für 82 Millionen Euro an die eigens kurz zuvor gegründeten Maklerfirma Speedwave 65 auf den britischen Jungferninseln – bekanntermaßen eine von Superreichen gerne genutzte Steueroase in der Karibik.

Speedwave 65 gab das Schiff innerhalb eines Monats an die Briefkastenfirma Earnshaw Associates Limited weiter, die ebenfalls auf den »British Virgins« registriert ist, berichtet das Financieele Dagblad (FD) vergangenen Freitag in ihrer Onlineausgabe. Die Firma gehört mutmaßlich dem nigerianischen Ölmagnaten Kola Aluko. Der wird in seiner Heimat und in den USA wegen Bestechung und Korruption gesucht. Acht Monate nach dem Deal wurde Speedwave 65 wieder aufgelöst, schreibt das niederländische Finanzblatt.

Aluko soll sich durch Ölgeschäfte auf Kosten des Staates ein Vermögen von 1,8 Milliarden US-Dollar ergaunert haben, berichtete der niederländische Sender RTL vergangene Woche. Damit gehört der Magnat laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes zu den 40 reichsten Afrikanern. Die Heesen-Werft wäscht ihre Hände in Unschuld: Sie sei an dem Verkauf an Aluko nicht beteiligt gewesen, das sei Sache des Auftraggebers, sagte ein Sprecher dem FD.

Aluko und seine Protzschiff waren bereits in den »Panama Papers«, dem Vorgänger der Paradiespapiere und vom selben »Recherchenetzwerk« öffentlich gemacht, ein Thema. Der Milliardär habe Nigeria betrogen, dessen Öl geklaut, mit dem er stinkreich geworden sei. Das höchste Gericht in Lagos listete unlängst Alukos Besitztümer auf, soweit sie bekannt sind. Darunter die »Galactica Star«, vier Immobilien in Kalifornien, zwei Penthouse-Wohnungen in Manhattan, eins in Dubai, 132 Häuser und Apartments in Nigeria, Land in Kanada und der Schweiz usw. Sein Geld bringt der Herr gerne in der Schweiz und in London auf die Bank. Das Gericht hat die Besitztümer vorerst beschlagnahmen lassen.

»In einer anderen Untersuchung prüfen die nigerianischen Behörden, ob Aluko beim Schmuggel von Millionen von Dollars geholfen hat«, heißt es in den Panama Papers. Die ehemalige Erdölministerin Diezani Alison-Madueke sei in die Sache verwickelt, hieß es. Sie ließ sich, so der Vorwurf, von Aluko kaufen. Nun wartet sie in einer Gefängniszelle in Nigeria auf seinen Prozess. Aluko schippert offenbar noch über die Meere.

Beide sind Teil eines Kartells aus Geschäftsleuten, Militärs, Politikern und Stammeschefs, die sich am Ölreichtum des Landes bereichern. »Nigeria verliert mehr Geld wegen unerlaubter Aktivitäten als jede andere afrikanische Nation«, so die Panama Papers. Bestechung und Steuermissbrauch eingeschlossen.

Laut Paradise Papers hat auch die Feadship-Werft aus dem niederländischen Makkum mit einem Unternehmen aus der Karibik gedealt. Für 212 Millionen Euro verkaufte sie die Megajacht »Madame Gu« nach Belize und von dort »erwarb« sie der eigentliche Eigner auf den Cayman Islands, ein »britisches Überseegebiet« und Steueroase. »Wer das ist, wird durch ein Wirrwarr von Betrieben auf den Jungferninseln, Panama und der Schweiz verschleiert«, berichtet RTL auf seiner Homepage. »Über Firmenregister ist diese Struktur nicht nachzuvollziehen«, verteidigt das FD die Werft. Die Paradise Papers legen nahe, dass die Jacht letztendlich in den Besitz der Ehefrau eines russischen Multimilliardärs gekommen ist.

Das niederländische Katasteramt fordert, die Registrierung von Luxusschiffen dieser Art müsse endlich Pflicht werden. Dazu gehöre, dass ein ausländischer Betrieb einen Auszug aus dem Handelsregister des Heimatlandes vorlege, aus denen auch die Eigentumsverhältnisse hervorgehen. Damit könne besser verhindert werden, dass auf diesem Weg Geld gewaschen wird. »Leider gehört der ›UBO-Check‹, mit dem man den tatsächlichen Eigner ermitteln kann, noch nicht zu den heutigen Möglichkeiten. Das wird anders, wenn das Register eingerichtet ist«, bedauert ein Sprecher der Behörde im FD die Intransparenz. Die EU verlangt seit dem Sommer die Einführung eines derartigen Registers in allen Mitgliedstaaten. Belgien hat im September ein entsprechendes Gesetz erlassen, in den Niederlanden war das nicht möglich, weil sich die Bildung der neuen Regierung lange hingezogen hatte.

Dem Internet-Schiffsorter »Maritime Traffic« zufolge liegt die »Galactica Star« derzeit im Hafen von Cancun, Mexiko. Kola Aluko soll nach Informationen des Financieele Dagblad an Bord sein. Ob das Schiffchen demnächst mal wieder vor Capri kreuzen wird wie im September 2015, ist unwahrscheinlich. Damals hatte sich Popstar Beyoncé die Jacht eine Woche lang für angeblich 900.000 Dollar gemietet, um mit ihrem Gatten vor der Küste Italiens Urlaub zu machen.


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  • Volker Wirth: Werften unschuldig Der Artikel legt das Gewicht m. E. zu sehr auf die Yachtwerften. Aber die sind unschuldig! »Transfer Prices« – anfangs vor allem für Rohstoffe aus Dritte-Welt-Ländern – sind ein altes Thema. Doch auch...

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