Aus: Ausgabe vom 15.11.2017, Seite 5 / Inland

Frei von Vermögen

Fällt das Einkommen weg, sind die Rücklagen großer Bevölkerungsteile schnell ­aufgebraucht. Wenige kommen hingegen ohne Arbeit Jahrzehnte gut aus

Von Johannes Supe
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Wer keine Aussicht auf ein Erbe hat und nicht im Lotto gewinnt, hat in der Bundesrepublik wenig Chancen, vom Vermögen leben zu können

Mit den Ersparnissen der Arbeiter und Angestellten in Deutschland ist es nicht weit her. Das belegt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Das Papier wurde am Dienstag in Berlin vorgestellt und beruht auch auf Daten des sozioökonomischen Panels, einer repräsentativen Wiederholungsbefragung im Auftrag des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Zentrale Aussage des aktuellen Reports: Sind sie einmal um ihr Einkommen gebracht, können weite Teile der deutschen Gesellschaft nur kurze Zeit auf ihre Vermögen zurückgreifen, um den bisherigen Lebensstandard zu halten.

»In Deutschland wird wenig dafür getan, dass Menschen mit geringem Einkommen ein Vermögen aufbauen können«, sagte Anke Hassel, wissenschaftliche Direktorin des WSI. So stehe die untere Mittelschicht in der BRD im Vergleich zu anderen EU-Ländern besonders schlecht da, wenn es um die Höhe ihrer Ersparnisse gehe. Zur unteren Mittelschicht zählt Hassel dabei jene Personen, deren Einkommen zwischen den 20 Prozent der geringsten und den 50 Prozent der höheren und höchsten Bezüge liegt. »Die materielle Unsicherheit der Menschen mit niedrigen Einkommen ist hoch. Allein auf ihr Vermögen gestellt, würden sie nicht mal ein Jahr durchhalten«, so Hassel.

Diesem Befund liegt ein Gedankenexperiment zugrunde, dass das WSI in seinem aktuellen Verteilungsbericht angestellt hat: Wie lange würde das Vermögen der Menschen reichen, wenn sie keinerlei Einkommen hätten und alle Ausgaben von den Ersparnissen bezahlen müssten? Die von den Forschern darauf gefundene Antwort: Im Mittel ein Jahr und elf Monate.

Allerdings heißt es im Report auch, »dass 30 Prozent der Haushalte in Deutschland maximal wenige Wochen oder Monate ihr aktuelles Konsumniveau aus ihren Vermögen sichern könnten«. Jene zehn Prozent aber, die die höchsten Geldsummen angehäuft haben, könnten auch ohne Arbeit und Einkommen mehr als 20 Jahre gut leben. Wohlgemerkt: Bei der Untersuchung haben die Forscher berücksichtigt, dass Menschen mit niedrigem Einkommen auch ein geringeres Konsumniveau haben als jene, die über viel Geld verfügen.

»Die Mehrheit der Haushalte verfügt nur über eine eingeschränkte private Absicherung in Form von Vermögen«, erklärte Anita Tiefensee, Verteilungsforscherin des WSI. Die Untersuchung zeige, wie wichtig es sei, die staatlichen Leistungen zu erhalten und auszubauen. »Die sozialen Sicherungssysteme müssen armutsfest gestaltet werden«, sagte auch Anke Hassel. Denn während in anderen EU-Ländern Menschen häufig auf das eigene Haus als letzte Sicherheit zurückgreifen könnten, sei dies in Deutschland vergleichsweise selten der Fall.

Besonders stark gilt das offenbar für Ostdeutschland. »Das Konsumniveau ist im Osten niedriger als im Westen. Trotzdem könnte beim Einkommensausfall der Konsum im Westen länger gesichert werden«, so Forscherin Tiefensee. Auch Alleinerziehende könnten oft kaum auf Rücklagen zurückgreifen, wenn die Einkünfte ausbleiben.

Abwegig sei eine solche Situation nicht: Im Fall der Arbeitslosigkeit werde den Betroffenen nur zwischen sechs Monaten und maximal zwei Jahren das reguläre Arbeitslosengeld I gezahlt. Bevor sie danach ein Anrecht auf Arbeitslosengeld II, auch bekannt als Hartz IV, hätten, müssten sie ihr Erspartes verbrauchen.

Die Ergebnisse deuten auf die stark divergierende Verteilung des Reichtumsin der Bundesrepublik hin. »Deutschland ist eines der OECD-Länder, in denen die Vermögen am ungleichsten verteilt sind«, so die wissenschaftliche Direktorin des WSI. Zehn Prozent der Gesellschaft verfügten über etwa 60 Prozent aller Ersparnisse. Das seien Verhältnisse, wie man sie sonst vor allem in den USA kennen würde. Auffällig sei auch, dass die Höhe der Vermögen deutlich ungleicher sei als die der Einkommen. Auf die Ursachen dafür gingen die Forscher nicht näher ein. Eine naheliegende Erklärung wäre, dass man in der Bundesrepublik eben nicht durch Arbeit besonders hohe Summen anhäuft.

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