Aus: Ausgabe vom 10.11.2017, Seite 11 / Feuilleton

Die Wanduhr tickt

Wissen die Kuratoren, was sie tun? Anmerkungen zum 60. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm in Leipzig

Von Andreas Hahn
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Die Konformität der Protagonisten, mit stellenweiser Ausnahme des fiesen Kriminellen, ist bedrückend: »Betrug« von David Späth

In diesem Jahr fand in Leipzig das 60. Festival für Dokumentar- und Animationsfilm statt. Dieses Jubiläum traf rein zufällig ein anderes – 100 Jahre Oktoberrevolution. Das waren zehn Tage, die, wie man damals sagte, die Welt erschütterten.

In deren Folge gab es damals auch recht neuartige Dokumentarfilme, deren Neuartigkeit tatsächlich so immens war, dass sie vielleicht bis heute noch nicht recht eingeholt wurde. Statt dessen hat man schon seit geraumer Zeit die Frage nach dem Neuen selbst mehr oder weniger ad acta gelegt. Aber das ist eine andere Geschichte, das soll uns jetzt nicht weiter beschäftigen. Zumindest schenkte das zufällige Zusammentreffen der Jubiläen dem diesjährigen Dok Leipzig das Thema seiner Retrospektive: »Denn dieser Welt ein ästhetischer und politischer Spiegel zu sein, gehört seit seiner Gründung zum bleibenden Selbstverständnis des Leipziger Festivals« konnte man im Katalog lesen. Glückauf, Kumpel! Die Reihe hieß »Kommandanten – Vorsitzende – Generalsekretäre – Kommunistische Herrschaft in den Bildsprachen des Films«. »Herrschaft« im Singular, andernfalls hätte man Herrschaften, aber »Sprachen« als ein pluralistischer Plural? Herrschaftszeitenkruzifixsakramentnochmal.

Maulsperre mit Marx

»Das Wort ›Revolution‹ liegt sperrig im Mund«, hebt der einleitende Katalogtext an. Später erklärt er sich deutlicher: »Im Zentrum steht der kommunistische Führer in seiner visuellen Selbstkonstruktion. Welcher Art war das Bild, mit dem er sich repräsentiert sehen wollte (…)?«. Der Begleittext zur ersten der insgesamt acht Filmzusammenstellungen (laut Katalog: »thematische cluster«) beginnt dann mit dem Satz: »Revolutionen sind oft Heldengeschichten, gespeist aus dem Traum von einer Sache (Pier Paolo Pasolini).« Und spätestens an dieser Stelle habe ich mich doch schon ziemlich gewundert, ob die Kuratoren wirklich wissen, was sie tun?

Tatsächlich hatte Pasolini 1962 ja einen Roman mit dem Titel »Il sogno di una cosa« veröffentlicht, der 1968 beim DDR-Verlag Volk und Welt als »Der Traum von einer Sache« auf deutsch erschienen war. Pasolini konnte wohl davon ausgehen, dass dieser Titel, zumindest von den Leuten, die das was anging, als ein Zitat eines gewissen Karl Marx erkannt wurde. Und falls nicht, ging er sogar auf Nummer Sicher und stellte die entsprechende Textstelle (Marx, Brief an Ruge, Kreuznach, September, 1843, MEW 1, S. 346) als Motto voran: »Unser Wahlspruch muß also sein: Reform des Bewußtseins nicht durch Dogmen, sondern durch Analysierung des mystischen, sich selbst unklaren Bewußtseins, trete es nun religiös oder politisch auf. Es wird sich dann zeigen, daß die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen.«

Das war ein ziemlich berühmter Text, in dem nicht zuletzt »die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden« gefordert wurde. Da kann man schon mal Maulsperre bekommen.

So eine Verwechslung, so ein kleiner Lapsus, kann freilich jedem passieren und passiert wohl früher oder später auch jedem. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass es gerade das Erratische ist, das, wenn auch naturgemäß alles andere als zuverlässig, darauf schließen lassen hilft, wes Geistes Kind jemand ist. Anders gesagt, ob jemand einen auch nur entfernten Hauch von Ahnung hat, wovon er da spricht, oder ein bestimmtes Buch jemals in der Hand hatte, insbesondere wenn im Verlauf dieses Sprechens mit gesperrtem Mund schon ganz hübsch große Töne gespuckt werden.

Wie im Fernsehen

Kaum etwas macht einem so ausgesprochen schlechte Laune wie das öffentlich rechtliche Fernsehprogramm. Allerdings, man kann es nicht leugnen, gehören die Anstalten weiterhin zu den wichtigsten Auftraggebern/Geschäftspartnern zumindest des europäischen Dokumentarfilms. Ich meide deutsches Fernsehen – öffentlich rechtlich oder sonstwie – normalerweise zwar, so gut ich kann, aber sein Freibier trinke ich trotzdem gern.

