Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 12 / Thema

Andauernde Abrechnung

Nicht nur die Oktoberrevolution, auch die Distanzierung der antiautoritären Linken von ihr wird gegenwärtig 100 Jahre alt. Man kann beide nur zusammen bilanzieren

Von Dietmar Dath
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Despotisch und brutal seien sie gewesen, heißt es immer wieder von seiten der antiautoritären Linken über die Oktoberrevolution und die ihr nachfolgenden Ereignisse – Zeichnung Wladimir Majakowskis, Rosta-Fenster, Nr. 337 (1920)

Die nachfolgende Rede hielt Dietmar Dath am 21. Oktober 2017 auf der Konferenz »Revolution hat Zukunft« im Kino Babylon in Berlin. Bei dem abgedruckten Text handelt es sich um eine ergänzte und veränderte Fassung. Der vollständige Wortlaut wird in den Marxistischen Blättern (Heft 1/2018) erscheinen. (jW)

Vor siebzehn Jahren fasste der Publizist Andreas Fanizadeh das politische Denken unzähliger antiautoritärer Linken, die sich seit einem Jahrhundert von den bolschewistischen Voraussetzungen, vom Verlauf und von den Ergebnissen der Oktoberrevolution distanzieren, in einem Interview mit bemerkenswerten Sätzen zusammen, die nebenbei die gesamte revolutionäre Tradition der marxistischen Arbeiterbewegung aus etwas zu entfernen versuchen, das Fanizadeh mit verblüffender definitorischer Selbstsicherheit kurzweg »die Linke« nennt (er meint nicht die Partei, die jetzt so heißt): »Die Linke ist immer in der Krise. Das gehört dazu, dass eine Linke permanent erfolglos ist. Weil sie herrschaftskritisch ist und nicht autoritär, weil sie sich nicht an die Macht setzen will.«

Freiheit zum Rückzug

Er möchte die Leute, die er da beschreibt, damit nicht beleidigen. Es ist ein Lob, er mag dazugehören. Persönlich kenne ich solche Sprüche seit gut dreißig Jahren, andere kennen sie länger, besonders arg häuften sie sich im Westen nach 1968. Die Meinung vieler sogenannter Achtundsechziger zum Thema »Macht« hat ganz offensichtlich sehr viel mit der Ohnmacht ihrer Protestbewegung zu tun, die genau an dem Punkt abgefangen, zertreten und zerstreut wurde, als sie sich mühsam daran hatte machen wollen, das verschüttete Wissen der marxistischen Linken aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg auszugraben und den Kontakt der jungen Intelligenz zu Leuten herzustellen, die keine Intellektuellen waren, aber wie die besten unter diesen nichts zu erben und nichts zu sagen hatten. Genau an diesem Punkt, an dem es hätte spannend werden können und auf eine Weise organisiert, bei der man nicht mehr in verrauchten Kneipen und Seminarräumen über die beste Staatsform oder die schönste Verwirklichung des menschlichen erotischen Spielvermögens diskutieren wollte, sondern beispielsweise Partei werden, ging’s für die meisten schief. Weil damals gerade eine tiefgreifende Veränderung der kapitalistischen Wirtschaftsweise weltmarktgetrieben (und damit übrigens auch für die sozialistischen Staaten von Belang) im Gange war, mussten alle Staaten, links wie rechts der Ost-West-Grenzen, ihren Erziehungs- und Verwaltungsaufwand erhöhen, weil herrschende Klassen, egal ob bürgerlich oder nicht, gesamtgesellschaftliche Aufgaben, die man nicht als Einzelunternehmen, Bürgerinitiative oder Produktionseinheit erledigen kann, nun mal bei Strafe des Untergangs nicht lange liegenlassen dürfen. Die besten Stellen für Intellektuelle bietet in solchen Momenten selbst im Kapitalismus die Bildungs-, Koordinations- und Vermittlungssphäre, vor allem in staatlichen Einrichtungen. Gerade dann, wenn man nichts zu erben und keine Aussicht darauf hat, andere für sich arbeiten zu lassen, will man da ganz gern unterkommen, und so wollten die jungen linken Intellektuellen um 1968 genau dies. Die wachsten unter ihnen waren dabei häufig diejenigen, die von zu Hause her ein bisschen wussten, wie der Hase läuft, wer in dieser Gesellschaft wen ausbeutet, unterdrückt, ausgrenzt, einschließt, abhängt, rumschubst und so weiter, und gerade die kriegten bald darauf mitgeteilt: Eine kommunistische Partei oder K-Gruppe oder so was, das lässt du bleiben, wenn du da reingehst, gibt es die besten Stellen, die neuen Stellen, die halbwegs sicheren Stellen für dich nicht. Kann man diesen Leuten böse sein, wenn sie danach erzählten, außerhalb von Parteien könne man doch sehr viel freier links politisieren, spontaner, ohne Autorität? Freiheit! Na ja, Freiheit zum Rückzug eben. In jeder linken Debatte, die öffentlich in diesem Land vorkommt, im Fernsehen oder auf der Straße, bilden Leute, die wissen, dass man Freiheit und Fairness nicht einfach beschließen kann, sondern durchaus unfreie Dinge tun muss, um sie zu erkämpfen, seither die absolute Minderheit.

