Aus: Ausgabe vom 14.11.2017, Seite 14 / Feuilleton

Nie mehr warten

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Wir haben doch keine Zeit. Verhaftungen in Petrograd 1917

Die weltberühmte, mittlerweile leider verstorbene Riesenschildkröte »Lonesome George« kommt in Schorsch Kameruns preisgekröntem »Ein Menschenbild, das in seiner Summe null ergibt« (WDR 2006) gleich am Anfang vor. Und auch in Kameruns neuestem Stück »Kreiskolbenmotorhase – Extratheatrales Hörspiel über das Ende aller Vielfalt« (WDR 2017; Ursendung Di., 19 Uhr, WDR 3 und Wdh. 23 Uhr, 1Live) geht es um Naturerhaltung. »Du redest über Artenschutz. Mir ist, als hör’ ich einen alten Naziwitz«, singt er in dieser Generalabrechnung mit der völkelnden Mehrheitsgesellschaft, die sich in dem Stück über ganz bestimmte Nasenformen, Automarken und einen speziellen eigenen Gestank definiert. In dem dystopisch realistischen Hörspiel unterwirft die Figur Doktor Rosey als »starker Führer« die von ihm Beherrschten mit Hilfe neuester Technologie. Kamerun kommentiert das Geschehen singend, ohne dabei allerdings den Klugscheißer zu markieren: Er stellt fest, dass auch er mit seinen gesellschaftskritischen Einordnungen und Analysen über ihm dargebotene Stöckchen springt. Dieses erhellende, doch natürlich auch deprimierende Ausnahmehörspiel sollte man keinesfalls verpassen.

Ebenfalls eine Neuproduktion ist Tim Staffels Hörspiel »Die Wasserkrieger« (WDR/DLF Kultur 2017; 2tlg. Ursendung Mi./Do., jeweils 19 Uhr, WDR 3). In der im Reportagestil gehaltenen Geschichte werden Konflikte um Wasserressourcen thematisiert. Um Naturgewalten, die Menschen ihres »Zuhauses« berauben, und um die Dekonstruktion von »Heimat«-Konzepten geht es in Thomas Meadowcrofts »Moving Homes« (DKultur/ABC 2016; Fr., 0 Uhr, DLF Kultur). Und während Gion Mathias Cavelty mit »Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete« (SRF 2017; Ursendung Fr., 20 Uhr, SRF 1) seine »Andouillette«-Trilogie zum Abschluss bringt, widmet sich Jan Koneffke in »Bleibtreu heißt die Straße« (DLF/RBB 2017; Ursendung Fr., 22 Uhr, RBB Kulturradio) Mascha Kalékos Rückkehr nach Berlin.

Seinen 50ten feiert dieses Jahr das linke Indielabel Trikont, über das jW-Feuilletonchef Christof Meueler mit Franz Dobler das schöne Buch »Die Trikont-Story. Musik, Krawall und andere schöne Künste« geschrieben hat. Zum Jubiläum sendet Bayern 2 Valerie Trebeljahrs Feature  »Die andere Heimat? Das Münchner Traditionslabel Trikont« (BR 2014; Sa., 13 Uhr, Bayern 2 und Wdh. So. 21 Uhr, Bayern 2). Karla Krauses Feature  »Dazwischen – Intersexuelle Menschen erzählen« (DLF Kultur 2017; Ursendung Sa., 18 Uhr, DLF Kultur) beschäftigt sich dagegen mit der naturgegebenen, aber oft tabuisierten Existenz von mehr als zwei Geschlechtern. Auch in der Wiederholung toll: Dietmar Daths und Thomas Webers Revolutionshörspiel »Nie mehr warten« (SWR 2017; Sa., 20 Uhr, SRF 2 Kultur), in dem eine Bolschewistin und ein Reaktionär über die Oktoberrevolution 1917 streiten, während sich eine Liberale stets besorgt zeigt.

Bei den Hörspieltagen in Karlsruhe mit dem »Deutschen Hörspielpreis der ARD« ausgezeichnet wurde Noam Brusilovskys Inszenierung von Tomer Gardis Literaturvorlage »Broken German« (SWR 2017; Sa., 20 Uhr, DLF). Den Publikumspreis »ARD Online Award« gewann Lukas Holliger mit »Verfluchtes Licht« (SRF 2017), für die beste darstellerische Leistung wurde Lars Rudolph prämiert. Er sprach den Fritz Honka in »Der goldene Handschuh« nach Heinz Strunk (NDR 2017). Zum Ende der Woche empfiehlt sich dann Christoph Spittlers dem »Klarträumen« gewidmetes Feature »Die Oneironauten – Mit Traumreisenden durch die Nacht« (DLF 2017; Ursendung So., 20 Uhr, DLF).

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