Aus: Ausgabe vom 01.11.2017, Seite 6 / Ausland

Gladio in Belgien

Hinter einer Überfallserie mit 28 Toten in den 80er Jahren könnte die Polizei des Landes gestanden haben

Von Gerrit Hoekman
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Der Delhaize-Supermarkt in Alost am 10. November 1985, einen Tag nach dem bis heute nicht aufgeklärten Überfall

Die schreckliche Bilanz einer Serie von Raubüberfällen auf Supermärkte und Juweliere, die Belgien zwischen 1982 und 1985 in Angst versetzte, waren 28 Tote und 40 Verletzte. Bis heute konnte keiner der Täter dingfest gemacht werden, obwohl Augenzeugen bereits damals brauchbare Beschreibungen machten. Es soll sich immer um drei Männer gehandelt haben. Von einem, den die Medien aufgrund seiner Körpergröße den »Riesen« nennen, existiert sogar ein Phantombild.

In der vergangenen Woche geriet der Fall der »Bande von Nivelles« wieder in die Schlagzeilen, nachdem drei Jugendliche der Polizei mitgeteilt hatten, sie hätten im Kanal zwischen Charleroi und Brüssel ein Gewehr, einen Revolver und rund 1.000 Schuss Munition gefunden. Der Fund stammt schon aus dem Frühjahr, aber die Jugendlichen informierten erst jetzt die Behörden, nachdem sie im Fernsehen einen Bericht über das Gangstertrio gesehen hatten.

Die Metallkisten lagen unweit einer Stelle, an der die Polizei schon 1986 im Wasser eine Pistole und kugelsichere Westen gefunden hatte. Die jetzt von den drei Jugendlichen gefundenen Waffen und Munition waren offenbar in Metallkisten verstaut, die mit der Aufschrift »Rijkswacht« beziehungsweise »Gendarmerie«, der alten Bezeichnung der Polizei in Belgien, versehen waren. Das passt zu einer Aussage, die der Bruder des ehemaligen Polizisten Christiaan Bonkoffsky unlängst unter Tränen gegenüber dem belgischen TV-Sender VTM gemacht hatte: Bonkoffsky habe ihm vor zwei Jahren auf dem Sterbebett gebeichtet, der »Riese« zu sein. Das vorhandene Phantomfoto hat tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeit mit dem früheren Polizisten, die Größe stimmt ebenfalls.

Inzwischen tauchte auch ein Jugendfreund auf, der die Polizei bereits 1998 darauf aufmerksam gemacht haben will, dass Bonkoffsky der »Riese« sein könnte. Bonkoffsky war ihm damals mit neofaschistischen Sprüchen aufgefallen, sagte der Mann am 23. Oktober bei VTM. Es müsse ein Staatsstreich kommen, »um die Macht an uns zurückzugeben«, habe Bonkoffsky damals gefordert.

Die belgischen Medien hatten sich schon in den 1980ern gewundert, dass die Gangster bei ihren Beutezügen vergleichsweise geringe Beute machten, dafür aber viel Blut vergossen. Einmal waren es nicht mehr als Teller, Kaffee und Wein, für die sie ein Menschenleben opferten. Bei ihrem letzten Überfall auf einen Supermarkt in Aalst am 9. November 1985 erschossen sie acht Menschen, unter ihnen zwei Kinder. Die Beute: umgerechnet rund 20.000 Euro.

Schon damals kam der Verdacht auf, dass es sich in Wirklichkeit um als Überfälle getarnte Terroranschläge handeln könnte, um die Öffentlichkeit zu verunsichern und den Staat zu destabilisieren. Die Person Christiaan Bonkoffsky gibt dieser Vermutung neue Nahrung. Er begann seine Karriere im Polizeidienst nämlich bei der Gruppe »Diane«, einer Eliteeinheit, die 1973 nach der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen in München gegründet worden war. Wegen seines aggressiven Verhaltens wurde Bonkoffsky allerdings Anfang der 1980er Jahre auf die Polizeistation in Aalst versetzt, wo er bis zu seiner Pensionierung 2011 blieb.

Steckt hinter den Verbrechen in Belgien ein Ableger des »Gladio«-Netzwerks? Diese »Stay-behind«-Organisation sollte im Falle eines Krieges gegen die Staaten des Warschauer Vertrags klandestin im westeuropäischen Hinterland tätig werden. »Gladio«, dessen Existenz 1990 in Italien aufgedeckt wurde, wird für zahlreiche Terrorakte in Westeuropa in den 70er und 80er Jahren verantwortlich gemacht, die ursprünglich linken Untergrundgruppen in die Schuhe geschoben worden waren und die den Weg für immer neue »Antiterrorgesetze« ebneten.

»Alle Ermittler und Untersuchungsrichter, die im Moment mit dem Dossier beschäftigt sind, spielen mit dem Feuer«, warnte Ben Zuidema am vergangenen Samstag in einem Interview mit der belgischen Tageszeitung Het Laatste Nieuws. »Wer das untersucht, riskiert noch immer sein Leben.« Der Privatdetektiv arbeitete Anfang der 1980er als Undercoveragent mit der Gruppe »Diane« zusammen. Er sei damals erstaunt gewesen, wie schnell seine Informationen in andere Kreise durchgesickert seien. »Das System war damals schon verrottet. Ehrlich, ich vertraue nach all den Jahren niemanden mehr.«


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