Aus: Ausgabe vom 03.11.2017, Seite 1 / Titel

Jugend ohne Chance

In der EU gibt es immer weniger Ausbildungsplätze und Jobs für unter 25jährige. Neue Stellen »fast ausschließlich« befristet, konstatiert das DIW

Von Jana Frielinghaus
Trotz angeblich guten Ausbildungsplatzangebotes sind nach Gewerkschaftsangaben 2016 in der BRD mehr als 300.000 Jugendliche ohne Lehrstelle geblieben

Es gibt sie zwar noch, die halbwegs gut bezahlten Ausbildungsplätze und Jobs für junge Leute. Aber es werden immer weniger, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer am Dienstag veröffentlichten Studie feststellte. Dass die Jugendarbeitslosigkeit dennoch prozentual zurückgegangen ist, ist danach allein darauf zurückzuführen, dass derzeit die geburtenschwachen Jahrgänge der in den 1990ern Geborenen ins Erwerbsleben eintreten. Hinzu kommt, dass immer mehr junge Menschen studieren und deshalb erst später in den Arbeitsmarkt eintreten.

Die Erwerbsquote der 15- bis 24jährigen ist dennoch weit kleiner als die der älteren Personen. Sie ist seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 erheblich zurückgegangen und stagniert seit 2012 bei rund 41 Prozent. Zum Vergleich: Bei den über 25- bis 74jährigen steigt sie und liegt derzeit bei rund 65 Prozent.

Die Erwerbslosenquote ist bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen dagegen laut DIW weiter doppelt so hoch wie die der übrigen Erwerbsfähigen. Ein Effekt politischer Maßnahmen der Europäischen Union zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit wie die »Jugendgarantie« sei nicht erkennbar, schreibt der Autor der Untersuchung, Karl Brenke. Bei den neu entstandenen Arbeitsplätzen für junge Leute handele es sich »fast ausschließlich« um befristete Jobs. Dies betreffe 90 Prozent aller zusätzlichen Stellen. Auch der Anteil der Teilzeitbeschäftigung habe stark zugenommen. Er liegt bei neuen Stellen mittlerweile bei 40 Prozent.

Die von den EU-Mitgliedsstaaten 2013, auf dem Höhepunkt der Jugendarbeitslosigkeit, beschlossene »Jugendgarantie« sieht vor, dass jedem erwerbslosen Jugendlichen innerhalb von vier Monaten eine Beschäftigung oder eine Qualifizierungsmöglichkeit verschafft werden soll. Im weiteren Verlauf ging die Erwerbslosigkeit bei den unter 25jährigen bis zum zweiten Quartal 2017 zwar um mehr als ein Drittel auf 3,8 Millionen zurück, die Quote sank von 23,5 auf 16,9 Prozent. Dies, heißt es in der Untersuchung, sei aber vor allem auf die konjunkturelle und die demographische Entwicklung zurückzuführen. Brenke sagte am Donnerstag in Berlin, im Vorteil seien diejenigen Staaten Mitteleuropas mit dualen Systemen, die Arbeit in der Praxis und Berufsschule koppeln.

Die »Ausbildungsmarktbilanz 2016/2017«, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Donnerstag in Nürnberg präsentierte, scheint ihm recht zu geben. Die Behörde zeichnet darin ein vergleichsweise rosiges Bild der Lage in der Bundesrepublik. Bis Ende September hätten 549.800 Lehrstellen (plus 2.800 gegenüber dem vorigen Jahr) 547.000 Bewerber gegenübergestanden. Regional gibt es aber große Unterschiede. Deshalb gab es Ende September 23.700 unversorgte Bewerber. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wies jedoch darauf hin, dass in Deutschland fast zwei Millionen junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss haben. Sie fordert deshalb eine Ausbildungsplatzgarantie. Denn das Risiko der Arbeitslosigkeit sei für die Betroffenen »mehr als fünfmal so hoch wie für Menschen mit einem Berufs- bzw. Fachschulabschluss«, sagte Ansgar Klinger, Berufsbildungsexperte im GEW-Bundesvorstand, am Donnerstag in Frankfurt am Main. Nach seinen Angaben haben 2016 gut 300.000 junge Leute in der BRD keine Ausbildung bekommen und sind im »sogenannten Übergangssystem gestrandet«.

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