Aus: Ausgabe vom 16.11.2017, Seite 4 / Inland

EU-Spardiktat tötet in Griechenland

Hamburg: Gründer der ersten Athener Sozialklinik schildert desolate Gesundheitsversorgung

Von Kristian Stemmler
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Immer wieder protestieren Beschäftigte von Krankenhäusern in Griechenland gegen die fortgesetzten Mittelkürzungen für das staatliche Gesundheitswesen - hier am 2. März dieses Jahres in Athen

»Austerity kills! – Austerität tötet!«, lautet eine Parole gegen die drastische Kürzungs- und Privatisierungspolitik, die südeuropäischen Staaten von der EU und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) aufgezwungen wird. Hört man den Berichten des griechischen Kardiologen Giorgos Vichas zu, ist klar, dass es sich bei dem Slogan um eine realistische Beschreibung der Lage handelt. Der Gründer und Leiter der Sozialklinik Elliniko in Athen war am Donnerstag Gast einer Veranstaltung im Hamburger Uniklinikum Eppendorf (UKE). Eingeladen hatte die AG Kritische Mediziner*innen in Kooperation mit dem Förder- und Freundeskreis »Elliniko« und dem Allgemeinen Studierendenausschuss der Uni Hamburg.

Wie Austeritätspolitik (Austerität heißt übersetzt »Sparsamkeit« bzw. »Disziplin«, ein Euphemismus also) tötet, machte Vichas mit erschreckenden Fakten und Zahlen deutlich. Seit Ausbruch der Krise in seinem Land 2008 seien die Ausgaben für das öffentliche Gesundheitswesen um rund 60 Prozent gekürzt worden, von 24 auf rund 9,5 Milliarden Euro im Jahr. Viele Gesundheitszentren und Krankenhäuser hätten in den letzten Jahren schließen müssen, die Hälfte aller Ärzte an staatlichen Kliniken seien entlassen worden. Rund 20.000 Ärzte hätten Griechenland verlassen, die Abwanderung halte an.

All das, so Vichas, habe verheerende Folgen. So breiten sich längst marginalisierte Erkrankungen wie Tuberkulose wieder aus. Der Anteil der an Diabetes mellitus erkrankten Menschen in der Bevölkerung sei von 2009 bis 2015 von 7,9 auf 9,2 Prozent gestiegen, bei Depressionen habe es in diesem Zeitraum einen Anstieg von 2,6 auf 4,7 Prozent gegeben. Die Selbstmordrate sei angestiegen, ebenso die Säuglingssterblichkeit, nämlich von 2,7 Fällen auf 1.000 Geburten im Jahr 2010 auf 4,2 in 2016. Seit 2011 gebe es im Land – zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs – mehr Sterbefälle als Geburten.

Wegen der hohen Arbeitslosigkeit und Armut seien von elf Millionen Griechen etwa 2,5 Millionen – also fast ein Viertel – nicht mehr krankenversichert, sagte Vichas. Seit 2016 hätten die Betroffenen zwar wieder Zugang zum öffentlichen Gesundheitswesen. Die Versorgung habe sich aber nicht verbessert, das sei »reine Kosmetik«. Viele Menschen müssten an essentiellen Gütern sparen, um Behandlungen bezahlen zu können. »Zu mir kommen Rentner und sagen: Entweder wir kaufen uns Medikamente oder genug zu essen. Beides geht nicht«, berichtete der Mediziner.

In diesem Jahr sei den Kliniken bereits im September das Geld ausgegangen, so Vichas. Im Vorjahr sei das erst im November der Fall gewesen. Das führe zu »paradoxen Situationen«. Kürzlich hätten sich zwei staatliche Krankenhäuser an seine Klinik gewandt, weil ihnen die Krebsmedikamente ausgegangen seien. Das öffentliche Gesundheitswesen in Griechenland wird nach Einschätzung des Artzes bewusst gegen die Wand gefahren, »um Privatisierungen durchzusetzen«.

Vichas gründete die Athener Sozialklinik Elliniko 2011 als erste ihrer Art. Für sein freiwilliges Engagement wurde der 56jährige kürzlich mit dem »Medical Peace Award« der Organisation »Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges« geeehrt. In der Sozialklinik werden alle Patienten unentgeltlich behandelt, mit Medikamenten versorgt und beraten. Ärzte, Pfleger, Apotheker und Aktive aus der Nachbarschaft engagieren sich dort freiwillig und oft neben ihrer eigentlichen Berufstätigkeit. Der Hamburger Freundeskreis Elliniko gehört zu den Unterstützern des Krankenhauses. Kalliopi Brandstätter, Gründerin und Vorsitzende des Vereins, berichtete von dessen Arbeit: Seit 2016 helfe man Kliniken in ganz Griechenland, etwa mit hochwertigen Diagnosegeräten. An Arzneien spende man fast ausschließlich teure Krebsmedikamente, die dort dringend benötigt würden.

Hamburger Freundeskreis der ­Sozialklinik online: elliniko-friends.eu

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