Aus: Ausgabe vom 08.11.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Revolution und Patriotismus

Offiziell wurde der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland ignoriert. Doch Zehntausende demonstrierten mit den Kommunisten

Von Reinhard Lauterbach
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Demonstration der russischen Kommunisten am Dienstag in Moskau

Wladimir Putin gab sich anderweitig beschäftigt. Als »öffentlichen Teil« seiner Aktivitäten am 100. Jahrestag der Oktoberrevolution nannte der Pressedienst des Kreml ein Treffen mit Russlands oberster Verbraucherschützerin. Doch am Morgen gab es in Moskau eine Militärparade, wie traditionell zu Sowjetzeiten. Nur, dass sie nicht mehr – wie damals – dem Andenken an die Oktoberrevolution gewidmet war, sondern dem Andenken an die historische Parade der Sowjetarmee am 7. November 1941. Damals waren die Soldaten direkt vom Roten Platz aus an die Front gebracht worden, die wenige Kilometer vor Moskau verlief.

Die Parade an diesem Dienstag bot für das Gefühl alle Zutaten sowjetischer Ikonographie: die braunen Mäntel und schräg getragenen Decken, die alten Gewehre mit aufgepflanzten Bajonetten, die rot-goldenen Banner der einzelnen Fronten von damals. Sogar die Kavalleristen der präsidialen Leibgarde und einen qualmend über den Platz rumpelnden Panzer des legendären Typs »T 34« hatten die Veranstalter aufgeboten. Darsteller waren Militärkadetten und Hobby-»Rekonstrukteure«. Mit etwa 3.000 Teilnehmern war die Parade zahlenmäßig größer und auch zeitlich ausgedehnter als ihr historisches Vorbild, das wegen der Gefahr deutscher Luftangriffe nur eine halbe Stunde gedauert hatte. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin war der ranghöchste staatliche Vertreter, der sich zu Wort meldete: mit einem Dank an die Veteranen des »Großen Vaterländischen Kriegs«, denen er versicherte: »Wir sind stolz auf euch.«

Kommunistisches Gedenken

Hauptträger des Gedenkens zum Revolutionsjubiläum waren die russischen Kommunisten. Für sie sind diese Tage der Höhepunkt des politischen Jahres 2017. Zur zentralen Gedenkveranstaltung, die am Montag begann und am Dienstag andauerte, sind nach Angaben der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF) 130 Delegationen aus 85 Staaten der Welt angereist. Die politisch sicher wichtigste Delegation ist die der KP Chinas; zu den größeren Abordnungen gehören auch die der Kommunisten Südafrikas, Venezuelas und Syriens. KPRF-Chef Gennadi Sjuganow erklärte aus Anlass des Jahrestages, der Kapitalismus sei unfähig, der Erde und ihren Bewohnern eine stabile Lebens- und Entwicklungsperspektive zu bieten. Nur der Sozialismus sei in der Lage, die »Welt vor dem Untergang zu retten«. Die russischen Kommunisten seien weiter bereit, einen entschiedenen Kampf für einen »erneuerten Sozialismus« zu führen. Zur zentralen Demonstration der KPRF versammelten sich am Dienstag nachmittag Tausende Menschen. Die Moskauer Behörden hatten unter anderem die Prachtstraße »Twerskaja« für die Demonstration freigegeben, allerdings nur eine der Richtungsfahrbahnen (»auf der Seite der geraden Hausnummern«) und den daran angrenzenden Bürgersteig. Da die KPRF sich in der Regel an polizeiliche Auflagen hält, wird ein gesitteter Verlauf des Revolutionsgedenkens erwartet.