Macht und Autorität kennt der approbierte Antiautoritarismus inzwischen andererseits selbst ganz gut, wenn auch nie auf eigene Rechnung, sondern auf Posten, in Gestalt von Verteidigerinnen und Verteidigern der linken Flanke der Herrschenden, Verwaltenden und Besitzenden, zum Beispiel in rot-grünen Koalitionen, inzwischen auch in schwarz-grünen, manchmal in rot-schwarzen (braun-bunte erleben wir vielleicht auch noch, je nach sozialökonomischer Krisenlage).

Notwendiges und Hinreichendes

Macht ist kein Ding, das man besitzt oder nicht, Autorität genauso wenig, beides sind vielmehr Beziehungen zwischen Menschen. Betrachtet man solche Beziehungen, erkennt man schnell, dass man a) notwendige und b) hinreichende Bedingungen für ihr Zustandekommen und ihre Aufrechterhaltung nicht verwechseln darf.

In dem Moment zum Beispiel, in dem eine Bewegung, der es um die Abschaffung ökonomischer Erpressung, um Freiheit und Frieden geht, die vormals Herrschenden, Besitzenden und Verwaltenden von der Macht verjagen kann, ist die notwendige Bedingung des Gelingens aller Maßnahmen auf dem Weg zu jenen Zielen die militärische, während sich als die hinreichende sehr bald das Vermögen zeigt, die Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens zu organisieren. Wenn die neue Macht, die das vollbringen muss, dann einigermaßen bewaffnet im Sattel sitzt und es bald (eine nicht- oder konterrevolutionäre Umgebung vorausgesetzt) mit Bürgerkrieg, Einkreisungsversuchen und anderen Sorgen zu tun bekommt, kehrt sich die Sache um: Die Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens ist für die revolutionäre Arbeit dann notwendig, aber ohne militärische Verteidigung ihrer organisatorischen Grundlagen nicht hinreichend.

Das Entscheidende waren an einem gewissen Punkt 1917 Bewaffnete, die ihre Waffen gegen ihre vorherigen Befehlshaber wandten. Die Zugzwänge zwischen notwendigen und hinreichenden Handlungen zur Selbsterhaltung dieses Aufstands begannen nicht selten an der Front, an die ein Weltkrieg, den die Herrschenden, Besitzenden und Verwaltenden der Epoche losgetreten hatten, diese Bewaffneten geschickt hatte. Derzeit ist gar nicht unvorstellbar, dass eine ähnliche Katastrophe ansteht, ob als Krieg des Westens gegen China, gegen Russland, irgendwen im Süden oder gegen sich selbst im Zerfall, da ist alles drin, es gibt eine Menge auch innerimperialistischer Widersprüche.

