Aus: Ausgabe vom 04.11.2017, Seite 2 / Inland

»Demokratie auf Profit und Karriere ausgerichtet«

Club of Rome hegt keine Hoffnung für den Klimagipfel in Bonn. Die Forscher fordern heute eine Orientierung an der KP Chinas. Ein Gespräch mit Graeme Maxton

Interview: Anselm Lenz
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Club-of-Rome-Chef stellt westlichen Neopatrimonialismus in Frage. Auf dem Bild: Solarfeld in Yinchuan in der autonomen Region Ningxia Hui am Oberlauf des Gelben Flusses

Graeme Maxton, Sie sind Wissenschaftler. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Unterstützern und Finanziers Ihrer Arbeit beim Club of Rome (CoR)?

Wir bestehen grundsätzlich auf wissenschaftlicher und publizistischer Unabhängigkeit von finanziellen Unterstützern. Wir ­blicken auf bald 50 Jahre zurück, in denen unsere Forschung besser finanziert war und Zeiten, in denen es schlechter war. Anders als zu unserer Gründungszeit – in der der CoR übrigens auch nicht auf Rosen gebettet war – sind es heute eine chinesische und eine schweizerische Stiftung, die uns fördern.

Vor 45 Jahren wurde der erste Bericht mit Prognosen über die Entwicklung des Weltklimas, des Bevölkerungswachstums und der Erdressourcen veröffentlicht. Haben sich Ihre Annahmen aus »Die Grenzen des Wachstums« bewahrheitet?

Ja, es war ein erster Meilenstein. Es gab von Anbeginn Anfeindungen und sogar Verleumdungen von Regierungen, Konzernen und Ökonomen, die ungebremstes Wachstum und gesteigerte Profite sicherstellen wollten. Heute können wir nachweisen, dass wir 1972 methodisch korrekt operiert haben, was auch kaum noch jemand bezweifelt. Der CoR wurde von Menschen gegründet, die sich darum sorgen, dass die Menschheit große Zerstörungen auf der Erde anrichtet. In einer Zeit von Mondlandung und Hippie-Ära war die Ernsthaftigkeit des CoR für viele Leute befremdlich.

Warum?

Die ersten Forscher des CoR am Massachusetts Institutes of Technology fanden heraus, dass das ökologische System insgesamt vom Zusammenbruch bedroht ist, wenn die Menschheitsentwicklung ungebremst weitergeht – und zwar um die Mitte des 21. Jahrhunderts herum. Diese Zusammenbruchsprognose bezieht sich nicht auf einige Wochen oder Monate, sondern über den Verlauf mehrerer Jahrzehnte. Dieser Kollaps findet bereits statt.

Sie haben kürzlich einen neuen Bericht veröffentlicht. Was steht da drin?

Der Bericht mit dem Titel »Wir sind dran« hat drei Abschnitte. Im ersten Abschnitt legen wir dar, dass viele der Probleme, die wir antizipiert haben, eingetreten sind. Zweitens gehen wir darauf ein, dass wir eine neue Aufklärung brauchen, einen paradigmatischen Wechsel des Blicks auf Natur und Erdbevölkerung. Und drittens haben wir Vorschläge, wie etwa Landwirtschaft und Finanzsystem grundlegend reformiert werden können.

Es gibt derzeit eine neue Welle von Kritik an der Klimaforschung und deren Schlussfolgerungen. Was sagen Sie Ihren Zweiflern?

Ein großer Teil der Skepsis wurde von Ölkonzernen und Lobbyisten angestoßen, insbesondere in den USA. Sie wollen keinen Systemwechsel, sondern weiterhin den Planeten ausplündern. Wenn man sich allerdings die wissenschaftlichen Daten ansieht, kann es überhaupt keinen Zweifel geben. Unterhaltungen von Leuten über Ihre Meinungen, die keine Experten sind, helfen nicht mehr weiter.

In Ihrem eigenen Buch schreiben Sie, dass das chinesische Modell eine Lösung – oder zumindest eine Hoffnung – ist. Wie meinen Sie das?

Das Problem mit der Demokratie ist, dass sie wie die Unternehmerschaft (Corporate System) auf kurzfristige Profite und Karrieren ausgerichtet ist. Das ist tödlich. Man kann das exemplarisch an Donald Trumps Wahl zum amerikanischen Präsidenten sehen, aber auch an Erscheinungen auf der vermeintlich progressiven Seite.

Der Volksrepublik China, in der es kein demokratisches System gibt, wird es weitaus leichter fallen, mit den Auswirkungen des Klimawandels umzugehen. Im Westen müssen wir einen Konsens herstellen, das braucht zuviel Zeit. Der Wissenschaft kommt hier eine Führungsrolle zu. Wir wollen Regierungen, die Entscheidungen treffen für die Zukunft der Menschheit und den Erhalt eines bewohnbaren Planeten.

Was erhoffen Sie sich vom Weltklimagipfel, der am Montag in Bonn beginnen wird?

Unglücklicherweise nicht sehr viel. Das letzte große Treffen dieser Art in Paris war bemerkenswert, weil überhaupt etwas erarbeitet wurde, auch wenn die Beschlüsse völlig unzureichend waren. Wir müssen viel kühnere Schritte unternehmen. Doch nichts, was auf diesem Gipfel in Bonn realistischerweise beschlossen werden könnte, würde ausreichend sein.

Graeme Maxton ist Wirtschaftswissenschaftler, Buchautor und Generalsekretär des Club of Rome. Der »Conference of Partners« genannte 23. Weltklimagipfel wird von 6. bis 17. November 2017 in Bonn stattfinden


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