Aus: Ausgabe vom 03.11.2017, Seite 15 / Feminismus

Jenseits der Norm

Feministische Herbstakademie in Bielefeld: Produktiver Widerstand gegen Anpassungsdruck im Mittelpunkt

Von Anna Schiff
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Treffen der Generationen: Die Teilnehmerinnen der Feministischen Herbstakedemie am vergangenen Wochenende in Bielefeld

»Ich will so bleiben, wie ich bin«, summt eine Frau im Werbespot einer Diätproduktmarke, die sich ausgerechnet »Du darfst« nennt, obwohl dahinter ein Verbot steckt: wenig Kalorien zu sich nehmen, nicht zunehmen. Mehr als jede zweite Person hierzulande hat »Übergewicht«. Hier von der Norm abzuweichen ist also Durchschnitt. Normen sind widersprüchlich, normal sein wird dennoch als Wert an sich gesehen. Aber funktionieren Normen? Wem nützen sie? Wie können wir gegen sie aufbegehren, ohne dass unser Protest zur neuen Norm wird? Vom 27. bis 29. Oktober kamen in Bielefeld rund 50 Frauen zwischen 20 und Ende 70 zur neunten »Feministischen Herbstakademie« zusammen. Ihr Thema: »Machs wie alle: Sei du selbst! Normalisierungspraxen und wir darin«. Zu der Tagung in der Verdi-Bildungsstätte »Buntes Haus« hatten erneut das Institut für kritische Theorie (InkriT) und die Rosa-Luxemburg-Stiftung eingeladen.

In ihrem Eingangsvortrag gab Frigga Haug, Vorsitzende des InkriT-Vorstands, zu bedenken, dass es nicht reiche, Normen in ihr Gegenteil zu verkehren, um Verhältnisse zu ändern. Der Regelverstoß allein mache noch nicht politisch handlungsfähig, wie Haug am Beispiel der Protagonistin von Lisa Codys Kriminalroman »Lady Bag«, einer Obdachlosen, veranschaulichte. »Der einfache Gegensatz ist nicht die Lösung. Wohl aber der Widerspruch.« Entsprechend gelte es, nicht in ein (politisches) Entweder-Oder zu verfallen, sondern Widersprüche aufzudecken.

Frigga Haugs Thesen und Methoden prägten auch diese Herbstakademie ganz wesentlich. Teilnehmerinnen hatten nicht nur Gelegenheit, die von ihr entwickelte Methode der »Erinnerungsarbeit« sowie die von ihre entworfene »Vier-in-einem-Perspektive« kennenzulernen, sondern konnten sich auch direkt mit der Philosophin austauschen. Gerade jüngere Feministinnen nutzten die Chance auch schon eine Woche vor der Tagung auf der völlig überfüllten Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Haug zum Thema ihres aktuellen Buches zum »Marxismus-Feminismus« in Dortmund.

Freilich birgt ein so starker Fokus auf Leben und Werk einer Theoretikerin ein gewisses Risiko, zu einseitig zu werden oder ins Nostalgische abzurutschen. Haugs Auffassung, dass Frauen ihre Geschichte erst noch finden und schreiben müssten, würden Pionierinnen der Frauengeschichte wie Karin Hausen oder Regina Schulte vermutlich nicht teilen.

Zur Erweiterung der Perspektive luden in Bielefeld unterschiedliche Workshops. Die Teilnehmerinnen des Arbeitskreises zum Thema »Wir werden nicht als Frauen geboren …« bemühten sich um eine Annäherung von marxistischen und Queerfeministinnen. Sie versuchten, den Blick der oftmals weißen und heterosexuellen Marxistinnen-Feministinnen für andere Diskriminierungsformen zu schärfen.

In einem anderen Workshop beschäftigten sich Frauen mit Angela McRobbies Analyse des neoliberal geprägten Postfeminismus und verglichen sie mit den Thesen von Nancy Fraser.

Die britische Kulturwissenschaftlerin McRobbie diskutierte übrigens zur gleichen Zeit in Berlin mit María Do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan auf der »Marx-Herbstschule« der Rosa-Luxemburg-Stiftung über blinde Flecken der marxistischen Theorie. Einen Mitschnitt der Veranstaltung gibt es auf der Facebook-Seite der Stiftung.

Ein Kulturprogramm rundete das Wochenende ab und brachte die verschiedenen Generationen ins Gespräch. Gerade dieser Austausch ist es, der die Herbstakademie so besonders macht, darin waren sich die Teilnehmerinnen auch dieses Jahr einig. Eine der Jüngeren erklärte – unter breiter Zustimmung – wie angenehm sie es empfunden habe, dass sie als Feministin ernstgenommen worden sei. Andersherum stellten ältere »Häsinnen« heraus, dass es sie hoffnungsvoll stimme zu sehen, wie viele junge Frauen bereit sind, für bessere Verhältnisse zu streiten. Angesichts der unterschiedlichen Berufe der Teilnehmerinnen – unter ihnen Wissenschaftlerinnen, Studentinnen, freie Künstlerinnen, Gewerkschafterinnen – war der praktizierte solidarische Umgang keinesfalls selbstverständlich. Normal ist das nicht – aber wer will schon normal sein?


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