In diesem bierseligen Sinne wurde das 60. Dok Leipzig von einem im Auftrag des SWR produzierten Doku-Trash mit dem programmatischen Titel »Betrug« (Regie: David Späth) eröffnet. Es geht darin um die Geschichte eines zum Betreiben eines privaten Kindergartens gegründeten Vereins, der in München-Schwabing vor fünf Jahren von seinem kriminellen Finanzvorstand um seine (ortsbedingt erheblichen) Rücklagen geprellt wurde. Der Hochstapler trat ursprünglich in den Verein ein, um einen Kindergartenplatz für sein behindertes Kind zu ergattern, nutzte das Vereinsgeld aber umgehend, um recht unappetitlich den dicken Max zu markieren (geleaste Sportwagen, teure Huren, neuer Grill). Zu den Geschädigten gehörte der Filmemacher selbst, der neben zwei befreundeten Paaren und dem Betrüger jeweils auf dem heimischen Sofa Rückschau auf den bizarren Fall hält. Die soziale Homogenität, um nicht zu sagen Konformität der Protagonisten, mit stellenweiser Ausnahme des durchaus fiesen Kriminellen, ist dabei absolut bedrückend. Spätestens als der Filmemacher im Zusammenhang mit seinem Projekt von Therapie sprach, verließ ich fluchtartig den Raum, um mir die plötzlich notwendige therapeutische Unterstützung von ein paar Litern guten bayerischen Biers keineswegs zu verweigern.

Die Einsicht, dass die normale Kleinfamilie an sich schon so etwas wie eine kriminelle Vereinigung sei, kann man ja durchaus auch den Schriften eines gewissen Pier Paolo Pasolini entnehmen. Und so hatte sich für mich der Kreis in Leipzig bereits sehr frühzeitig geschlossen (»Frisch weht der Wind der Heimat zu ...«). Der Gewinnerfilm des internationalen Wettbewerbs, der Goldenen Taube, war dann auch eine Pleite. »Licu, a Romanian Story« (»Licu, o poveste romaneasca«) von Ana Dumitrescu ist in einem milchigen digitalen »Schwarzweiß« das Porträt eines 92jährigen, offenbar aus einer Juristenfamilie stammend und der orthodoxen Kirche zeitlebens eng verbunden, der über die verschiedenen Etappen der rumänischen Geschichte und über seinen Ingenieursberuf Auskunft gibt, während er eine Kippe nach der anderen pafft. Allerdings nicht immer wirklich zuverlässige Auskunft. Aber der Mann ist uralt, und die Lage in Rumänien war 1944 (und später) auch nicht immer übersichtlich. Dass Nicolae Ceausescu aber erst ab 1965 und nicht 1955 das Sagen hatte, hätte man vielleicht schon mal erwähnen können, beispielsweise.

»Freiheit« bedeute dem Mann hauptsächlich, Badeferien am Schwarzen Meer zu machen, heißt es, nun beklagt er den Ausverkauf seines Landes an die neokoloniale EU. Das obszöne TV-Programm, das nebenbei im Bild ist, scheint ihm recht zu geben. Ansonsten gefällt sich der Film in abgeschmackten Allegorien. Die Wanduhr tickt wie der Herzschlag, eine Taube klebt am Fenster wie die treue Seele und andere Gefühligkeiten mehr. Dass der alte Mann stellenweise haarsträubenden politischen Unsinn faselt, davon ist an keiner Stelle des Films die Rede. Es ist ja schließlich »eine filmische Reise, (…) die aber für uns eine Lektion für das Leben ist«, wie die Jury meint.

Das europäische Erbe

Dass der Umgang mit der Geschichte, den Alten und ganz Alten unter Umständen auch ganz anders aussehen kann, zeigte im internationalen Programm der Film »Granny Project« des britisch ungarischen Filmemachers Balint Revesz. Zusammen mit zwei Kumpels porträtiert er drei ihrer Großmütter. Es geht dabei hauptsächlich um Weltkrieg II, Faschismus und das alles, im europaweiten Maßstab. Eine Großmutter ist Britin und hat für den Geheimdienst gearbeitet. Eine ist Deutsche und Enkelin des sektiererischen, antisemitischen »Fin de Siècle«-Religionstifters Johannes Müller. Die dritte, eine Ungarin, KZ-Gefangene und überzeugte Sozialistin ihr Leben lang.

Die drei Jungs sind zunächst sehr albern, vielleicht zu albern. Aber das ist schon ganz richtig so. Als notwendiger Kontrast zu der großen Traurigkeit, die diesem Film letztlich unterliegt. Die Traurigkeit, dem Zerfall des Geistes einer Frau zuzusehen, die einst in Bletchley Park gleichsam an der Seite von Alan Turing Codes dechiffriert hatte (ihre einbrechende Demenz und ihr plötzlicher Tod sind wesentlicher Bestandteil des Films). Die Traurigkeit einer starrsinnigen, unheimlichen Frau, die das Familienerbe einer wahnwitzigen Kunstreligion fortzuführen scheint. Und schließlich die ganz große Traurigkeit einer Frau, die im Grunde das Wesentliche eines modernen europäischen Erbes verkörpert: Atheismus, Sozialismus, Wissenschaft.

Man hat es verschleudert, um dafür den kranken Witz des gegenwärtigen Europa zu erhalten (zumindest darin ist auch dem rumänischen Greis recht zu geben). »Granny Project« war der beste (neuere) Film, den ich auf dem Festival gesehen habe.

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