Aus: Ausgabe vom 16.11.2017, Seite 1 / Titel

Die Stundendiebe

Weniger lang im Betrieb sein? Die IG Metall will über die Arbeitszeiten in der Metallindustrie verhandeln. Das Kapital läuft schon jetzt Sturm

Von Johannes Supe
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Wie in alten Zeiten: Das aus aktuellem Anlass leicht abgewandelte Logo der Gewerkschaften für den Kampf um eine Reduzierung der Arbeitszeit

Der Kampf um die Arbeitszeiten in Deutschland ist in vollem Gange. Begonnen haben ihn nicht Arbeiter und Angestellte, sondern Unternehmen, die die Möglichkeiten von Handy, Tablet und Co. geschickt dazu nutzen, ihre Mitarbeiter auch daheim arbeiten zu lassen. Doch an diesem Mittwoch stieg Deutschlands größte Gewerkschaft in das Ringen ein: Die Tarifrunde der Metallindustrie begann in verschiedenen Bundesländern – und die IG Metall fordert mehr Verfügungsrechte über die eigene Arbeitszeit für die Beschäftigten.

Sechs Prozent mehr Lohn verlangt die Gewerkschaft für die rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Branche. Doch für mehr Aufregung sorgt ein anderes Anliegen der IG Metall: Künftig sollen Arbeiter das Recht erhalten, maximal zwei Jahre lang ihre Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden zu reduzieren. Damit verbunden wäre die Möglichkeit, später wieder Vollzeit zu arbeiten; wer kürzer treten will, um Kinder zu betreuen oder Angehörige zu pflegen, oder wer Schichtarbeit leistet, soll zudem einen Entgeltausgleich von bis zu 200 Euro im Monat erhalten. Bislang müssen in der Metall- und Elektroindustrie 35 Stunden in West- beziehungsweise 38 Stunden in Ostdeutschland gearbeitet werden.

In Berlin zeigten sich die Arbeiter bei einer Kundgebung der Gewerkschaft am Mittwoch morgen vollauf zufrieden mit der Forderung. »Das bedeutet einfach mehr Zeit für uns«, sagte Bojan Westphal, der bei Mercedes tätig ist. Endlich müssten auch die Arbeiter am guten Gang der Geschäfte beteiligt werden. Seinen rund 300 anwesenden Kollegen rief er zudem zu: »Wir legen keinen Wert auf eine lange Auseinandersetzung. Aber wenn die Arbeitgeber das so wollen, haben wir auch kein Problem damit, die Fabriken für mehrere Tage lahmzulegen.«

Schon im Vorfeld der ersten Verhandlungen hatte der Präsident des Unternehmerverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger, der Nordwestzeitung erklärt: »Mehr Geld fürs Nichtstun wird es mit uns nicht geben.« Entsprechend fielen am Mittwoch auch die Gespräche aus, die in verschiedenen Bundesländern geführt wurden. Die IG Metall Berlin-Brandenburg schreibt vom »kühlen Klima« während des Treffens. Auch in Niedersachsen hätten sich laut Gewerkschaft die Unternehmer »stur gestellt«. Und für Hamburg, wo zuvor 1.500 Arbeiter auf die Straße gegangen waren, erklärte Gewerkschaftsmann Meinhard Geiken: »Unsere Forderungen haben die Arbeitgeber zurückgewiesen und absurde Gegenforderungen gestellt.«

Tatsächlich hatte Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth schon am Dienstag in der Stuttgarter Zeitung »eine Flexibilität der Arbeitszeiten nach oben« gefordert. Der Unterstützung aus bedeutenden Teilen der Politik darf sich Porth dabei sicher sein. So forderte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, auch bekannt als »Wirtschaftsweise«, erst kürzlich die Parteien dazu auf, bestehende Ruhe- und Höchstarbeitszeitregelungen zu schleifen. In den Sondierungsgesprächen von CDU, CSU, FDP und Grünen gibt es ähnliche Überlegungen.

Dabei haben bereits verschiedene Untersuchungen – darunter auch solche, die von der Bundesregierung in Auftrag gegeben wurden – belegt, dass bereits heute deutlich länger gearbeitet wird, als in den Tarifverträgen vorgesehen ist. In dem diesen Mittwoch veröffentlichten »Index Gute Arbeit« des Deutschen Gewerkschaftsbund wird zudem darauf hingewiesen, dass mehr als ein Viertel aller Beschäftigten häufig am Wochenende arbeiten muss. Doch um eine nüchterne Abwägung des Bestehenden geht es in der Frage der Arbeitszeiten ohnehin nicht. Sondern darum, wer über die Ware Arbeitskraft verfügt – Chefs oder Beschäftigte.


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