Aus: Ausgabe vom 09.11.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Aufbruch im Donbass

Modernisierung von Produktionsanlagen: Wie die »VR Donezk« Schritt für Schritt ihre zerstörte Volkswirtschaft erneuert

Von Reinhard Lauterbach
RTS10YFN.jpg
Regierungsdelegation besucht Anfang 2017 Metallurgiebetrieb in der Hauptstadt Donezk

Natürlich sieht es aus wie sowjetische Produktionspropaganda: Videos des Donezker Fernsehens, die mal hier, mal dort Szenen des Wiederaufbaus zeigen. Hier ein Kesselhaus in der Ortschaft Olexandriwka. Die mit Kohle betriebene Vorgängeranlage war im ukrainischen Bürgerkrieg zerstört worden, jetzt steht ein elektronisch gesteuerter Gaskessel in einem dafür viel zu großen Raum, und der Bürgermeister erzählt stolz, dass die Schule des Ortes wieder beheizt werden könne. Drei Jahre lang sei im Winter der Unterricht wegen der niedrigen Innentemperaturen verkürzt worden, die Kinder hätten in Anoraks und Handschuhen im Klassenraum gesessen. Dort sind es ein zwei Jahre nach dem Ende der Kämpfe wiederhergestellter Kindergarten in Debalzewe oder eine neue Hochspannungsleitung, die einen Außenbezirk von Gorliwka wieder stabil ans Stromnetz anschließt. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Die Schäden, die der Krieg im dichtbesiedelten Donbass angerichtet hat, sind kaum zu beziffern. Etwa 10.000 Tote und Verletzte, die die UNO zählt, sind die menschliche Seite. Die materiellen Schäden lassen sich schwer beziffern, zumal ständig neue hinzukommen. Erst am vergangenen Sonntag feuerte die ukrainische Armee wieder einmal mehr als 1.000 schwere Granaten auf die Wohnviertel von Donezk ab. Es gab drei Tote und einige Verletzte, über Sachschäden wird kaum noch geredet. Denn wie bewertet man eine kaputtgegangene Fensterscheibe, ein durchlöchertes Dach, einen eingestürzten Keller mit Wintervorräten, eine unpassierbar gemachte Straße, ein zerstörtes Wartehäuschen an der Bushaltestelle?

Die Regierung der völkerrechtlich nicht anerkannten Volksrepublik Donezk ist sich darüber im klaren, dass sie von der Bevölkerung vor allem daran gemessen wird, wie sich die Lebensverhältnisse entwickeln. Deshalb haben auch kleine Erfolge über den Einzelfall hinausgehende Aussagekraft. Die Leute sollen merken, dass es vorangeht. Aus den Bildern lässt sich aber auch auf offenbar bewusst getroffene strategische Entscheidungen der Republikführung schließen. Das gilt vor allem für eine Diversifizierung der Volkswirtschaft. Die Region soll weg von der Dominanz der Schwerindustrie. Zum Beispiel wurden Apfelbaumplantagen neu angelegt, um die Republik mit »eigenem« Obst versorgen zu können. 35.000 Bäume wurden gesetzt, im Herbst 2018 soll zum ersten Mal geerntet werden. Gleichzeitig wird auch in die Industrie investiert.

Anfang Oktober ging in Donezk das »Jusowskij-Metallurgiewerk« wieder in Betrieb, eine Gießerei für Roheisen, Ende des vergangenen Monats ein weiteres in Makijiwka. Das Interessante daran: Der Betrieb war nicht im Krieg zerstört, sondern schon 2013 von den damaligen Eigentümern stillgelegt worden – als unrentabel. Ob es jetzt geschäftlich sinnvoll ist, die Produktion wieder anzufahren, ist unklar: die Rekonstruktion von Schwerindustriebetrieben hat offenbar vor allem eine soziale Funktion. Es gilt, die arbeitslosen Hüttenwerker zu beschäftigen, jedenfalls einen Teil von ihnen. Von den einst 3.500 Arbeitern des Donezker Betriebs sind inzwischen 1.000 wieder eingestellt worden, und das ist der Erfolg, der nach außen strahlt. Ein Problem ist die Rohstoffzufuhr. Das Donbass ist historisch in einer Symbiose mit dem Eisenerzrevier von Kriwij Rig (Kriwoi Rog) westlich des Dnipro (Dnepr) entstanden, aber der Krieg hat diese Verbindung unterbrochen. Vermutlich kommt das Erz jetzt aus Russland.

Der Investitionsbedarf ist gigantisch. Denn schon in den siebziger Jahren hatte die sowjetische Planbehörde beschlossen, im Donbass keine größeren Investitionen mehr zu tätigen. Der Grund: die vergleichsweise hohen Gestehungskosten der dortigen Kohle im Vergleich zu der im Tagebau gewonnenen aus Sibirien. Schon in den achtziger Jahren verfiel die Infrastruktur und das soziale gefüge erodierte. 1989 wurde den Bergleuten sogar ihr »Seifendeputat« gestrichen. Das war ein Hauptgrund, warum beim Unabhängigkeitsreferendum 1991 auch im Donbass eine Mehrheit für die Abspaltung von der UdSSR stimmte – die Bergleute hofften, in einer unabhängigen Ukraine wieder unentbehrlich zu sein. Es kam bekanntlich anders. Zugleich soll die aktuelle Investitionsstrategie auch die Folgen Ausbeutung durch diverse Oligarchen mildern und beseitigen.

Sicher trägt auch Russland durch verdeckte Subventionen dazu bei, dass eine bescheidene Wirtschaftsbelebung stattfinden kann. Ihr Anteil am Donezker Budget wird auf etwa 80 Prozent geschätzt. Bis zu umgerechnet zwei Milliarden US-Dollar jährlich (1,7 Milliarden Euro) soll sich Moskau die Unterstützung der beiden Volksrepubliken kosten lassen. Doch deren Wunsch, nach dem Vorbild der Krim in die Russische Föderation aufgenommen zu werden, wird sich so schnell wohl nicht erfüllen. Alexander Schartschenko, Chef der VR Donezk, bezeichnete dieses Ziel dieser Tage als »langfristig«. Gegenwärtig seien »weder Russland noch wir darauf vorbereitet«.

Lesen und lesen lassen (Login erforderlich) Ich will auch!
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Krieg in der Ukraine Ausländische Einmischung, Putsch und Bürgerkrieg

Ähnliche:

Mehr aus: Kapital & Arbeit