Wie bei Sergej Eisenstein im Stummfilm wird‘s aber nicht, das ist vorbei, und Szenen wie die aus dem Poesiealbum »1914–1918«, wenn ein Scharfschütze plötzlich den Abzug nicht mehr ziehen kann, weil ihm der Anblick des Glimmens einer Zigarette im Mund des vorgesehenen Opfers auf der anderen Grabenseite schlagartig bewusst macht, dass das ein genauso armer Teufel ist wie er selbst, kommen kaum noch vor in unserem Geschichtsabschnitt der Drohnenkriege. »Vom Kampf für den Frieden zum Kampf für den Sozialismus« bleibt dennoch die aktuellste Parole, die uns aus dem Vorfeld der Oktoberrevolution erreichen kann, auch und gerade da, wo selbst diejenigen Werkzeuge des Tötens, die noch aus Fleisch und Blut sind, zunehmend unter Drogen stehen oder andere Formen der Entmenschlichung erleben, um als bloße Reflexanhängsel ihrer Waffen funktionieren zu können, genau wie die Nichtbesitzenden im Kapitalismus seit jeher zu Anhängseln von Produktionsapparaten zugerichtet wurden und werden.

Falls sie das nicht bleiben wollen, sollten sie sich dafür interessieren, was 1917 war.

Der Philosophen-Flixbus

Wenn allerdings die staatsfrommen, zugelassenen BRD-Oppositionellen der Gegenwart davon erzählen, dann liest sich das in allen Blättern, auf allen Websites gleich düster, dann hört sich das im Radio exakt so an, wie’s im Fernsehen aussieht: Die Oktoberrevolution, heißt es in dieser Dauersendung, habe mit den Bolschewiki eine Gruppe an die Macht gebracht, die den demokratischen Streit der Meinungen über den richtigen Weg zur Chancengleichheit, Freiheit und zum Frieden erwürgt habe. Aufs »Philosophenschiff« zeigen die Empörten dann zum Beispiel, den berühmten Abtransport von Intellektuellen, die nicht in der jungen Sowjetunion geduldet sein sollten, nämlich diversen russischen Chauvinisten, religiösen Schwärmern, liberalen Taktikern. Man könnte, wenn die Empörung darüber nicht so durchsichtig angedreht wäre, durchaus mal fragen, was so verkehrt wäre an einem Flixbus voll mit Personen, die einerseits behaupten, ihnen läge daran, den Einfluss von Faschisten wie Götz Kubitschek in der öffentlichen Debatte zurückzudrängen, und andererseits über die Oktoberrevolution und vieles mehr, Historisches wie Aktuelles, genau dasselbe denken, reden und schreiben wie er. Man stelle sich vor, in diesem Flixbus nach, sagen wir, Basel oder Zürich, säße ein Philosoph, der die hiesigen, angeblich zu hohen Steuern für Besitzende abschaffen will, weil das Sozialversicherungsprinzip, das sie zur Kasse bittet, nach Meinung dieses Mannes doch nur Müßiggang bei Nichtbesitzenden fördere, und neben ihm säße vielleicht der Berliner Professor, der die Bundeswehr für weltweite Feldzüge fit machen will. Wenn diese Menschen für solche Ideen in die Schweiz umziehen müssten, wenn sie ihren Militarismus einer bürgerlichen Nation von ehrbarster Neutralitätstradition erzählen dürften, um ihr Geld dort zu verdienen, wo man von Geld etwas versteht und es nicht leicht für schlecht gearbeitete Kuckucksuhren oder noch schlechter gearbeitete Aufsätze verschwendet: Das bräuchte niemand ungerecht zu finden; vielleicht kann man es Nichtbesitzenden, Nichtherrschenden, Nichtverwaltenden heute genauso leicht erklären und vermitteln wie eine andere der verrufenen Maßnahmen des Bolschewismus, die sogenannte Befehlswirtschaft, gegen die nicht nur die FDP, sondern auch ehrenhafte Leute mit rätekommunistischen Neigungen, die ich kenne und hoch achte, eine ganze Reihe von Einwänden haben.

