Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 12 / Thema

Ein eigenes Urteil bilden

Das Potsdamer Museum Barberini zeigt Kunst aus der DDR – darunter zahlreiche Bilder, die nach 1990 nicht mehr zu sehen waren

Von Peter Michel
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Ronald Paris: Unser die Welt – trotz alledem, 1975/76, Dispersion auf Hartfaser, 280 x 600 cm, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland

Der Aachener Unternehmer und Kunsthistoriker Peter Ludwig gründete 1983 in der Städtischen Galerie Schloss Oberhausen mit einer Dauerleihgabe aus seiner umfangreichen Sammlung sein »Ludwig-Institut für Kunst der DDR« mit etwa 260 Werken. Der damalige Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Johannes Rau, begrüßte diesen Schritt als »einen weiteren Akt des ›Türöffnens‹. (…) Kunst unserer Zeit braucht offenes Denken, offene Augen und offene Wege, damit sie uns nahe kommt«. Peter Ludwig meinte 1984 anlässlich der Vernissage der ersten Ausstellung mit dem Titel »Durchblick«, er glaube daran, dass es »ernst zu nehmende und wichtige Kunst nicht unter unseren gesellschaftlichen Gegebenheiten allein gibt und dass es uns gut tut, offen zu sein mit der Bereitschaft zu lernen«. Und er hoffte, es möge gelingen, »die Kunst der DDR so verständlich zu machen, dass die Bürger (…) sie in ihrer Bedeutung verstehen, aber auch in einem innerlichen, in einem guten Sinne Freude an ihr haben können.«¹

Dieser Ausstellung waren andere im gesamten Gebiet der alten Bundesrepublik vorausgegangen; bis 1989/90 folgten zahlreiche weitere. Danach wurde die Tür heftig zugeschlagen. Das offizielle Nach»wende«-Deutschland begriff nicht, welcher Schatz ihm mit der bildenden Kunst der DDR in den Schoß fiel. Dieses Kulturgut wird bis heute von vielen jongliert wie eine heiße Kartoffel. Der Maler Johannes Heisig erinnerte sich erst kürzlich daran, »dass wir im Westen gefragte Gesprächspartner waren, solange das Land noch geteilt war. (…) Nach der Wiedervereinigung erlosch das Interesse an den Ostlern schlagartig. (…) Die große Chance, mit derselben Sprache die so unterschiedlichen Entwicklungen gemeinsam aufzuarbeiten, ist komplett verpasst worden.«² Es gab zwar nach der »Wende« wichtige Expositionen zu Teilaspekten der Kunst aus der DDR und zur Würdigung einzelner Künstler, z. B. 2012/13 in Weimar, Erfurt und Gera als Verbundprojekt »Bildatlas: Kunst der DDR«³, 2014 in Gera mit der Präsentation von Werken aus der Kunstsammlung der SDAG Wismut⁴, andere in Berlin, Rostock, Frankfurt an der Oder, Cottbus und in kleineren Museen – u. a. in Eisenhüttenstadt, in Bautzen oder in der Burg Beeskow mit regelmäßigen Bilderschauen aus dem Bestand des dortigen Kunstarchivs. Doch der Versuch einer Gesamtschau, der möglichst alle Facetten berücksichtigt, ließ lange auf sich warten.

Souveränität und Kleingeisterei

Der Gründer des Softwareunternehmens SAP und Förderer der Wissenschaft, Hasso Plattner, demonstriert mit seiner Sammelleidenschaft und vor allem mit seiner Offenheit gegenüber Kunst, die in der DDR entstand, wie ein normaler Umgang mit solchen Werken aussehen kann. Befragt nach den Gründen, bekannte er, die Bilder von Malern wie Werner Tübke (1929–2004), Wolfgang Mattheuer (1927–2004) und anderen hätten ihn fasziniert. »Ich verstehe nicht, warum sie in den Museen auch heute nach vielen Jahren immer noch kaum vertreten sind. Deshalb wollte ich ihnen ein Forum geben. Zweitens habe ich mit meinem neuen Museum Barberini bewusst einen Schwerpunkt auf die Kunst aus der DDR gesetzt, weil ich finde, dass die Menschen dort während der DDR-Zeit benachteiligt waren und nach der Wende nochmals ungerecht behandelt wurden.«⁵ Er und in früheren Jahren Peter Ludwig beschämen mit ihrer souveränen Haltung so manches staatliche Museum.

