Aus: Ausgabe vom 13.11.2017, Seite 15 / Politisches Buch

Das große Schachspiel

Vom Gläubiger zum Schuldner der Welt: Michael Hudson schildert den Aufstieg des US-Finanzimperialismus

Von Simon Zeise
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Für die USA gehört der Einsatz des Militärs (Foto: 1990, Saudi-Arabien) zum »Spiel« um die Vorherrschaft

Dem Patensohn Leo Trotzkis und ehemaligen Wall-Street-Banker Michael Hudson (Jahrgang 1939) ist mit dem Buch »Finanzimperialismus. Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus« ein Werk gelungen, das sich Marxisten nicht entgehen lassen dürfen. Zumal es 45 Jahre gedauert hat, bis es endlich ins Deutsche übersetzt wurde.

Hudson erklärt, wie es den Vereinigten Staaten gelang, nach dem Ersten Weltkrieg zur führenden imperialistischen Weltmacht aufzusteigen und diese Position bis heute zu halten. Es ist erschreckend, wie die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse denen von vor hundert Jahren gleichen. Eine auf Sozialkürzungen ausgerichtete Wirtschaftspolitik war bzw. ist in der kapitalistischen Welt vorherrschend, 1917 wie 2017: »Die unerträglich hohen Reparationszahlungen« nach dem Ersten Weltkrieg »trieben Deutschland in die Austerität«. Mit der Folge, dass die Wirtschaft zusammenbrach. Die Schuldendeflation habe große Ähnlichkeit mit jener, die vor einer Generation die Schuldnerländer der sogenannten dritten Welt heimsuchte, sowie mit der gegenwärtigen Krise in Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien.

Hudson hatte Zugang zur Finanzelite und zum Weißen Haus – ein unschätzbarer Gewinn für den Leser. Außerdem zeichnet er den Entwicklungsverlauf des US-Imperialismus mit Hilfe zahlreicher Quellen nach.

Washington hatte den Verbündeten im Ersten Weltkrieg ursprünglich versichert, sie müssten sich keine Sorgen über die Rückzahlungsbedingungen für Kriegskredite machen. Diese hätte nach dem Sieg geregelt werden sollen, die Rückzahlung sollte der nominalen Kreditsummen entsprechen. »Zu einer Zeit, als es in der amerikanischen Öffentlichkeit breite Unterstützung für den Vorschlag gab, Frankreich zum Dank für seine Hilfe während der Amerikanischen Revolution eine Milliarde Dollar für den Kampf gegen die Achsenmächte zu schenken, wurde die französische Regierung offiziell ermutigt, ihre gesamten Rüstungsanstrengungen über die Vereinigten Staaten abzuwickeln.«

Ein Senator aus Iowa hatte demnach erklärte: »Frankreich kam uns in der Stunde unserer größten Bedrängnis mit Geld, mit einem Teil seines Heeres und seiner Marine zu Hilfe. Es ist zu bezweifeln, dass wir ohne die Hilfe Frankreichs unsere eigene Nation bekommen hätten. (...) Ich möchte nicht erleben, dass diese Regierung Frankreich auffordert, den Kredit zu tilgen, den wir ihm gewähren werden.«

Indes, es sollte anders kommen. US-Finanzminister Andrew Mellon habe später eingeräumt, dass die Vereinigten Staaten mit einigen Transaktionen im Krieg eine Rendite von 80 Prozent erzielt hatten. Amerikanische Regierungsvertreter hätten Europa mit Hilfs- und Wiederaufbaukrediten versorgen wollen, aber der US-Kongress sei nicht bereit gewesen, die benötigten Mittel bereitzustellen.

Daraufhin drohte ein Zusammenbruch der landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugerpreise in den Vereinigten Staaten, da sich die europäischen Staaten die Nahrungsmittel aus den USA, deren Preise in den Kriegsjahren gestiegen waren, nicht mehr leisten konnten. »Als Großbritannien im Januar 1919 seine monatlichen Lebensmittelbestellungen strich, machte sich unter den amerikanischen Landwirten Furcht vor einem Preissturz breit.« Die Regierung hätte damals bereits angeordnet gehabt, Tausende Automobile zu verschrotten, um die Unternehmen dieses Industriezweigs vor dem Ruin zu retten.

Es scheint auf den ersten Blick unmöglich, aber die USA haben sich als Staat vom größten Gläubiger zum Schuldner entwickelt – und dennoch zur Weltmacht. Die Gründe dafür legt Hudson ausführlich dar. Die Verbindlichkeiten ersetzten ab 1971 den Goldstandard. Das System sei so nicht geplant gewesen, aber nachdem es etabliert war, sei es bald bewusst verteidigt worden. Als sich die Exportpreise für amerikanisches Getreide kurz nach der Aufgabe des Goldstandards vervierfacht hatten, erhöhten die Erdöl exportierenden Länder ihre Rohstoffpreise ebenfalls entsprechend. Hudson schreibt, »in einer Sitzung im Weißen Haus erfuhr ich, dass amerikanische Diplomaten den Regierungen Saudi-Arabiens und anderer Länder der Region zu verstehen gegeben hatten, diese könnten für ihr Öl so viel verlangen, wie sie wollten, aber die Vereinigten Staaten würden es als kriegerischen Akt deuten, würden sie ihre Einnahmen aus dem Erdölexport nicht in Vermögenswerten anlegen, die in US-Dollar denominiert waren«. Dieses ungeschriebene Gesetz gilt noch heute. Hudson erläutert die Regeln, nach denen auf dem »großen Schachbrett« – wie es der neokonservative Vordenker Zbigniew Brzezinski nannte – im Zeitalter des Imperialismus gespielt wird.

Lesen Sie zu diesem Thema auch das Interview mit Michael Hudson »Finanzsystem ermöglicht US-Militär«

Michael Hudson: Finanzimperialismus. Die USA und ihre Strategie des globalen Kapitalismus. Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2017, 478 S., 27 Euro

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