Aus: Ausgabe vom 10.11.2017, Seite 7 / Ausland

Versöhnung mit Hindernissen

Verwaltung im Gazastreifen geht von Hamas an Fatah über. Widerstandsgruppen wollen Waffen nicht niederlegen

Von Gerrit Hoekman
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Unter den Augen der Hamas: Ein Bewaffneter Anhänger der Islamisten beobachtet eine Kundgebung anlässlich des achten Todestags von Jassir Arafat (Gaza, 9.11.2017)

Am 1. Dezember übernimmt die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) offiziell die Verwaltung von Gaza. Die Machtübergabe scheint aber bereits weit fortgeschritten zu sein. »Hamas ist nicht länger verantwortlich für die Einwohner von Gaza«, zitiert die britische Nachrichtenseite Middle East Monitor (Memo) am Dienstag Musa Abu Marsuk, ein Führungsmitglied der Islamisten. Seine Organisation habe die gesamte Verwaltung in die Hände der PA gelegt.

Zehn Jahre herrschten die Islamisten über den kleinen Streifen am Mittelmeer mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern, eingeklemmt zwischen Israel und Ägypten. 2007 hatten sie die Fatah des PA-Präsidenten Mahmud Abbas aus Gaza vertrieben. Die Behörde kam zwar noch für die Löhne der Staatsbediensteten in dem Küstenstreifen auf, hatte aber sonst keinen Einfluss mehr.

Am 12. Oktober schlossen Hamas und Fatah in Kairo unter den Augen der ägyptischen Regierung ein Versöhnungsabkommen, das eine einheitliche Regierung für die Westbank und Gaza vorsieht. Die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in Gaza sind der Hamas schlichtweg über den Kopf gewachsen. Diverse Kriege und Israels Dauerblockade haben den Streifen ruiniert. Als auch noch Abbas Anfang des Jahres den Geldhahn für die Verwaltung zudrehte, war es um die Islamisten geschehen. Gaza stand vor dem Kollaps.

Die Fatah dürfen sich im Moment als Siegerin über die Hamas fühlen. Doch bald wird sich herausstellen, dass Verwalten nicht Beherrschen ist. In Gaza soll es rund 50 bewaffnete Guerillagruppen geben, von denen viele nicht gerade zu den Anhängern von Abbas zählen. »Die palästinensische Führung wird das Guerillamodell im Gazastreifen nicht akzeptieren, weil es nicht erfolgreich ist«, kündigte Abbas am 24. Oktober gegenüber der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua an. »Es sollte eine Autorität, ein Gesetz und eine Armee geben, keine Milizen.«

Das umzusetzen wird nicht einfach werden. »Wir können unsere Waffen nicht aufgeben, weil sich das palästinensische Volk immer noch im Stadium der nationalen Befreiung befindet«, erklärte Jahja Sinwar, der Führer der Hamas im Gazastreifen, laut der ägyptischen Wochenzeitung Al-Fadschr nur einen Tag später. »Außerdem können und werden wir Israel nicht anerkennen.« Sinwar, der 22 Jahre in israelischen Gefängnissen saß und im Februar an die Spitze der Hamas gewählt wurde, gilt als die treibende Kraft hinter der Versöhnung mit der Fatah. Gegenüber Israel tritt er allerdings als Hardliner auf.

Die Autonomiebehörde hat zwar in den vergangenen Wochen etwa 3.000 loyale Polizisten von der Westbank nach Gaza verlegt, doch angesichts der Kassam-Brigaden ist das eine verschwindend geringe Zahl. Der bewaffnete Arm der Hamas soll mehr als 20.000 Kämpfer unter Waffen haben.

Aber es gibt noch andere. Es ist ebenfalls kaum anzunehmen, dass die Märtyrer-Abu-Ali-Mustafa-Brigaden der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) freiwillig die Kalaschnikows niederlegen. Die PFLP hat zwar die Versöhnung von Kairo ausdrücklich begrüßt und will sich an ihr beteiligen. Mit dem Abkommen könne man sich nun endlich wieder auf den gemeinsamen Feind Israel konzentrieren, »anstatt sich in internen Streitigkeiten zu verlieren«, erklärte allerdings Ahmed Tannani, Führer der Jugendorganisation der PFLP, am 19. Oktober gegenüber der Nachrichtenseite Al-Monitor. Dieselbe Ansicht dürfte auch beim kampfstarken Islamischen Dschihad verbreitet sein. Selbst unter den Einheiten der Al-Aksa-Brigaden der Fatah sollen sich nicht nur Parteigänger des Präsidenten befinden.

Unterdessen hält sich Abbas zum Staatsbesuch in Riad auf. »Die palästinensische Führung, wie auch das palästinensische Volk, steht angesichts der Attacken an der Seite Saudi-Arabiens«, versicherte Abbas laut Nachrichtenagentur WAFA bei einem Treffen mit König Salman. Gemeint sind der Iran und seine Verbündete im Libanon, die Hisbollah. Führende Vertreter der Hamas trafen sich vergangene Woche laut Times of Israel mit Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah und bekräftigten die gemeinsamen Ziele. Am vergangenen Samstag reiste zudem eine Hamas-Delegation nach Teheran. Sehr zum Schrecken Saudi-Arabiens und der Autonomiebehörde.


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  • Gisela Vormann: Sieg wäre Einigkeit (…) Nicht die Hamas und die Fatah sind Feinde, der gemeinsame Feind heißt Israel. Als sich im Jahr 2014 schon einmal die Fatah und die Hamas zusammenschließen wollten und große Freude darüber bei der ...

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