Man kann es kaum glauben: Die Dresdener Galerie Neue Meister im Albertinum, ein sächsisches Staatsmuseum, entsorgt die Kunst aus der DDR ins Depot. Das wird seit 1990 mit großer Konsequenz betrieben und hält bis heute an. Der westdeutsch dominierte Kunstbetrieb musterte die einst in der DDR mit großem Erfolg gezeigten Werke aus. Kleinkariert, mitunter mit kolonialer Attitüde, will man den Ostdeutschen das Schauen beibringen. Die Besucherzahlen sind auf desaströse Weise gesunken. Wo in den 1980er Jahren anlässlich der zentralen Kunstausstellungen der DDR noch jährlich bis zu 1,1 Millionen Besucher in dieses Museum kamen, waren es 2016 noch ganze 89.000.⁶ Am 6. November 2017 fand in Dresden endlich eine öffentliche Diskussion zum sogenannten Bilderstreit statt, an der auch Hasso Plattner teilnahm. Ob sie etwas gebracht hat, wird man künftig an den Wänden des Albertinums überprüfen können. Man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch in diese traditionsreiche Kunststadt Vernunft einzieht.

Ein Besuch der am 29. Oktober eröffneten Ausstellung mit dem Titel »Hinter der Maske. Künstler in der DDR« im Museum Barberini am Potsdamer Alten Markt dagegen ist für Ältere, die in der DDR ihre Sozialisierung erfahren haben, wie eine Rückkehr nach Hause. Die meisten Bilder und Plastiken, die dort zu sehen sind, und mancher Künstler sind in der Erinnerung noch lebendig. Die Galerie im Palast der Republik im Zentrum der DDR-Hauptstadt mit ihren sechzehn Werken gehörte in den Alltag. Sie nach so langer Zeit wieder zu sehen, ist eine Freude. Es fehlt nur Wolfgang Mattheuers Bildtafel »Guten Tag«, die sich gegenwärtig in einer italienischen Ausstellung befindet und im Januar zur der Ausstellung hinzukommen wird. Die großen Gemälde sind in gutem Zustand; sie sind gesäubert und restauriert. In den Räumen des Palasts der Republik war ihre Hängung und Beleuchtung mit der umgebenden Architektur sinnvoll abgestimmt. Ihr Wirkungsraum ist im Barberini kleiner; dadurch erscheinen sie gewaltiger. Für manche ist der Betrachtungsabstand zu kurz. Die Raumbeleuchtung ist gedämpft; so können sich die Farben einiger Werke nicht voll entfalten.

Im Vorfeld der Eröffnung war in der Presse von »Propagandakunst« die Rede. Der Kunstwissenschaftler Christoph Tannert äußerte, bei den Palastbildern handele es sich »um Dekorationen mit politischer Tendenz, nicht um Kunst«, und um »kitschige Elaborate«. Er setzte damit seine selbstherrlichen Ausfälle fort, die er schon in früheren Jahren praktiziert hatte, und unterschied sich damit unangenehm von wohlüberlegten Äußerungen des Kunstkritikers Eduard Beaucamp.⁷ Der Maler und Graphiker Ronald Paris wandte sich in einer spontan geschriebenen Rede gegen solcherlei Inkompetenz und forderte nach 27 Jahren deutscher Einheit endlich eine gerechtere und objektive Betrachtung der Kunstentwicklung in Ostdeutschland. Zugleich nahm er mit Genugtuung die Bemühungen des Museums Barberini zur Kenntnis. Diese Gedanken wollte er während der Vernissage vortragen. Doch das Protokoll ließ keine Wortmeldungen nach der Rede des Bundespräsidenten zu.⁸

