Aus: Ausgabe vom 14.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Der Straßenkampf und die Liebe

Umsturzprosa des »Unsichtbaren Komitees«, Teil drei: »Jetzt«

Von Anselm Lenz
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»Syriza«, Gewerkschaften, »Nuit debout« und »Occupy«: Das Unsichtbare Komitee glaubt nicht mehr an warme Worte – und erschafft doch eine umwerfende Sprache

Vor zehn Jahren schenkte das »Unsichtbare Komitee« den Autonomen ein Manifest. »Der kommende Aufstand« wurde zum Umsturzkultbuch. Mit der Entschlossenheit der Revolutionstradition von 1789 formuliert, dabei nicht frei vom Raunen eines typisch französischen Kulturpessimismus, ging es unter Linken von Hand zu Hand und von dort bis hinunter in die bürgerlichen Feuilletons. Und das, ohne vom Gegner vollständig usurpiert oder lächerlich gemacht werden zu können: ein seltenes Kunststück.

Im Oktober ist nun die zweite Fortsetzung auf deutsch erschienen. Die Kenntnis der Vorgänger ist für ein Verständnis von Vorteil, also zurück auf Los. »Der kommende Aufstand« ließ keinen Zweifel an der Position der Verfasser: Hier schreiben Linke, die sich nicht mehr »links« nennen wollen, weil sie etablierte Parteien und große Gewerkschaften nur noch als Instrumente der Regierung wahrnehmen. Deren Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Eher symbolische Anschläge auf TGV-Routen und Castorstrecken führten zu hektischen Polizeiaktionen des französischen Zentralstaats gegen das »Comité Invisible« wegen »Bildung einer terroristischen Vereinigung«.

Es kam zu Razzien in abgehängten Gegenden der »Grande Nation«. Das beschuldigte Autorenkomitee wurde in kollektiv geführten Landwirtschaftsbetrieben in der Region Nouvelle-Aquitaine vermutet. Die Staatsmacht hoffte, dort eine bewaffnete Gruppe bei Käse, Landwein und der fiebernden Lektüre von Schriften des Subcomandante Marcos anzutreffen. Eine ganze Reihe von Aktivisten und Intellektuellen wurde verdächtigt, darunter der Herausgeber des Bandes, Éric Hazan, und der Sozialphilosoph Julien Coupat, der mehr als ein halbes Jahr lang inhaftiert wurde. Weder die Urheberschaft noch die Beteiligung an Sabotageakten ließ sich jemandem nachweisen.

Das aufzuschreiben, was ist, was viele wussten oder zumindest spürten, war das Erfolgsrezept: Der Wohlstand schwindet, die Mittelschicht bröckelt, die vielbeschworenen »Chancen« sind die einer schäbigen Lotterie. Wer zuvor wenig hatte, hat bald nichts mehr – und vor allem: nichts in Aussicht. Ein bunter Strauß von Haupt- und Nebenwidersprüchen werde uns täglich mit einer durchschlagenden Direktive vor die Nase gehalten: Woanders geht es den Leuten schlechter – also sag brav danke. So kann man nicht leben, auch wenn es im Supermarkt »Cinquantes nuances de brie« gibt – 50 Sorten Briekäse wie 50 Sorten Folter.

Das »Komitee« hatte von Anbeginn etwas von einem »Fight club« – nur eben auf die französische Art und mit den Mitteln einer umwerfenden Sprache. Es analysierte »Symptome des Zusammenbruchs westlicher Demokratien« und stellte eine kleinteilige Föderation in Aussicht, die durch militante Zerstörung der Konzerne und der Institutionen des bürgerlichen Staates zu erringen sei. Hinter der Wirtschaft solle nach dem Sturz das Leben selbst zum Vorschein kommen. Für soviel revolutionären Eifer erntete es insbesondere von etablierten Linken und Antideutschen in der BRD vernichtende Kritik; dieser Text aus Frankreich rüttelte an Fundamenten.

