Aus: Ausgabe vom 09.11.2017, Seite 15 / Medien

Bild hetzt weiter

G-20-Gipfel und Kriminalisierung des Protestes: Die meisten Medien sind ­zurückhaltender geworden. Nur das Boulevardblatt keilt weiter aus

Von Kristian Stemmler
S 15.jpg
Verbal schuldig gesprochen: Bürgerkriegsberichterstattung bei Bild.de

»Na, da strahlt aber einer glücklich, als ihn seine Freunde vor dem Knast abfeiern.« Mit diesem Satz beginnt ein Beitrag aus der Hamburger Lokalausgabe der Bild-Zeitung vom 4. November. Am Vortag war der französische G-20-Gegner Alix M. (27) gegen Zahlung einer Kaution von 10.000 Euro aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Billwerder entlassen worden – ein völlig normaler Vorgang.

Nicht für das Blatt aus dem Axel-Springer-Verlag. Zwar hat noch kein Gericht die Schuld des Franzosen festgestellt – ihm wird ein Flaschenwurf auf einen Polizisten während des Gipfels am 7. Juli vorgeworfen. Aber egal: Für Bild ist der Mann ein »G-20-Chaot«. Der Beitrag ist im Internet mit Fotos illustriert, die zeigen, wie der Freigelassene vor der JVA von Unterstützern begrüßt wird. Bildunterschriften dazu: »Die Kumpane jubeln, Alix M. ist frei, wird umarmt« oder »Schlag ein! Alix M. und ein Kapuzentyp«.

Von Bild erwartet wohl kaum jemand Seriosität oder gar Sensibilität. Aber der Tonfall in den Beiträgen über »linke Gipfelgegner« ist selbst für ein Boulevardblatt starker Tobak. Immer wieder macht man sich über Gesten oder individuelle Merkmale unliebsamer Personen lustig. So heißt es in einem Online-Beitrag am 1. November über einen Hamburger, dem die Staatsanwaltschaft neun Straftaten an den Gipfeltagen vorhält: »Schmuddeliges T-Shirt, ausgebeulte Jeans, leerer Blick in die brennenden Barrikaden am Schulterblatt. Wir sehen Hamburgs schlimmsten G-20-Randalierer!«

Nahtlos setzt Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung damit die Hetzkampagne fort, die sie weit vor dem Gipfel begonnen hat. Schon Monate vorher wurden Krawalle heraufbeschworen, entsprechende Berichte mit Fotos bebildert, die brennende Barrikaden zeigen. Als sich die »Prophezeiung« in der Nacht vom 7. zum 8. Juli im Schanzenviertel erfüllte, gab es kein Halten mehr. Gipfelgegner waren jetzt nur noch »Kriminelle«, alle Polizisten dagegen Helden und Opfer linker Gewalt. Kein Wort von der ausufernden Polizeigewalt, die erst zur Eskalation geführt hatte.

Nicht nur Bild, so gut wie alle bürgerlichen Medien steigerten an den Tagen nach dem Gipfeltreffen in Hamburg die Hysterie. Einige Wochen später war der Hype verebbt. Das Abendland war nicht untergegangen, im Schanzenviertel rollte wieder der Rubel. Spätestens als Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im August die linke Internetplattform linksunten.indymedia.org verbot, dämmerte manchem Journalisten, vor wessen Karren man sich hatte spannen lassen. Die Beiträge über die Prozesse gegen G-20-Gegner, die in der Woche nach dem Verbot begannen, waren jedenfalls zurückhaltender – mit Ausnahme derer von Bild.

Wie bei anderen Themen bemühen sich die eher aufs Bildungsbürgertum zugeschnittenen Medien wie das Hamburger Abendblatt, auch beim Thema G 20 zumindest den Anschein von Objektivität zu erwecken. Wertungen fließen eher unterschwellig ein, der Leser wird durch Gewichtung beeinflusst. Aufschlussreich ist hier also nicht so sehr, was geschrieben wird, sondern was nicht geschrieben wird.

Kritik an den oft absurd harten Urteilen gegen Gipfelgegner ist in der bürgerlichen Presse kaum zu vernehmen. Selten wird auch darauf hingewiesen, dass die »große Koalition« im Bund diese Härte überhaupt erst ermöglicht hat, unter anderem mit dem neuen Paragraphen 114 im Strafgesetzbuch (Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte) vom 30. Mai 2017. Dafür werden die Begründungen der Gerichte für ihre drakonischen Urteile ausführlich zitiert. Zum Beispiel die Äußerung von Amtsrichter Johann Krieten, der im ersten Prozess den Niederländer Peike S. (21) für zwei Flaschenwürfe zu zwei Jahren und sieben Monaten Haft ohne Bewährung verurteilte: »Polizisten sind kein Freiwild für die Spaßgesellschaft.«

Eine rühmliche Ausnahme bei der Berichterstattung über die Verfahren gegen G-20-Gegner stellen die Beiträge dar, die das TV-Magazin »Panorama«, die Welt und die Süddeutsche Zeitung Anfang August zeitgleich über den italienischen Aktivisten Fabio V. (18) veröffentlichten. In bester investigativer Tradition decken sie auf, mit welchen dubiosen Mitteln Polizei und Justiz ihren Rachefeldzug gegen Gipfelgegner führen. Fabio sitzt seit dem 7. Juli in Untersuchungshaft, nur weil er an einem Aufzug teilnahm, den die Polizei im Industriegebiet Rondenbarg brutal zerschlug. Selbst die staatstragende Welt (ebenfalls aus dem Hause Springer) stellte fest, dass der Italiener sich nichts zuschulden kommen ließ.

Scharfe Kritik an den G-20-Urteilen ist sonst nur in linken Medien zu lesen. Die vielleicht am ehesten angemessene Antwort auf das erste Urteil gegen Peike S. gab das Satiremagazin Titanic am 29. August. Unter der Überschrift »Welche G-20-Urteile noch zu erwarten sind« heißt es da: »Einen Polizisten grimmig angucken: 500 Peitschenhiebe; an der Roten Flora vorbeilaufen: sämtliche Talkshowauftritte von Wolfgang Bosbach anschauen; an einem Polizisten vorbeigehen und nicht den Hitlergruß zeigen: eine Nacht mit Beate Zschäpe«.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Medien