Die antibolschewistische Version der Revolutionsgeschichte verübelt den Bolschewiki bekanntlich einen angeblich despotisch-instrumentellen Schwenk in der Haltung zur Arbeiterkontrolle über die Betriebe. Bis zur Oktoberrevolution, wird dabei behauptet, habe diese Partei die Fabrikräte und deren übergreifende Verbindungsausschüsse unterstützt, um die Wirtschaft zu destabilisieren, danach aber habe sie das Bekenntnis zu direkter Arbeiterdemokratie fallengelassen. Die historische Wahrheit ist, dass alle gegen den Zarismus positionierten Parteien im damaligen Russland eine Weile für staatliche und gegen private Wirtschaft eintraten, von den Menschewiki (für Leute, die ganz grobe und unscharfe Analogien mögen: ungefähr die SPD) bis zu den Sozialrevolutionären (für Leute, die ganz grobe und unscharfe Analogien mögen: die Freiburger Grünen zirka 1988), dass aber nur die Bolschewiki diese Position mit entschiedener Befürwortung der Arbeitsdemokratie verbanden. Die Gegenüberstellung »hier stehen die edlen Fabrikräte, dort die bösen Parteikader«, ist schon deshalb Quatsch, weil in der heißen Phase der Revolution die führenden Leute in diesen Räten sehr oft Bolschewiki waren. Die dem Namen nach linksradikalen Sozialrevolutionäre wollten den Räten von vornherein nur das Recht zugestehen, Leute einzustellen und zu feuern, aber keine Teilhabe an produktionsrelevanten Entscheidungen, dafür plädierten überhaupt nur die Bolschewiki, die zugleich die einzigen waren, die klar sahen, wie dringend die Aufgabe der Reorganisation der Wirtschaft im kriegszerrütteten Land war. Die bescheidenen Zugewinne an Rückeroberung des Mehrwerts, die örtliche Kämpfe, angeführt von den Fabrikräten, seit der Februarrevolution erreichten, wurden nicht nur von der Teuerung aufgefressen, sondern die Gewerkschaften versuchten verzweifelt, die Reallöhne wenigstens in einzelnen Städten durch Dachverträge zu stabilisieren.

Im Blick auf das elende Gewurstel, in dem man da Betrieb für Betrieb um Millimeterfortschritte kämpfte, sollte man wenigstens daran denken, dass die Kapitalisten schon ihre Gründe haben, genau solche »Betrieb für Betrieb«-Regelungen seit dem Ende der sozialistischen Staatenwelt, seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts, gerade auch hier bei uns ganz prima zu finden. Nichts gefällt denen besser als Antizentralismus, nichts macht ihnen mehr Spaß, als Flächentarifverträge zu zersetzen und durch eine sogenannte Verbetrieblichung der Abkommen zwischen Kapital und Arbeit auszuhöhlen, eine Verbetrieblichung, die tausend Verstecke, Rückzugsgebiete und Nachschubwege für Besitzende, Verwaltende, Herrschende und die von ihnen ausgebildeten Management-Funktionseliten bietet, auch wenn deren Macht in einer revolutionären Lage erst mal schwindet.

Schwierigste Umstände

Dieses Dickicht mussten die Bolschewiki niederbrennen, was sie entschlossen genug auch taten, getragen von einem relativ zur Bauernschaft nicht eben sehr zahlreichen und keineswegs hoch entwickelten, aber politisch in den ausschlaggebenden Wochen heroisch opferbereiten Proletariat, das diese Revolution nicht nur schaffen, sondern auch von ihr geschaffen werden musste.

Man soll sich nicht dumm stellen: Wir reden von einem halbfeudalen Riesenstaat am Ende eines verheerenden Krieges, der durch die Revolution zunächst ein anderer Staat wird, gegen den alle bisherigen Kriegsgegner und sogar vormalige Alliierte sofort alle möglichen Schritte erwägen, gerade auch militärische, weil deren Herrschende, Besitzende und Verwaltende die revolutionäre Ansteckung ihrer eigenen Unterdrückten, Ausgebeuteten, Ausgeschlossenen und Erpressten fürchten müssen.

