Aus: Ausgabe vom 14.11.2017, Seite 16 / Sport

Grob sportwidrig

Die Diskussion über die deutschen Schiedsrichter gewährt Einblicke in eine Welt aus Mobbing und Amtsmissbrauch

Von Rouven Ahl
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So nicht: Auch dank Manuel Gräfe (2.v.l.) kommen nun Klüngeleien unter Schiedsrichterfunktionären ans Licht

Der Bundesligaschiedsrichter Manuel Gräfe ist ein Mann klarer Worte. Bereits beim Wettskandal um Robert Hoyzer 2005 trug er entscheidend zur Aufklärung bei. In einem Interview zu Saisonbeginn mit dem Tagesspiegel gewährte er Einblicke in die ansonsten so verschlossen wirkende Welt der letzten Ehrenamtlichen im Profifußball. Er zeichnete ein Bild von Mobbing und Machtmissbrauch. Seine Aussagen werden von anderen Unparteiischen wie Felix Brych gestützt. Das Interview löste eine öffentliche Diskussion über die Zustände im deutschen Schiedsrichterwesen aus, die sich zuletzt mit dem Streit über Sinn und Unsinn des neu eingeführten Videobeweises verband.

Kritik übte Gräfe vor allem an den Schiedsrichterfunktionären Hellmut Krug und Herbert Fandel. Beide hätten in ihrer Zeit als sportliche Leiter der Bundesligaschiedsrichter »zu oft nach Gusto und nicht nach Leistung entschieden.« Manche wurden bewusst gefördert, andere benachteiligt. Belegt werden die Vorhaltungen etwa durch den Fall Felix Zwayer. Dieser war 2005 als Nachwuchsschiedsrichter in den Wettskandal verstrickt. Wie ein DFB-Sportgericht feststellte, nahm er damals ein Bestechungsgeld von 300 Euro an. Wegen »grob sportwidrigen Verhaltens« wurde Zwayer zu sechs Monaten Sperre verurteilt. Trotzdem brachte er es zum Bundesligaschiedsrichter. Profitiert hat er dabei wohl von seiner guten Beziehung zu Krug, gilt Zwayer doch als dessen Protegé.

Wer nicht diesen Vorteil genoss, wurde offenbar öffentlich gedemütigt. So sollen bei Tagungen ohne sachlichen Grund immer wieder Videoaufnahmen von Szenen gezeigt worden sein, die bestimmte Unparteiische schlecht aussehen ließen. Der ehemalige Schiedsrichter Babak Rafati gab in seinem Buch »Ich pfeife auf den Tod« von 2013 an, Opfer von Mobbing durch das Gespann gewesen zu sein. Dies sei einer der Gründe gewesen, warum er im November 2011 versuchte sich das Leben zu nehmen.

Auch der Deutsche Fußballbund (DFB) spielt eine zweifelhafte Rolle. Bereits Anfang 2016 wurde durch eine anonyme Umfrage unter den Schiedsrichtern bekannt, dass viele mit der Amtsführung des Zweigespanns alles andere als zufrieden waren. Der Tenor: Leistungsbeurteilungen und Entscheidungen der beiden seien oft ungerecht und nicht nachvollziehbar gewesen. Im Juli 2016 ersetzte der Verband Fandel und Krug durch Lutz Michael Fröhlich. Doch der DFB wäre nicht der DFB, wenn er für seine honorigen Mitarbeiter nicht andere Funktionen gefunden hätte: Krug wurde zum DFB-Projektleiter für den zu dieser Saison neu eingeführten Videobeweis und Fandel zum Vorsitzenden des Schiedsrichtergesamtausschusses ernannt. Beides Positionen mit großer Machtfülle.

Doch zumindest Krug wurde letzte Woche auch seines neuen Amtes enthoben. Laut Bild am Sonntag soll Krug als Supervisor in der Videozentrale seine Kompetenzen überschritten und den eigentlichen Videoschiedsrichter bei einigen Entscheidungen überstimmt haben. Krug bestreitet das wie auch die anderen Vorwürfe vehement. Sein Nachfolger wird nun abermals Lutz Michael Fröhlich. Dennoch bleibt Krug in das Projekt involviert.

Der DFB setzt damit eine Serie von fragwürdigen Entscheidungen fort. So wurde Gräfe nun verboten, sich ohne vorherige Absprache weiterhin zu dem Fall öffentlich zu äußern. Zudem wird er erst einmal nicht mehr als Videoassistent eingesetzt. Bestimmt hat dies eine Ethikkommission unter Führung des ehemaligen Bundesministers Klaus Kinkel (FDP), die zur Streitschlichtung herangezogen wurde. Der Eindruck, den diese Entscheidung hinterlässt, ist verheerend: Wer sich für Transparenz und Gerechtigkeit einsetzt, wird bestraft, während offenkundige Inkompetenz belohnt wird. Nicht nur das Schiedsrichterwesen, sondern der gesamte Fußball hat darunter zu leiden.

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