Ronald Paris wird auch den Text, der neben seinem Bild »Unser die Welt – trotz alledem« an der Wand steht, mit Befremden gelesen haben. Er ist ebenso voller Unverständnis und Einfalt formuliert wie die meisten anderen, und man spürt das Bemühen, die Kollektion der Palastbilder herabzuwürdigen. Arno Mohrs Gemälde wird als zu sachlich, zu lakonisch bezeichnet; dem Werk von Bernhard Heisig (1925–2011) wird Uneindeutigkeit und eine unübersichtliche Komposition vorgeworfen; zu Werner Tübkes Bildergruppe schreibt der Kommentator, die forcierte Absonderlichkeit dieser Malerei sei ein Affront gegen eine Kunstdoktrin, die Verständlichkeit forderte; Willi Sitte (1921–2013) wird ebenso eine unübersichtliche Komposition bescheinigt, das seien Träume ohne jede logische Verknüpfung, die Bildmittel vermieden ästhetische und emotionale Harmonie usw. Solche Verteilung von Zensuren, die z. T. Vorwürfe wiederholt, die diesen Künstlern in den »Formalismus«-Debatten der 1940er bis 1960er Jahren in der DDR schon einmal gemacht wurden, steht in krassem Gegensatz zum erklärten Ziel der Ausstellung, Werke als autonome Schöpfungen ernst zu nehmen. Aber man muss diese Texte nicht lesen – die Bilder sprechen für sich. Im Gästebuch der Ausstellung steht u. a., solche Texte seien »peinlich unklug und naiv«. Das trifft nicht auf alle Kommentare zu. Aber an einigen Stellen ist doch das Vergnügen geschmälert, weil man spürt, dass auf diese Weise auch jüngere Besucher zu einer bestimmten Rezeptionshaltung gedrängt werden sollen. Litten nach offizieller Lesart die Künstler in der DDR unter der ideologischen Gängelei der Partei, so bekommen heute die Museumsbesucher mitgeteilt, wie sie die Werke zu verstehen haben. Eigenes Denken war früher gefragt und ist es auch heute.

Den Reichtum wieder entdecken

Während sich die Gemälde aus dem Palast der Republik im oberen Stockwerk befinden, breiten sich die Werke der Sammlung Barberini, ergänzt durch zahlreiche Leihgaben aus Museen, Sammlungen, Künstlerateliers, Stiftungen und Nachlässen in den darunter liegenden Etagen aus. Dabei wurde durch junge Kunstwissenschaftler eine immense Arbeit geleistet. Zusammengetragen wurden mehr als 100 Gemälde, Plastiken und Fotografien von 87 Künstlern. Man kann den Ausstellungsmachern nicht vorwerfen, dass andere Bereiche bildkünstlerischer Arbeit – die Zeichnung, die Druckgraphik, die Karikatur u. a. – fehlen. Es handelt sich um eine mit großem Aufwand betriebene Privatinitiative, die auf das vorhandene Platzangebot und auf bestimmte Vorlieben Rücksicht nehmen musste. Der Ausstellungstitel »Hinter der Maske« ruft z. B. bei mir und anderen sofort die Erinnerung an Bilder von Heidrun Hegewald oder der Künstlergruppe »neon real« hervor. Aber es ist müßig, nach Proportionen der Auswahl und nach bestimmten Künstlernamen zu fragen. Man muss die Ausstellung nehmen, wie sie ist – und sie vermittelt ein großartiges Kunsterlebnis.

Es gibt in zwei Etagen neun Themenbereiche, in die die Werke gegliedert sind: »Malerbilder. Der Künstler und seine Rollen«, »Spiegelungen. Freie Zugänge zum Selbst«, »Gemeinschaftsbilder. Gruppen und Kollektive«, »Formexperimente. Abstraktion und Autonomie«, »Erbansprüche. Vorbild und Verweis«, »Schaffensorte. Das Atelier als Bühne und Schutzraum«, »Glaubensfragen. Bezüge zum Christentum«, »Störbilder. Auf- und Ausbrüche« und »Maskenspiele. Verkleidung und Verhüllung«.

Eine der jüngeren Kuratorinnen, Valerie Hortolani, ging vorurteilsfrei an ihre Aufgabe. In einem Interview kann man das nachlesen: »Die Erfahrungen, Haltungen und Stile der Künstler waren ganz individuell und das Kunstleben reicher, als es oftmals beschrieben wird. (…) Mit einem kunsthistorischen Instrumentarium ausgestattet, kann man sich der Kunst in der DDR – wie auch der Kunst aus anderen Ländern oder Zeiten – wissenschaftlich nähern. Tatsächlich wurde der Kunst in der DDR ein großer gesellschaftlicher Stellenwert beigemessen – viel mehr als dies heute häufig der Fall ist. Sich in diese Zeit hineinzuversetzen, aber zugleich mit historischer Distanz auf sie zu blicken, war Herausforderung und Chance. (…) Die Kunst in der DDR lässt sich nicht pauschal in ›offiziell‹ und ›inoffiziell‹ aufteilen – es gab unzählige Schattierungen zwischen diesen vermeintlichen Polen. (…) Wir zeigen diese Werke deshalb jetzt wieder, damit sich die Besucher ein eigenes Urteil darüber bilden können.«⁹

