Aus: Ausgabe vom 14.11.2017, Seite 8 / Inland

»Arbeitszeitregelungen werden unterwandert«

Prekarisierte verschiedener Länder haben sich zum Austausch über »digitalen Kapitalismus« in Berlin getroffen. Gespräch mit Georgia Palmer

Interview: Gitta Düperthal
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»Durch die App ist die Firma zu jeder Zeit informiert, wie schnell die einzelne Essenslieferantin unterwegs ist. Die App ist auch ein Überwachungsinstrument. Ständig piepst es.« – Georgia Palmer, Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion (FAU)

Am Wochenende hat ein europäisches Bündnis sich zum »Transnational Social Strike Meeting« in Berlin zusammengesetzt: Dort wurde diskutiert, welche Formen der Ausbeutung der »digitale Kapitalismus« angenommen hat – und wie man sich dagegen wehren kann. Was war dort los?

Es gab Workshops zu verschiedenen Themen. Am Samstag abend debattierten etwa 80 Leute darüber: Ist die teilweise brutale Form der Flexibilisierung, die mit dem digitalen Kapitalismus einhergeht, neu – oder ist sie ein Rollback in vergangene Zeiten? Viele waren der Meinung, dass es diese »Working poor« schon vor langer Zeit gab: Sie arbeiten hart, müssen ständig verfügbar sein, sie erhalten völlig unregelmäßig Aufträge oder werden nur kurzzeitig befristet eingestellt. Sie haben keine Sicherheiten im Arbeitsleben und am Ende des Monats nie genug Geld auf ihrem Konto. Wir erleben erneut Arbeitsbedingungen, die wir aufgrund der Kämpfe vergangener Jahrzehnte überwunden dachten. Arbeitszeitregelungen werden mehr oder weniger geschickt unterwandert.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Bei Deliveroo werden meist Pauschalen pro Auftrag gezahlt, auch bei Foodora, wo ich arbeite – dort aber nur in anderen europäischen Ländern: Lange Wartezeiten zwischen einem und dem nächsten Auftrag werden dabei nicht berücksichtigt. Wir werden per App informiert, wenn es Arbeit gibt. Durch die App ist die Firma zu jeder Zeit informiert, wie schnell die einzelne Essenslieferantin unterwegs ist. Die App ist auch ein Überwachungsinstrument. Ständig piepst es, zum Zeichen, dass der Lieferant sich beeilen soll – selbst wenn er beim Restaurant warten muss, weil das Essen noch nicht fertig ist.

Es war interessant zu hören, wie Beschäftigte von Amazon aus Polen, Frankreich und Deutschland untereinander Solidarität üben: Um Streiks zu brechen, wird die Arbeit mitunter an Standorte in anderen europäischen Ländern verlagert. Doch die Arbeiterinnen und Arbeiter sind untereinander gut vernetzt: In der Ausweichfirma wird prompt ein Bummelstreik durchgeführt. Motto: Überstunden dort zum Ausgleich gibt es nicht.

Sind Essenslieferanten miteinander solidarisch?

International ist da wenig zu bewirken. Lokale Standorte funktionieren unabhängig von Filialen in anderen Städten und europäischen Ländern: Arbeit kann nicht woandershin übertragen werden. Wir können allerdings Druck aufbauen, wenn wir gleichzeitig an verschiedenen Orten auf die Straße gehen. Bei Fahrradkurieren gibt es aber auch auf lokaler Ebene viel Solidarität, etwa was das neue Bonussystem angeht: Damit will das Unternehmen uns gegeneinander ausspielen und unter größeren Leistungsdruck setzen. Die »besten 15 Prozent« der Fahrer erhalten einen Euro Bonus pro Stunde. Viele bemühen sich gar nicht erst darum mitzumachen. Auch der vom Unternehmen initiierte Onlinewettbewerb um Schichten verursacht Stress, weil der schnellste Zugriff gewinnt. Es läuft oft ins Leere, weil Kollegen sich mittlerweile untereinander kennen und Schichten tauschen.

Wie war die Stimmung beim Treffen?

Es war toll. Aktivisten aus Frankreich, Großbritannien, Polen und Italien haben teilgenommen, und es gab eine interessierte Öffentlichkeit, die uns bei unserer Aktionswoche vom 20. bis 26. November unterstützen will. Typisch für unseren Widerstand ist, dass die Arbeiterinnen und Arbeiter sich selber organisieren. Selbst Leute, die nicht selbst betroffen sind, haben verstanden: Hier beginnt eine neue Form des verschärften Kapitalismus, der repressiv auf diejenigen einwirkt, die genötigt sind, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Einige Unternehmen schreiten voran, um sich die Machtposition auf dem Markt zu sichern, und ziehen verheerende Veränderungen der Arbeitswelt nach sich.

Georgia Palmer ist Gewerkschafterin der anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsföderation FAU (Freie Arbeiterinnen- und Arbeiterunion), Mitinitiatorin der Deliver Union, einer internationalen Kampagne für bessere Arbeitsbedingungen für Essenslieferanten, etwa für Fahrer von Deliveroo und Foodora. Sie selber ist für Foodora tätig


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