Aus: Ausgabe vom 03.11.2017, Seite 2 / Ausland

»Unglaubliches Durcheinander in Washington«

Der Bundesregierung kommt große Verantwortung zu, die Kriegstreiberei der USA zu zügeln. Sie kommt ihr nicht nach. Gespräch mit Ray McGovern

Interview: Horsta Krum
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Gemeinsame Übung von Bundeswehr und US-Armee (Grafenwöhr, 20. Juli 2013)

Sie haben für die CIA als Analytiker gearbeitet, Ihr Spezialgebiet war die Sowjetunion. Sie haben die amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und George Bush Senior regelmäßig informiert. 1990 sind Sie ausgestiegen und haben 2003 zusammen mit anderen ehemaligen Geheimdienstmitarbeitern die »Veteran Intelligence Professionals for Sanity« gegründet. Was machen Sie genau?

In diesem Sommer haben wir das fünfzigste Memorandum über die politische Lage herausgegeben. Dabei geht es um die Vorwürfe, die Russen hätten zugunsten von Donald Trump in die Wahl des US-Präsidenten eingegriffen. Wir haben zwei technische Leiter der NSA-Behörde unter uns, deshalb können wir wissen, ob und wie jemand in die amerikanischen Daten eingedrungen ist: Ein Whistleblower, wahrscheinlich aus der Demokratischen Partei, hat Daten heruntergeladen, die Wikileaks veröffentlichte. So haben die Russen sie bekommen, sind aber nicht von außen in die Daten eingedrungen und haben sie nicht manipuliert.

Und das Ergebnis der Präsidentschaftwahl? Viele waren der Meinung, es sei die Wahl zwischen Pest und Cholera – teilen Sie diese Einschätzung?

Ja, aber mit einer Einschränkung: Damals haben wir gehofft, dass Donald Trump die Beziehungen zu Russland verbessern könnte und das auch tun würde. Aber dies wurde von mehreren Seiten vereitelt: Es gab zum einen die Kampagne der Medien mit den Vorwürfen gegen Russland, die sich als unhaltbar erwiesen haben. Aber es ist wie damals beim Irak-Krieg: Lügen können sehr wirksam sein. Zweitens will auch die Mehrheit der Kongressabgeordneten und Senatoren keine grundsätzliche Verbesserung des Verhältnisses zu Russland.

Und was ist mit der Ukraine?

Was da geschah, ist eindeutig ein Umsturz. Dass die Russen Wert legen auf die Krim, ist verständlich, sie brauchen sie als eisfreien Hafen. Chruschtschow hatte sie ja fast nebenbei der Ukraine »geschenkt«, als sich niemand das Ende der Sowjetunion vorstellen konnte oder die Abtrennung der Ukraine für möglich gehalten hätte. Was Putin aber wirklich fürchtet, ist die Erweiterung des Raketenabwehrsystems der NATO. Er weiß, dass dieses System in einigen Jahren alle russischen Langstreckenraketen zerstören kann. Letztes Jahr in St. Petersburg hat er klar gesagt: Wir wissen, dass dieses System nicht gegen den Iran aufgebaut wird. Es muss also unbedingt zu Verhandlungen kommen. Und das um so mehr, als der Kreml überzeugt ist, dass die USA einen »Regime change« in Russland wollen.

Sind Sie sicher, dass Washington auf ein Marionettenregime in Moskau setzt?

Wer kann das wissen? Es gibt ein unglaubliches Durcheinander in Washington: die Militärs, die Rüstungsindustrie, der Präsident, der unberechenbar ist, seine Berater und natürlich die CIA, die einen großen Einfluss auf die Medien hat.

Gab es früher kein »Durcheinander« in Washington?

Vielleicht nicht so wie jetzt mit Trump, aber Schwierigkeiten gab es auch vorher. Beispielsweise haben vergangenes Jahr im September die beiden Außenminister Lawrow und Kerry einen Waffenstillstand in Syrien vereinbart, mit dem Obama und Putin einverstanden waren. Sieben Tage später hat die amerikanische Armee ihn auf Befehl des Verteidigungsministers gebrochen. Also hat Putin gefragt: Mit wem soll ich in Washington sprechen?

Welche Möglichkeit sehen Sie, diese Situation aufzulösen?

Die Generation meiner Eltern hat gegen Nazi-Deutschland gekämpft; etwa eine halbe Million US-Soldaten sind dabei getötet worden. Trotzdem wissen wir Amerikaner nicht wirklich, was Krieg ist; denn dieser Krieg hat nicht in unserem Land stattgefunden. Die Sowjetunion hatte 27 Millionen Opfer, und der Krieg hat das Land verwüstet. Deutschland hat die Erfahrung von Krieg und Faschismus. Es hätte aufgrund seiner wirtschaftlichen und militärischen Stärke und wegen seiner Vergangenheit eine besondere Verantwortung in der jetzigen höchstgefährlichen Situation: Die anderen NATO-Länder vor Krieg warnen, nicht treue Gefolgsleute der USA sein. Wo amerikanische Waffen auf deutschem Boden stehen, gilt deutsches Recht. Wenn nun die Bundesregierung das Grundgesetz anwendete und den Abzug dieser Waffen forderte? Wer könnte glaubwürdiger für Entspannung und Abrüstung sorgen als Deutschland?

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Agnes Kurtz: Katastrophale Politik Danke für diese nüchterne Darstellung der bedrohlichen Militärpolitik der USA Russland gegenüber, die für ganz Europa äußerst gefährlich ist. Die Organisation »Veteran Intelligence Professionals for S...

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