Als Gesprächspartner in der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden hatte ich 1987 den Besuchern, die mit bestimmten Werken wenig oder nichts anfangen konnten, empfohlen: »Suchen Sie sich Ihre Bilder.« Auch im Barberini ist das möglich. Es gibt viele Höhepunkte: Hans Grundigs Selbstbildnis von 1946, Eva Schulze-Knabes Selbstporträt von 1957, Bert Hellers »Bildnis Prof. Otto Nagel« (1959), Helmut Heinzes bronzene Kleinplastik »Bernhard Kretzschmar« (1972/73), Willy Wolffs Selbstbildnis von 1970, Eberhard Löbels »Stilleben mit Selbstbildnis« (1971), Hermann Glöckners Formexperimente, die Bilder von Otto Möhwald, Wolfgang Peuker, Siegfried Klotz, Werner Tübke und weiteren Malern, die Plastiken von Heinrich Apel, Baldur Schönfelder, Werner Stötzer, Jenny Mucchi-Wiegmann und anderen. Mit diesen Namen und Werken sind die Fülle und der Anspruch angedeutet, die man wieder entdecken kann. So vielfältig, wie die Kunst ist, so unterschiedlich sind die Reaktionen. Man muss Zeit mitbringen, um diesen Reichtum zu genießen.

Nicht immer differenziert

Den Katalog habe ich mit gemischten Gefühlen gelesen. Man merkt, dass hier eine neue, jüngere Generation von Kunstwissenschaftlern am Werk war, die den Blick von außen auf das Ganze richtete. Das kann neue Aspekte in den Vordergrund rücken, die Insidern weniger beachtenswert erscheinen. Gut sind kulturpolitische Engstirnigkeiten dargestellt und belegt, die es in der DDR leider zu oft gab. Doch es entsteht der Eindruck, dass dies durchgehend bis 1989/90 so war; die Kulturpolitik war vielmehr am Ende der DDR hilflos angesichts der realen Prozesse. Wichtig ist auch der Hinweis, dass es Kunstschaffende gab, die mit den für sie neuen Bedingungen nach der »Wende« nicht zurechtkamen, denn unter denen, die sich in ihrer Verzweiflung das Leben nahmen, waren nicht wenige Künstler.

Doch im Katalog gibt es ganze Passagen, in denen das vorherrschende Urteil über die DDR-Kunst nach 1989/90 bruchlos übernommen wird. Es ist viel von Überwachung und Zensur die Rede. Das Eiapopeia vom Unrechtsstaat wird weiter gesungen. Dass man Werner Tübke mit Arno Breker als »Hofkünstler« gleichsetzt, ist mehr als schlimm. Die undifferenzierte Nutzung des Begriffes »Leipziger Schule« setzt sich ungebrochen fort, obwohl Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und andere dieses Schubladendenken ablehnten. In der Biographie von Willy Wolff fehlt seine wichtige Mitgliedschaft in der Dresdener ASSO, einer Vereinigung proletarisch-revolutionärer Künstler. Es ist auch zu lesen: »In einer atheistischen Gesellschaft markieren religiöse Themen eine Außenseiterposition.« Sollte das stimmen, wären also Bernhard Heisig, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer, Willi Sitte, Wieland Förster, Winfried Wolk, Arno Rink, Heidrun Hegewald, Horst Sakulowski, Volker Stelzmann und viele andere Außenseiter gewesen. Im Katalog wird dann zwar etwas differenziert, aber dieser Satz ist schlicht falsch.

Wenn man die Fußnoten der einzelnen Katalogtexte verfolgt, freut man sich, dass Schriften von Wolfgang Hütt, Peter H. Feist und anderen Kunstwissenschaftlern aus der DDR als Quellen benannt sind. Und auch darüber, dass die DDR-Zeitschrift Bildende Kunst und das Periodikum der Gesellschaft für Bürger- und Menschenrechte, Icarus, genutzt wurden. Doch solche denunziatorischen Schriften wie »Eingegrenzt – Ausgegrenzt. Bildende Kunst und Parteiherrschaft in der DDR«, im Jahr 2000 im Akademieverlag herausgegeben von Hannelore Offner und Klaus Schroeder, werden zu wichtig genommen.

