Aus: Ausgabe vom 14.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Weltteilnahme

Von Helmut Höge
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»Man kann aber an der Welt nicht wie an einem Weltkrieg teilnehmen« (Herbert Achternbusch)

B. war in der Westberliner Hausbesetzerbewegung aktiv, als diese sich in »Verhandler« und »Radikale«spaltete. Letztere warfen ersteren, zu denen B. gehörte, Verrat vor. Dem trat B. entgegen, indem er sich als Herausgeber der verbotenen Radikal anbot. Später konzentrierte er sich im Europäischen Parlament auf die gesetzliche Einhegung der Gentechnik und engagierte sich bei Greenpeace für FCKW-freie Kühlschränke, vergab auch ein Patent für solche Geräte. Nach der »Wiedervereinigung« bot er es dem DDR-Kühlschrankhersteller DKK Scharfenstein an, der prompt mit der serienmäßigen Herstellung des Ökokühlschranks begann. Die »chlorreichen Sieben« – Kühlschrankhersteller der BRD – sahen ihre Marktanteile gefährdet und warnten etwa in einem Rundbrief vor diesen brandgefährlichen »Greenfreeze«-Geräten.

Einmal begleitete ich B. nach Scharfenstein. Er sprach mit einigen Mitarbeitern dort. Mir fiel auf, dass ihn der Betrieb kaum interessierte, obwohl das Greenpeace-Patent entscheidend zu dessen Überleben beitrug. Aber B. war schon weiter: Es ging ihm darum, die »global player« unter den Herstellern zur Produktion FCKW-freier Kühlschränke zu bringen. Er bereitete sich deshalb z. B. akribisch auf eine große Konferenz in Beijing vor, in ökologischer wie ökonomischer Hinsicht – Gaia und Weltmarkt.

Viel später erfuhr ich aus der Presse, dass die Firma in Scharfenstein mehrmals verkauft worden und schließlich pleite gegangen war, nicht zuletzt, weil sie sich gegenüber Greenpeace verpflichtet hatte, keine weiteren Patente auf ihren Kühlschrank anzumelden. »Die Umweltschützer wollten das Wohl der Welt fördern«, wie der Spiegel erklärte, und nicht die 630 Arbeitsplätze des Kühlschrankherstellers sichern.

Das fiel mir letztens ein, als eine Frau aus dem Erzgebirge mir erzählte, wie schrecklich es dort jetzt sei. Sie dachte dabei nicht an die AfD, sondern an die vielen Bergarbeiter, die ihre Gesundheit ruiniert hatten und dann arbeitslos geworden waren, ohne irgendeine Perspektive. Das Problem seien die »Weltmarktpreise für Bodenschätze« (Zinn, Uran usw.) gewesen, meinte die Frau, »die Bergwerke waren nicht mehr konkurrenzfähig«. Ich erinnerte sie daran, dass die Kaligrube in Bischofferode auf Druck des West-Kalikartells geschlossen wurde, weil ihr spezielles Produkt nach der »Wende« noch begehrter war – u. a. wollte ein kanadischer Konzern daraus Dünger herstellen.

B. übernahm die Büroleitung einer Stiftung für Saatgutvielfalt, auch ein globales Patentproblem. Er organisierte Kongresse über Pflanzen mit Wurzel- und Symbioseforschern. Auf Grundlage einer Berechnung, nach der jedem Menschen auf der Erde theoretisch 2.000 Quadratmeter Boden zustehen, startete er ein Experiment: ein »Weltacker« von dieser Größe, der einen »Freiwilligen« ein Jahr lang ernähren sollte. So viel ich weiß, war dieses »Projekt« bislang ziemlich erfolgreich. Es wurde im Sommer auch auf der Internationalen Gartenausstellung in Berlin präsentiert, allerdings wurden auf den 2.000 Quadratmetern dort auch Baumwolle und exotische Nutzpflanzen wie Sorgum und Yams angebaut. Kompetente Mitarbeiter vermittelten Pflanzenwissen. Informatikstudenten verkauften ein Set zum Selberbauen eines Pflanzentopfs, mit dem man das Wachsen von Wurzeln in der Erde verfolgen konnte. In einer Diskussion beeindruckte B. mit enormem Wissen über globale Ernährungsprobleme.

Wenig später fiel mir ein »Kritischer Agrarbericht 2017« in die Hände, in dem B. sich mit Zukunftsstudien von Bio-Agrarverbänden auseinandersetzt. Ihrem technokratischen Denken, das mit dem der traditionellen Landwirtschaftsfunktionäre inzwischen nahezu konform geht, hielt er die »Werte« der »Öko-Bewegung« entgegen, die u. a. auf »Ganzheitlichkeit« und »Gemeinsinn« bestehe. Ich sah statt einer »Öko-Bewegung« eher eine »Öko-Mode«, die sich leichtherzig ins bestehende Schweinesystem integriert. Ein Freund schickte mir einen Satz aus B.s Text und wollte wissen, was ich davon halte: »Die Bodenfruchtbarkeit ist sowohl das entscheidende Produktionsmittel als auch ein wesentliches Produkt.«

Ich antwortete, die Pflanzen des Weltackers seien da nur Mittel zum Zweck der Durchsetzung einer anderen – besseren – Ernährung. So wie die erzgebirgischen Arbeiter nur Mittel zum Zweck der Durchsetzung einer anderen – besseren – Technologie waren. In beiden Fällen geht es um die Rettung der ganzen Welt. Ich schickte meinem Freund einen Satz des bayrischen Filmemachers Herbert Achternbusch, den der DDR-Dramatiker Heiner Müller als »Klassiker des antikolonialen Befreiungskampfes auf dem Territorium der BRD« bezeichnete: »Da, wo früher Pasing und Weilheim waren, ist heute Welt. Ein Mangel an Eigenständigkeit soll durch Weltteilnahme ersetzt werden. Man kann aber an der Welt nicht wie an einem Weltkrieg teilnehmen. Weil die Welt nichts ist. Weil es die Welt gar nicht gibt. Weil Welt eine Lüge ist. Weil es nur Bestandteile gibt, die miteinander gar nichts zu tun haben brauchen. Weil diese Bestandteile durch Eroberungen zwanghaft verbunden, nivelliert wurden. Welt ist ein imperialer Begriff. Auch da, wo ich lebe, ist inzwischen Welt. Die Welt hat uns vernichtet. Das kann man sagen.«

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