Wenn man sich nicht naiv stellt, muss man sich keineswegs wundern, dass diese Revolution und der Staat, den sie schuf, am Ende viele Hoffnungen der Nichtbesitzenden, Nichtherrschenden, Nichtverwaltenden dieser Welt nicht erfüllen konnte und heute, hundert Jahre später, Geschichte sind, unter Niederlagenschutt und Feindpropaganda begraben. Fast ein Wunder ist vielmehr im Gegenteil, dass sich das Ganze rund siebzig Jahre halten konnten, dass es die Folgen zweier Weltkriege überlebte, die Umzingelung, die inneren Widersprüche, und dass wir überhaupt noch etwas davon wissen.

Das liegt, neben vielen anderen Gründen auch an Klarheit und Konsequenz der Bolschewiki im Umgang mit einer Sorte von Problemen, die sich seither nicht verflüchtigt, sondern verschärft haben, was man, siehe oben, heute auch Menschen im Kapitalismus begreiflich machen kann, die sich gegen die Lösungsversuche der Bolschewiki bei diesen Problemen vor dreißig Jahren, als es die Sowjetunion noch gab, schwer gesträubt hätten, und die seither lernen mussten, dass das, was jene damals immerhin leidlich in den Griff bekommen haben, sich sehr schlecht benimmt, wenn es niemand in den Griff bekommt – Stichwort Kommandowirtschaft: Als kleiner Gymnasiast in den achtzigern durfte ich erleben, wie man uns, den zukünftigen Beschäftigten in freien Berufen, im Staatsdienst oder bei den Medien, eine Menge Angst einjagte vor dem »Kommunismus drüben«, indem man uns erzählte, dass dort niemand die Früchte der eigenen Anstrengung, den Lohn für Fleiß und Intelligenz sollte behalten dürfen. Mobilität, Aufstiegschancen, das eigene Häuschen: drüben Fehlanzeige.

Diese Kampagne richtete sich an die zwei typischen Sorten Kinder und Jugendliche, die an so einer Schule zu finden waren: Einerseits Nachkommen bereits mehr oder weniger Privilegierter, denen man damit Bammel einjagen wollte vor dem Verlust ererbter Vorrechte, aber andererseits auch an die Nachkommen von Eltern, die ihre Kinder auf so eine Schule schickten, oft unter gewissen Entbehrungen; wer keine Lehre macht, die oder den muss man länger durchfüttern, heute kein Thema mehr, es bleiben ja alle ewig daheim, der schlechten Chancen im Lotto um Ausbildungsplätze und Jobs halber. Gerade die noch nicht Abgestumpften unter denen mit Startmalus sollten erschrecken: Im Sozialismus kommt ihr nicht raus aus den kleinen, engen Verhältnissen, die sind dort das Ganze.

Zweierlei Enteignung

Die Bolschewiki hatten andere Sorgen – sie sind nicht dabei stehengeblieben, ihre ersten Versprechen per Dekret zu erfüllen, Land und Frieden, sondern sie haben auch wichtige Industriezweige wie Zucker, Öl, Metall unter revolutionäre Kontrolle gestellt, wichtiger aber, ja am allerwichtigsten: die Banken, also jene Spezies privater Finanzunternehmen, die sich in meiner Kindheit als Partner bei der versprochenen sozialen Mobilität präsentierte, beim Sparen, beim Finanzieren von eigenem Wohnraum, in den dann kein Vermieter mehr reinquatschen kann, oder beim Aufbruch in die Selbständigkeit und andere Träume.