Das ändert nichts daran, dass hinter Sjuganows pathetischen Worten womöglich mehr Realitätsbezug steckt, als man angesichts der formelhaften Sprache vermuten könnte. Von mehreren Gedenkveranstaltungen der KPRF in der russischen Provinz wurde eine starke Beteiligung junger Leute gemeldet, so etwa aus Simferopol auf der Krim, wo sich etwa 3.000 Menschen unter roten Fahnen und Parolen wie »Alle Macht den Räten« und »Lenin ist unsterblich« versammelten. Ebenfalls auf der Krim haben der KPRF nahestehende Initiativen einen wenigstens propagandistischen Erfolg erzielt und Pläne der Regierung durch Klagen vor Gericht blockiert. Diese wollte am Hafen von Sewastopol, wo sich 1922 die letzten »Weißen« auf der Flucht vor der Roten Armee in Richtung Türkei eingeschifft hatten, ein monumentales Denkmal der »Versöhnung« errichten.

Geteilte Meinung

Umfragen sehen Verteidiger und Kritiker der Oktoberrevolution gleichauf: Je 46 Prozent halten sie für ein überwiegend positives Ereignis bzw. für das Gegenteil. Das staatliche Umfrageinstitut VZIOM, das die Befragung veranstaltete, hob hervor, dass unter den Anhängern der Revolution durchaus nicht nur Menschen im Rentenalter seien, sondern auch viele junge Leute. Als wichtigste zu würdigende Errungenschaften der Revolution wurden – bei vorformulierten Antwortalternativen – genannt: Sie habe für die große Masse der Bevölkerung Fortschritte ihrer Lebensbedingungen gebracht und sie habe die Modernisierung Russlands und seinen Aufstieg zur Weltmacht angestoßen. Es liegt durchaus auf der Linie des offiziellen Gedenkens, die Sowjetunion weniger als Bruch mit der bisherigen russischen Staatlichkeit zu betrachten, denn als ihre Fortsetzung unter anderen Rahmenbedingungen. Wladimir Putin hat diese Dialektik schon vor einiger Zeit in die Worte gekleidet, wer das Ende der Sowjetunion nicht bedauere, habe kein Herz; wer sie aber zurückhaben wolle, besitze keinen Verstand.

Kiew: Ukrainischer Salut

Offizielle Feierlichkeiten zu Ehren des Jahrestags der Oktoberrevolution sind in der Ukraine seit Jahren verboten. Linke Kräfte, die sie organisieren könnten, sind in die Illegalität gedrängt. Wie viele Gläschen am Abend in ukrainischen Küchen »za prazdnik« (auf den Feiertag) getrunken wurden, ist schwer abzuschätzen. Nach außen dringen die Aktionen von Nationalisten. In Kiew löschten sie in der Nacht zum Dienstag die ewige Flamme, die im »Park des Ruhmes« an die sowjetischen Toten des »Großen Vaterländischen Krieges« erinnert. Sie gossen Zement in die Öffnung, in der sie normalerweise brennt. Immerhin: Diesmal nahm die Polizei Ermittlungen auf und die Kiewer Stadtverwaltung äußerte ihre Missbilligung. In Melitopol am Schwarzen Meer beschmierten Unbekannte ein sowjetisches Kriegerdenkmal. Ansonsten hielt sich die Ukraine an die Devise, dass selbst ein Dementi noch an die negierte Sache erinnert, und verzichtete auf offizielle und halboffizielle Äußerungen zum Revolutionsjubiläum.

Einzige – und vollkommen inoffizielle – Ausnahme war ein Happening in Kiew. Eine Aktivistin der Gruppe »Femen« kletterte an der Metrostation »Arsenalna« auf ein dort immer noch erhaltenes Denkmal für die aufständischen Kommunisten, die Anfang 1918 um das dortige Militärarsenal gekämpft hatten. Wie bei Femen üblich, entblößte die Frau ihren Oberkörper, auf den sie mit Filzstift die Worte »Revolution 2017« gemalt hatte. Anschließend wedelte sie mit einer roten Fahne und rief doch tatsächlich die »Proletarier aller Länder« auf, sich »gegen die Hydra des Poroschenko-Regimes« zu vereinen. Bei aller postmodernen Beliebigkeit scheint die Aktion doch darauf berechnet gewesen zu sein, dass die Erinnerung an den Roten Oktober auch in der ukrainischen Bevölkerung nicht als geschmackloser Gag, sondern weiter als emotionaler Erinnerungspunkt präsent ist. (rl)

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