Aus: Ausgabe vom 14.11.2017, Seite 2 / Inland

»Wir fordern auf, genau hinzuschauen«

Friedensgesellschaft feierte 125jähriges Jubiläum in Berlin mit Kongress, Festveranstaltung und politischer Aktion. Gespräch mit Michael Schulze von Glaßer

Interview: Claudia Wrobel
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»Als satirische Abschlussaktion des Bundeskongresses haben wir eine Torte zum Verteidigungsministerium im Bendlerblock gebracht. Denn für uns sind 62 Jahre Bundeswehr natürlich kein Grund zu feiern.« – Michael Schulze von Glaßer, Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK)

Am Wochenende beging die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, DFG-VK, bei ihrem 21. Bundeskongress auch ihr 125jähriges Bestehen. Doch bevor wir darüber sprechen, möchte ich gerne von Ihnen wissen, wie die Geburtstagsgrüße angekommen sind, die Sie am Sonntag der Bundeswehr zum 62. Jubiläum überbracht haben.

Als satirische Abschlussaktion des Bundeskongresses haben wir eine Torte zum Verteidigungsministerium im Bendlerblock gebracht. Die war »hübsch« verziert, mit kleinen Panzern, Soldaten, »Blut«. Denn für uns sind 62 Jahre Bundeswehr natürlich kein Grund zu feiern. Wir fordern auf, genau hinzuschauen, was die alles machen in der Welt.

Wenn man zum Geburtstag gratuliert, gebietet es die Höflichkeit, dass man empfangen wird. Wie hat man auf Sie reagiert?

Natürlich wusste das Verteidigungsministerium Bescheid, aber die kommen in solchen Fällen nicht heraus. Wir hatten die Auflage, auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu bleiben. Allerdings war ich tatsächlich im September noch im Ministerium, um über den Einsatz Minderjähriger bei der Bundeswehr zu reden. Gemeinsam mit dem »Bündnis Kindersoldaten« haben wir versucht, die Armee von unserer Mindestforderung, keine Minderjährigen zu rekrutieren, zu überzeugen.

Gab es Verständnis für Ihre Argumente – von einer Bundesregierung, die andernorts berechtigterweise gegen den Einsatz von Kindersoldaten angeht?

Zunächst sagen Vertreter der Bundeswehr immer, sie habe keine Kindersoldaten, aber das ist natürlich eine Definitionssache. Die meisten denken bei dem Wort an einen 12jährigen mit einem Maschinengewehr in Afrika. Das ist natürlich bei der Bundeswehr nicht der Fall, aber nach UN-Definition sind alle Menschen unter 18 Jahren Kinder. Die Bundeswehr versucht da, pragmatisch zu argumentieren: Wenn sie den Jugendlichen nicht direkt nach der Schule ein Angebot machen könne, entscheiden sich diese nach einer zivilen Ausbildung nicht mehr für das Militär. Mittlerweile sind 10 bis 15 Prozent der Rekruten, die pro Jahr hinzukommen, minderjährig. Die neuesten Werbekampagnen zielen auf sehr junge Menschen ab, und der Anteil steigt.

Ein wichtiges Thema, aber ich möchte noch mal auf das viel schönere Jubiläum am Wochenende zu sprechen kommen. Der Bundeskongress hat am Wochenende nicht nur Anträge entschieden und den alten Vorstand entlastet, sondern auch ordentlich gefeiert.

Es gab Reden der Bundestagsabgeordneten Kathrin Vogler und der ehemaligen Landesbischöfin Margot Käßmann. Außerdem hat unter anderem der ukrainische Kriegsdienstverweigerer Ruslan Kozaba gesprochen, den wir schon lange unterstützen. Musik gab es auch, klassisch von den »Lebenslauten« und moderner mit Hiphop von Holger Burner. Wir haben aber nicht nur gefeiert, wir haben auch den Carl-von-Ossietzky-Fonds wiederbelebt. Das ist ein Solidaritätsfonds unserer Organisation, um Menschen, die gegen das Militär aktiv sind, bei Rechtsstreitigkeiten zu helfen. Und natürlich ging es um die Entwicklung unseres Verbands: Wir haben etwa 3.500 Mitglieder, davon rund 200, die jünger als 35 Jahre sind, und dieser Anteil wächst.

Es gab mal eine Zeit, in der man das Gefühl hatte, man müsse sich gar nicht mit dem Kampf gegen Militarismus auseinandersetzen. Führt die gegenwärtige Situation dazu, dass der Verband heute anders gesehen wird und mehr Möglichkeiten der Einflussnahme hat?

Nach dem Ende des »Kalten Kriegs« sind unsere Mitgliederzahlen eingebrochen. Man mag es als gutes Zeichen sehen, wenn die Kriegsgefahr vermeintlich gebannt scheint. Momentan haben wir einen Mitgliederaufschwung nach zehn Jahren der Stagnation. Das hat, denke ich, sehr viel mit dem US-Präsidenten Donald Trump zu tun. Seit seiner Wahl werden wir ganz anders wahrgenommen. Da stehen wir dann natürlich bereit, um zu informieren.

Werden Sie auch öfter beispielsweise in Schulen eingeladen, quasi als Konterpart zu Infoveranstaltungen der Bundeswehr?

Da merken wir vor allem, dass unsere Materialien von Gruppen vor Ort stärker nachgefragt werden. Das sind nicht unbedingt immer Mitglieder. Hauptsache, Menschen engagieren sich gegen Krieg und gegen den Einsatz der Bundeswehr im Ausland.

Michael Schulze von Glaßer wurde am Sonntag zum politischen Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) gewählt

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