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Bernhard Heisig: Ikarus, 1975, Öl auf Hartfaser, 280 x 450 cm, Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland

Unkonventioneller Kunstversuche wegen war in der DDR schon seit Anfang der 1980er Jahre kaum noch jemand in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Günter Grass beschrieb in seinem Roman »Ein weites Feld« ironisch und treffend einen ehemaligen Kulturbund-Vortragsreisenden mit dem an Theodor Fontane angelehnten Spitznamen »Fonty«, dem die Aufgabe zugefallen war, »zwischen den sich anarchisch gebenden Dichtern und der immer besorgten Staatssicherheit zu vermitteln. Wir können nur vermuten, dass die jahrelange Duldung der unruhigen und manchmal vorlauten Prenzlberger Szene nicht nur der Harmlosigkeit ihrer Produkte, sondern auch Fonty zu verdanken war, der mit gewiss kenntnisreichen und – seinem Wesen nach – sarkastischen Gutachten sowie in witzigen Personenbeschreibungen die Wünsche seines Tagundnachtschattens erfüllt und so die dem Staat verdächtigen Genies auf Mittelgröße verkürzt hat.«¹⁰

Was hier für Autorinnen und Autoren formuliert ist, trifft auch auf die bildenden Künstler zu. Nichts soll verkleinert werden, was den Performance­akteuren, Autoperforationsartisten usw. das Leben schwer machte. Auch in ihrer eingeschränkten Öffentlichkeit stießen sie hier und da auf Unverständnis, obwohl ihre Versuche, die Grenzen der Kunstgattungen zu überschreiten, oft neue Wirkungsmöglichkeiten erschlossen. Zu viele verließen die DDR und stießen in der Alt-BRD auf neue Probleme. Heute werden sie wichtiger genommen, als sie waren, denn für die »Delegitimierung« des untergegangenen Staates sind sie von Nutzen.

Substanz und Humanismus

Solche Gedanken kommen mir beim Lesen des Katalogs. Doch studierenswert ist er schon. Für künftige Publikationen ist den Autoren zu wünschen, dass sie immer wieder das Gespräch mit jenen suchen, die die Kunstverhältnisse in der DDR nicht nur reflektiert, sondern auch mitgestaltet haben – sofern sie noch leben, es sind nicht mehr allzu viele. Wissenschaftliche Akribie und vorurteilslose, auf die tatsächlichen Werte dieser Kunst konzentrierte Arbeit sind die Voraussetzungen, um die Periode von 1945 bis 1990 im Osten Deutschlands als Teil einer deutschen Nationalkultur endgültig anzuerkennen. Wo Kunst durch Substanz und humanistischen Anspruch auffällt, wo das Ringen um ein eigenes Kunstverständnis deutlich wird, dürfen politische Attacken nicht stören. Sie werden – das lehrt die Erfahrung – nicht ausbleiben. Hasso Plattner und seinen Mitarbeitern im Museum Barberini ist deshalb umso mehr zu danken.

Anmerkungen:

1 Durchblick, Katalog, hg. v. Ludwig-Institut für Kunst der DDR, Oberhausen 1984, S. 5 ,9, 14. Die Ausstellung wurde im Sommer und Herbst 1984 in Oberhausen und in der Staatlichen Kunsthalle (West-)Berlin gezeigt.

2 Michael Hameter: Übermalen. 15 Gespräche. Ein Porträt des Malers Johannes Heisig, Halle 2017, S. 55

3 Vgl. junge Welt-Themaseite vom 8. Februar 2013

4 Vgl. junge Welt-Themaseite vom 27. März 2014

5 Interview von Johanna Pfund (Süddeutsche Zeitung) mit Hasso Plattner zur Sammlung des Museums Barberini, zit. n. der Pressemappe des Museums, S. 8

6 Vgl. Paul Kaiser: »Wende an den Wänden«, Sächsische Zeitung, 18.9.2017

7 Karim Saab: »Wie war das mit der Sozialistischen Realismus?«, Märkische Allgemeine Zeitung, 25.10.2017

8 Auszüge aus der Rede und ein Beitrag des Karikaturisten und Publizisten Harald Kretzschmar zu dieser Ausstellung sind im Neuen Deutschland vom 1.11.2017, S. 13, veröffentlicht.

9 »Das Kunstleben in der DDR war reicher, als es beschrieben wird«, Märkische Allgemeine Zeitung, 4.10.2017

10 Günter Grass: Ein weites Feld, Göttingen 1995, S. 27

Die Ausstellung »Hinter der Maske. Künstler in der DDR« ist noch bis zum 4. Februar 2018 im Museum Barberini in Potsdam zu sehen. Der Eintritt kostet 14 Euro, ermäßigt 10 Euro. Nähere Informationen unter: www.museum-barberini.com.

Peter Michel schrieb an dieser Stelle zuletzt am 1. September 2017 über den armenischen Maler Archi Galentz.

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