Alptraum des Kleinbürgertums: Sogar Bankguthaben wurden von den Bolschewiki beschlagnahmt, und viele Aktiengesellschaften, die von Banken beherrscht wurden, löste man auf. Als die Bankmafia sich dagegen mit Streiks und Sabotage wehrte, kamen die politische Polizei und die Rote Garde. Ich wüsste gerne, ob man damit heute auch noch Gruselbilder für Kinder im Gymnasium malen kann, wenn für deren Eltern doch das Geld auf Tagesgeldkonten real schrumpft und die Aufstiegswilligen nicht nur Nullzinsen fürs Ersparte ertragen müssen, sondern demnächst vielleicht sogar Strafzinsen, während die Staubsauger der Monopole noch den Altersgroschen in ihre Spielkasinos saugen und bald keine »Anlage« mehr angeboten wird, die nicht völlig kontrollfrei von irgendwelchen Großbesitzenden, Großherrschenden, Großverwaltenden in ihre Verwertungskreisläufe, oft auch nur Verwertungsversuche eingespeist wird (übrigens: dass die Akkumulation nicht immer gelingt, ist kein Zeichen für die Schwäche des Kapitals, wie das eine modische Zusammenbruchswahrsagerei glauben machen will, sondern nur eine für Irrsinn. Man vergesse nie: Irre sind nicht notwendig auch Schwache, im Gegenteil, Irrsinn kann sehr stark machen, eben irre stark, weltzerstörerisch stark). Auf dem Titel der Woche der Frankfurter Allgemeinen Zeitung freute man sich unlängst über die große Zinswende der EZB, alles werde wieder gut, hieß es, aber wenn man dann ins Heft reinblätterte und das berühmte Kleingedruckte las, sah’s schon wieder anders aus: »Ungerecht, wie das Leben nun mal ist, dürften mit der sogenannten geldpolitischen Wende der EZB vor allem die Zinsen steigen, die Verbraucher für Kredite zahlen müssen – und nicht diejenigen, die sie fürs Ersparte bekommen.«

So nennt man das da: »das Leben«.

Ob der kleine Sparer und die kleine Sparerin sich unter solchen Vorzeichen noch Angst vor dem Sozialismus machen lassen, oder ob sie nicht langsam einsehen, dass diejenigen, die der Sozialismus enteignet, gerade dabei sind, sie zu enteignen, und dass also das, was die Bolschewiki taten, die buchstäblichste Verwirklichung des Marx-Programms von der Enteignung der Enteigner war – das müsste man mal ausprobieren, jenseits der Foren für die Sonntagspredigten in den Medien der Bourgeoisie, wo immer noch die Heucheltränen vergossen werden für die Passagiere auf dem Philosophendampfer, für die Enteigneten der Bankenübernahme und so fort.

Elend des Antibolschewismus

Mein Punkt ist simpel: Wir gedenken heuer nicht nur einer 100jährigen Erfahrung mit den Folgen von Taten und Siegen und Niederlagen der Verantwortlichen der Oktoberrevolution, wir können auch zurückblicken auf 100 Jahre antibolschewistische Linke, auf 100 Jahre, in denen zahlreiche Bewegungen, Parteien und Individuen, die glaubten oder auch nur vorgaben, für Chancengleichheit, Freiheit von ökonomischer Nötigung und Frieden zu kämpfen, sich von der Oktoberrevolution, von den Bolschewiki, von ihrem Parteikonzept und von ihrem Politikstil, von ihren Ansichten und ihren Handlungen distanziert haben. Was ist aus diesen Bewegungen, Parteien und Individuen geworden? Wenn sie die Tatsache geleugnet haben, dass man die Herrschenden, Besitzenden, Verwaltenden der kapitalistischen Gesellschaft von der Macht vertreiben und ihre Staatsmaschinerie zerschlagen muss, sofern man es mit Chancengleichheit, Freiheit von ökonomischer Nötigung und Frieden ernst meint, und wenn sie geleugnet haben, dass dies zuerst militärischen Erfolg und ökonomische Organisation, dann ökonomischen Erfolg und militärische Organisation verlangt, dann führte diese Leugnung auf immer denselben Weg: Diese Leute verloren erst die politischen Chancen für ihre Ideen, dann die intellektuelle Würde und zum Schluss die persönliche Ehre. Sie enden auf Ministerposten, in Beraterjobs oder als Talkshowkasper. Vielleicht lässt sich da doch Lebendigeres finden, bei Gelegenheit.

Dietmar Dath ist Autor, Journalist und Übersetzer. Von ihm erschien an dieser Stelle zuletzt am 18. März 2016 der Vorabdruck eines Textes über Lenins Imperialismusverständnis.