Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Liebling der Medien

Von Arnold Schölzel

Das Institut für empirische Medienforschung (IFEM) Köln hat die Präsenz von Parteienvertretern in den deutschen Fernsehnachrichtensendungen im September gezählt. CDU und SPD brachten es danach auf jeweils 397 Auftritte, die AfD folgt mit 134 Auftritten fast gleichauf mit den Grünen (132 Auftritte) und knapp vor der CSU (122). Mit Abstand folgen FDP (77) und Die Linke (73). Es lässt sich sagen: Die AfD ist ein Liebling verantwortlicher Redakteure, vor allem in öffentlich-rechtlichen Sendern. Hinzuzufügen ist: Die AfD-Themen sind es erst recht.

Wer ARD oder ZDF vor der Bundestagswahl einschaltete, erhielt beigebracht, das größte Problem dieses Landes seien Zuwanderer, egal ob viele oder wenig kommen, sowie deren sogenannte Integration oder Abschiebung. Und es geht so weiter. Ein Beispiel: In der 90-Minuten-Sendung »Länderzeit« des Deutschlandfunk am 1. November rollte dessen Redakteurin Thekla Jahn, so das Internetportal Telepolis, der AfD-Rechtsauslegerin Christina Baum aus Baden-Württemberg den »roten Teppich« aus. Wahrscheinlich sieht die DLF-Frau selten fern, jedenfalls gab sie sich uninformiert und fragte: »Was hat die AfD richtig gemacht und die anderen Parteien nicht?« Die AfD-Dame, die kürzlich die türkischstämmige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung mit Tieren verglich, hatte fünf Minuten Zeit für Originalton. Kritische Nachfragen Fehlanzeige. Was folgte, waren laut Telepolis eineinhalb Stunden »AfD light«: Die anrufenden Hörer kannten vor allem kriminelle Migranten, die teilnehmenden Politiker von SPD (Karamba Diaby) und CDU (Winfried Mack) nur Deutsche, die man ernst nehmen muss.

So häufig die Expertise der Anhänger von Massendeportationen gefragt ist, so wenig berichten die Medien aus dem Innenleben der Partei wildgewordener Klein- und Großbürger. Eine Ausnahme ist ein Beitrag in der Zeit, in dem Autor Hannes Vogel unter dem Titel »Gefälschte Stimmen« mitteilt: »Weil die Vorstandswahl 2016 manipuliert wurde, muss die Berliner AfD einen Parteitag außer der Reihe abhalten – und erneut wählen«. Zu der Vereinsfolklore wurden die beiden Vorsitzenden des Landesverbandes, die Juristin Beatrix von Storch und der Bundeswehroberst a. D. Georg Pazderski, von Journalisten offenbar nie groß befragt. Dabei hatten beide bereits Mitte September zu einem außerordentlichen Landesparteitag geladen, der an diesem Wochenende in der Zitadelle Spandau stattfinden soll. Begründung: Um damit »die Diskussion über einige Aspekte des Landesparteitages im Januar 2016 abzuschließen«. Dort wurden von Storch und Pazderski durch manipulierte Abstimmungen gewählt. Ein Pazderski-Unterstützer war, so Vogel, laut Parteitagsprotokoll ertappt worden, als er »bei einer Abstimmung gleich mehrere Wahlzettel in die Urne zu stopfen« versuchte. Sicherheitsleute hätten denselben besorgten Bürger dabei beobachtet, wie er probierte, ob er außerhalb des Saales »Wahlzettel in eine verschlossene Urne« stecken könne. In einer anderen habe sich bereits vor der Abstimmung eine größere Anzahl von Zetteln befunden. Es gab Anzeigen, aber die Staatsanwaltschaft stellte alle Verfahren ein: Nur die Manipulation staatlicher Wahlen ist hierzulande strafbar, parteiinterner Betrug interessiert die Justiz nicht.

Fast zwei Jahre lang, so Vogel, habe die Spitze der »Partei des harten Rechtsstaats« »die Aufklärung des Wahlbetrugs systematisch verschleppt«. Festgestellt wurde der nicht von politischen Gegnern, sondern von Schiedsgerichten der AfD. Fazit des Zeit-Autors: »Nicht nur strafrechtlich, auch politisch müssen Beatrix von Storch und Georg Pazderski keine Konsequenzen befürchten.« Von Medien nur weitere Einladungen. Die AfD-Themen sind schließlich auch ihre.

Die AfD ist ein Liebling verantwortlicher Redakteure, vor allem in öffentlich-rechtlichen Sendern. Hinzuzufügen ist: Die AfD-Themen sind es erst recht.

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