Aus: Ausgabe vom 02.11.2017, Seite 10 / Feuilleton

Ein Tabubruch

Von Thomas Wagner
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Will er jetzt auch Tempolimits auf der Autobahn? Tesla-Chef Elon Musk hat seltsame Ideen

Milliardäre aus dem Silicon Valley können Forderungen nach staatlicher Regulierung der Wirtschaft gewöhnlich nur sehr wenig abgewinnen. Neuerdings offenbar mit einer Ausnahme: Wenn es um die Gefahren geht, die sie ob der Entwicklung künstlicher Intelligenz kommen sehen. So lassen sich jedenfalls die jüngsten Äußerung verstehen, die Elon Musk, der Gründer des Elektroautoherstellers Tesla und des privaten Weltraumfahrtunternehmens »SpaceX« am 15. Juli 2017 bei einem Auftritt vor Gouverneuren im US-Bundesstaat Rhode Island machte. Schon jetzt bestünden große Gefahren durch Hackerangriffe, gegen die sein Unternehmen Vorkehrungen zu treffen versuche. Wenn eine Person in der Lage wäre, »alle autonomen Teslas zu hacken, könnte sie die Autos zum Beispiel – als Scherz – alle quer durch die USA nach Rhode Island schicken. Und das wäre das Ende von Tesla – und man hätte eine Menge saurer Leute in Rhode Island«, sagte Musk, laut einem Bericht der dpa. Die künstliche Intelligenz sei das »größte Risiko für unsere Zivilisation«.

Er rief dabei Katastrophenbilder auf, die an Hollywoodfilme wie »Terminator« erinnern, in dem eine KI beschließt, die Menschheit zu vernichten. »Bis die Leute sehen, wie Roboter Menschen auf der Straße umbringen, wissen sie nicht, wie sie reagieren sollen«, wird Musk von der FAZ (18.7.2017) zitiert: »KI ist der seltene Fall, von dem ich denke, wir sollten in der Regulierung proaktiv sein. Wenn wir nur reagieren, wird es zu spät sein.« Es seien Gesetze notwendig, um die Entwicklung von Maschinenintelligenz zu kontrollieren. Geschehe dies nicht, warnte er, könne eine vernetzte künstliche Intelligenz beispielsweise selbsttätig einen von Menschen nicht beabsichtigten Krieg vom Zaun brechen. »Durch Fake News, gefälschte E-Mail-Konten, falsche Pressemeldungen und die Manipulation von Informationen«, zitiert ihn die dpa. Die Maschinenintelligenz könne, spekulierte der Multimilliardär weiter, ein Passagierflugzeug in ein Konfliktgebiet umleiten und Truppen am Boden einen Hinweis zu einem Angriff geben. Die Motivation dafür könnten Aktienprofite sein, mit einer Kurswette auf Rüstungsfirmen und gegen Konsumgüter-Hersteller.

Bemerkenswert ist an dem ganzen Vorgang zweierlei. Zum einen – und das ist höchst unerfreulich – folgt Musk mit seinen Warnungen den Prognosen von Transhumanisten wie Raymond »Ray« Kurzweil oder Nick Bostrom, die seit vielen Jahren prophezeien, eine Machtübernahme der Maschinen sei noch in diesem Jahrhundert durchaus wahrscheinlich. Weshalb Kurzweil empfiehlt, die Menschen sollten frühzeitig beginnen, ihre Körper technologisch aufzurüsten, um mit der rasanten Entwicklung noch eine Weile mithalten zu können. Erfreulich hingegen ist, dass Musk en passant mit dem wichtigsten Dogma des US-Kapitalismus bricht. Nämlich dem, dass jede Form staatlicher Wirtschaftsregulierung als Teufelszeug betrachtet werden müsse. Behördliche Eingriffe würden stets dazu führen, dass Innovationen gebremst oder gar verhindert würden. Musk sieht das offenbar anders. Laut FAZ hat er den Politikern empfohlen, sich nicht allzu sehr davon beeindrucken zu lassen, wenn Unternehmen damit drohten, bei zu viel Regulierung aus den USA abzuwandern. Sie würden das in der Regel nicht wahr machen. Mit der Forderung nach staatlicher Einmischung breche Elon Musk ein Tabu, kommentierte das Handelsblatt (18.7.2017): »(…) und er tut das zu Recht.« Dem kann aus linker Perspektive ausnahmsweise einmal zugestimmt werden.

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