In der Nachfolgeschrift »An unsere Freunde« (2014) konstatierten die Unsichtbaren, was von ihrer aufsehenerregenden Prognose alles nicht eingetreten war: »Die Aufstände sind gekommen, nicht die Revolution«, die sei »im Stadium des Aufruhrs erstickt«. Die militanten Revolutionäre müssten »ihre Niederlage eingestehen«. Was dieser Text leistete, war keine Kleinigkeit, sondern die Fortschreibung einer Geschichte revolutionärer Autonomer in der Gegenwart. Allein das wirkte subjektkonstituierend und machte einen deutlichen Unterschied zum Interventionismus, aus Sicht der Umstürzler nicht mehr als die eitelste Form der Sozialdemokratie in der Postmoderne.

Militanz, so das »Komitee«, sei kein Mangel an Verstand, Ausdrucksfähigkeit oder Manieren. Sondern der einzig mögliche Anlauf, den kapitalistischen Staat, dessen Klassenjustiz und Eigentumsverhältnisse zu überwinden. In dem Moment, in dem Polizeien und private Sicherheitsdienste nicht mehr arbeiten können, sei die Fassade vor den Gegensätzen eingestürzt, die Bahn frei, revolutionäre Umwälzung unausweichlich, so die grundlegende Annahme.

Auch im dritten Teil, »Jetzt«, bleibt indes sehr vage, wie es sein wird nach der »ewigen Krise« und dem avisierten Umsturz. Als Ziel wird der »Kommunismus« formuliert, aber die Begriffe bleiben unscharf in dem Versuch, libertäre, anarchistische und marxistische Strömungen zu vereinen. Man versteht sich dabei auch zehn Jahre nach dem Gründungsmanifest noch als Vorhut und hat Erfahrungen damit gemacht, die »Demospitze« zu übernehmen.

»Jetzt« operiert mit Elementen des Existentialismus, der Linguistik und der Differenzphilosophie – allerdings mehr um zu sagen, was auf keinen Fall gemeint ist. Bei allen taktischen Manövern soll das revolutionäre Subjekt keinesfalls aufgegeben werden. Im Gegenteil: Die Auflösung des »Ichs« soll den gesellschaftlichen Neubeginn erst ermöglichen.

Präzise abgerechnet wird mit den Fehlläufern im Widerstand gegen das »Loi travail«, jenem vom Sozialdemokraten François Hollande per Präsidaldekret durchgesetzten Arbeitsgesetz. Die Auseinandersetzungen um die im März 2016 verkündete neoliberale Reform nach Schröderschem Vorbild dauern bis heute an. Diese Kämpfe seien richtig, aber zum Scheitern verurteilt. Jede Hoffnung auf eine »sechste Republik«, auf eine Verfassungsreform sei vergebens. Denn Massenbewegungen wie »Nuit debout«, »Occupy« und »Blockupy« ereile trotz ihres basisdemokratischen Charakters unausweichlich immer dasselbe Schicksal, legtztlich jenes der griechischen Syriza-Regierung. Jede Formulierung eines politischen Ziels mittels Redekreise, Repräsentation und Symbolik werde vom neoliberalen Regime eingehegt. Nur in einer Phase der Anomie, in der jede Politik »abgesagt« sei, könne sich ein Zustand substantieller Veränderung ergeben, die Abtrennung des Wirtschaftssektors vom »Leben« überwunden werden. Damit gehen auch radikalökologische Motive einher sowie solche liberaler Revolutionen, mit denen man sich in Frankreich auskennt.

Eine Stärke dieses Essays in bester französischer Tradition ist die Beschreibung und Überhöhung der Realität der Straße. Wunderbar wird dieses faszinierende Stück Umsturzprosa, wenn die Liebe gepriesen wird – an dieser Stelle funkelt sogar das Spiel mit der poststrukturalistischen Auflösung des Subjekts. Es ist ein menschenfreundlicher Text, der sich klar von nach rechts gekipptem Nihilismus und Carl Schmittschen Souveränitätsphantasien unterscheidet. Für Menschen, die in der Bundesrepublik leben müssen, birgt das eine gewisse Düsternis. Den Deutschen kann man als Volk bekanntermaßen nicht trauen.

Interessant wäre eine Einschätzung der Geschehnisse rund um den G-20-Gipfel im Juli gewesen, doch das Buch ist bereits im April 2017 im Pariser Verlag La Fabrique herausgekommen.

Unsichtbares Komitee: Jetzt. Aus dem Französischen von Birgit Althaler, Edition Nautilus, Hamburg 2017, 128 Seiten, 14 Euro

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