Aus: Ausgabe vom 14.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Mit einem knappen Nicken

FBI gegen Weißes Haus: Liam Neeson spielt in »Secret Man« den Whistleblower, der Richard Nixon zu Fall brachte

Von André Weikard
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Wunderbar unterkühlt: Liam Neeson in der Titelrolle

Unfähige, korrupte, ja bösartige US-Präsidenten gab es nicht zu knapp, Richard Nixon aber dürfte der verlogenste und hintertriebenste von allen gewesen sein. Er setzte Prostituierte auf Gegner an, um sie zu diskreditieren, ließ illegal abhören, ordnete Einbrüche an, belog die Nation über das Ausmaß der Bombardierungen in Vietnam, hintertrieb Friedensverhandlungen, weitete den Konflikt auf Laos und Kambodscha aus, zahlte Schweigegelder, behinderte Ermittlungsbehörden – und wurde trotzdem wiedergewählt. Der Mann, der ihn zu Fall brachte, war ein Whistleblower aus dem FBI, der jahrzehntelang nur unter dem Decknamen »Deep Throat« bekannt war, dem Titel eines populären Pornofilms. Jetzt hat sich Hollywood dieses »Secret Man« angenommen.

Ein grauhaariger Liam Neeson gibt den Agenten Mark Felt. Als loyaler Ziehsohn von Kommunistenjäger J. Edgar Hoover, erledigt er in gutsitzenden Anzügen mit steinerner Miene, was seine Vorgesetzten verlangen. Sei es die Einstellung von Ermittlungen oder die Versetzung widerspenstiger Kollegen, seien es illegale Abhöraktionen. Abends in der Tiefgarage steckt er Journalisten der Washington Post sensible Interna. Weil man ihm den Chefposten beim FBI verwehrte, was seine alkoholkranke Frau (Diane Lane) mehr frustriert als ihn selbst, oder weil er die Gängelung seiner Behörde durch die Nixon-Administration satt hat. Der Film lässt beide Lesarten zu.

Neeson verkörpert den Taktiker Felt in bester House-of-Cards-Manier wunderbar unterkühlt. Es ist eine Wohltat, den Schauspieler in einem Bürosessel mit dem Kuli spielen oder versonnen aus dem Fenster starren zu sehen und nicht bei blödsinnigen Verfolgungsjagden durch europäische Großstädte oder weggeduckt vor glassplitternden Explosionen wie in seinen letzten Filmen. Dokumentarisches Material, vor allem TV-Ansprachen Nixons, fügen sich nahtlos in die Erzählung ein. Ein starker Film ist »Secret Man« aber wegen seiner Atmosphäre. Auf neonbeleuchteten Fluren raunen sich Kontrahenten Drohungen zu, beflissene Sekretärinnen drücken blinkende Lämpchen auf ihren Telefonen, Gerüchte werden mit einem knappen Nicken bei einem Pott Kaffee im Diner zu Gewissheiten.

So farblos wie das Haar des Helden ist die übrige Ausstattung. Die ohnehin kargen, holzgetäfelten FBI-Büros werden in entsättigen Farben gezeigt, die Dialoge sind knapp, die Widersacher in dem Politdrama rauhbeinig.

»Secret Man« ist in Zeiten des nächsten übergriffigen Präsidenten, in denen die Journalisten der Washington Post Angestellte eines der reichsten Männer der Welt sind, Jeff Bezos, und ein Whistleblower wie Edward Snowden mit der Todesstrafe rechnen muss, hochaktuell. Die Verfilmung der Hintergründe des größten Politskandals der US-Geschichte reiht sich ein in eine Reihe von Kinoadaptionen: »Die Unbestechlichen« mit Dustin Hoffmann und Robert Redford aus dem Jahr 1976, Oliver Stones »Nixon« (1995), Ron Howards »Frost/Nixon« 2008. Alles gute Filme. »Secret Man« ist nicht der schlechteste unter ihnen.

»Secret Man«, Regie: Peter Landesman, USA 2017, 103 min, bereits angelaufen

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