Aus: Ausgabe vom 09.11.2017, Seite 2 / Ausland

Libyen nimmt Tote in Kauf

Sea-Watch bekräftigt Vorwürfe gegen Küstenwache

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Am Montag im Mittelmeer: Flüchtlinge zwischen der libyschen Küstenwache und der »Sea-Watch 3«

Die Organisation Sea-Watch hat am Mittwoch ihre Vorwürfe gegen die libysche Küstenwache bekräftigt, für den Tod mehrerer Flüchtlinge verantwortlich zu sein. Auf Facebook veröffentlichte der Verein, der mit einem Schiff Schutzsuchende im Mittelmeer rettet, ein Video, auf dem das Vorgehen der Libyer zu sehen ist. »Scheinbar war es der libyschen Küstenwache wichtiger, möglichst viele Menschen zurück nach Libyen zu verschleppen, als möglichst viele zu retten. Der Vorfall ereignete sich weit außerhalb libyscher Territorialgewässer und ist ein klarer Verstoß gegen internationales Seerecht«, schreibt Sea-Watch.

Die Libyer hatten am Dienstag den Vorwurf zurückgewiesen, fünf Leben auf dem Gewissen zu haben und beschuldigten ihrerseits die Organisation, das Unglück vor der Küste des nordafrikanischen Landes ausgelöst zu haben. Ein Schiff der Sea-Watch sei während einer Rettungsaktion am Montag aufgetaucht und habe unter den Flüchtlingen Chaos verursacht. Viele Menschen seien ins Meer gesprungen, um auf das Schiff von Sea-Watch zu gelangen. Dieses habe die Anweisung der Libyer ignoriert, sich zu entfernen.

Eine Sprecherin der italienischen Küstenwache bestätigte dagegen die Angaben der Organisation. Die »Sea-Watch 3« sei von der zentralen Seenotrettungsleitstelle in Rom mit der Rettung der Menschen beauftragt worden und gleichzeitig mit einem libyschen Schiff bei dem Schlauchboot eingetroffen.

Durch das »brutale Vorgehen« der Libyer sei auf dem Boot rund 30 Meilen nördlich der Küste Panik ausgebrochen, weshalb mehrere Menschen ins Wasser gefallen seien, erklärte Sea-Watch. »Diese Toten gehen auf das Konto der sogenannten libyschen Küstenwache«, sagte der Einsatzleiter der Organisation, Johannes Bayer. Nach Angaben der italienischen Küstenwache nahm Sea-Watch 58 Geflohene an Bord. Die Libyer brachten 45 Menschen zurück in das Bürgerkriegsland.

Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind 2017 bereits 2.925 Männer, Frauen und Kinder auf der Flucht über das Mittelmeer umgekommen. IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo sagte am Dienstag in Genf, fast 2.600 Gerettete, 34 Tote und 50 Vermisste seien »das Ergebnis einer der härtesten Wochen, die die Rettungskräfte auf der zentralen Mittelmeerroute in den vergangenen vier Monaten bis Montag erlebt haben.« (dpa/jW)

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