Aus: Ausgabe vom 01.11.2017, Seite 15 / Antifa

»No Compact« in Leipzig

Konferenz der völkischen Opposition: Revolverblatt trifft Höcke und »Identitäre Bewegung«. Ein Aktionsbündnis will das verhindern

Von Gitta Düperthal
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Monatspostille der rechten Ultras: Compact gilt mittlerweile als medialer Arm von Pegida, »Identitärer Bewegung« und Höcke-Flügel der AfD. Auf dem Bild: Dresdner Gefolgschaft im Juni 2016.

Bei einer Konferenz in Leipzig wollen die Macher des völkisch-nationalistischen Revolverblatts Compact und dessen Chefredakteur Jürgen Elsässer am 25. November gemeinsam mit der »Identitären Bewegung« und dem Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke Stimmung machen. Motto: »Opposition heißt Widerstand«. Das rechte Spektakel zu stören, zu erschweren und »bestenfalls ganz zu verhindern«, hat sich das Aktionsbündnis »No Compact« vorgenommen. Dies werde nicht einfach, sagte dessen Sprecherin Irena Rudolph-Kokot vergangene Woche im Gespräch mit junge Welt. Die Organisatoren halten ihren Veranstaltungsort geheim; sie wollen ihn erst 24 Stunden vorher im Teilnehmerkreis bekanntgeben. »Offenbar aus der Befürchtung heraus, dass sonst die Vermieter der Räume kalte Füße bekommen und vom Vertrag zurücktreten könnten«, so Rudolph-Kokot. Das linke Bündnis will deshalb zunächst mit Kiezspaziergängen und Infoveranstaltungen gegen die Konferenz aktiv werden. Geplant sei, Buchhandlungen und Kioske, die »aus Ahnungslosigkeit und Uninformiertheit« das Magazin noch im Sortiment haben, über dessen Hintergründe zu informieren.

Compact, ein seit 2010 monatlich erscheinendes Magazin, das als »Querfront«-Projekt gestartet wurde, um Linke wie Rechte zu erreichen, hat sich in den letzten Jahren zum rein rechten Kampfblatt entwickelt. Es agiere »als medialer Arm von Pegida über die Alternative für Deutschland (AfD) bis zu den Identitären«, heißt es im Aufruf des Gegenbündnisses vom 18. Oktober.

Compact selbst sieht sich als Gegenstück zu einer »gleichgeschalteten« Landschaft von »Einheitsmedien«, die von wenigen Verlagsgruppen und den »Systemparteien« kontrolliert werde. Die Veranstalter von bislang fünf Compact-Konferenzen inszenieren sich stets als »wahre Opposition«: Mit Ausnahme der AfD werfen sie allen im Bundestag vertretenen Parteien vor, »dem Volk und Deutschland« feindlich gesonnen zu sein und mit Gleichstellungspolitik, Bildungsplänen, Einwanderungspolitik und »Lügenpresse« an deren Untergang zu arbeiten.

In »Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen«-Manier bediene Compact jedes menschenverachtende Ressentiment und inszeniere sich als Tabubrecher der Political Correctness, erklärte das Gegenbündnis. Nach Recherchen der Zeit hat das neurechte Magazin eine Auflage von 70.000 Exemplaren. Bereits vor der Bundestagswahl wurde die Konferenz beworben: »Wie können wir Deutschland retten?«

Rudolph-Kokot schätzt sämtliche Referenten als völkische Ideologen ein, die »autoritäre Krisenlösungen« anstreben. Etwa Oliver Hilburger, Mitbegründer einer rechten »Gewerkschaft« namens »Zentrum Automobil e. V.« und ehemaliges Mitglied der verbotenen und 2010 aufgelösten Neonaziband »Noie Werte«. Mit ihrer Musik waren die Bekenner­videos der NSU-Terroristen unterlegt. Erst 2011, als der »Nationalsozialistische Untergrund« (NSU) aufgeflogen war, distanzierte sich Hilburger verbal von militanten Neofaschisten. Seine »Alternative Arbeitnehmervertretung« gilt heute in rechten Kreisen als Vorbild für erfolgreiche Betriebsarbeit. Deren Ziel: eigene Betriebsratslisten aufzustellen und gegen die Gewerkschaften des DGB zu opponieren. Als weitere Redner der Konferenz sind Pegida-Gründer Lutz Bachmann und Martin Sellner von der »Identitären Bewegung« angekündigt.

Geschäftsführer von Compact ist Kai Homilius; zusammen mit Mario Rönsch war er einer der Administratoren der berüchtigten, inzwischen gelöschten Facebook-Seite »Anonymous.Kollektiv«. Rönsch hatte dort vor allem mit Falschmeldungen und Verschwörungstheorien vorrangig gegen Menschen mit Migrationshintergrund Stimmung gemacht. Herausgeber Elsässer habe »inzwischen die Zusammenarbeit mit Rönsch eingestanden«, so das Gegenbündnis. Für Compact schreibt auch der ehemalige Präsident des Thüringer Landesamtes für Verfassungsschutz Helmut Roewer, in dessen Amtszeit sich das mutmaßliche Kerntrio des NSU in Jena radikalisiert hatte und trotz zahlreicher V-Leute in seinem Umfeld erfolgreich untergetaucht war. Roewer sei »immer wieder durch Relativierung des rechten Terrorismus« aufgefallen, so Rudolph-Kokot.

Bei einer Konferenz im Jahr 2013 habe Compact eine »sauber deutschnational anmutende Familienpolitik« zum Thema erhoben, kritisiert Kerstin Schmitt von »Frauenkultur Leipzig« das altbackene Konzept. Es beinhalte »strikten Antifeminismus und ein starres Familienbild«, in dem »Frauen stets als sorgende Mütter« fungierten, so Schmitt im Gespräch mit jW. Sozialleistungen sollten nur an klassische Familien vergeben werden, nicht aber an alleinerziehende Frauen oder homosexuelle oder lesbische Paare. Für Frauen, die sich von ihrem Partner trennten, sei Armut vorgesehen.

Zur Zeit debattiert der Leipziger Stadtrat einen Antrag der Fraktion Die Linke, die eine Beteiligung von Compact und diverser Verlage der rechten Szene an der Leipziger Buchmesse im März 2018 untersagen will. Zum konsequenten Ausschluss rechter Verlage gebe es leider verschiedene Meinungen, obwohl diese einen demokratischen Diskurs behinderten, sagte die sächsische Landtagsabgeordnete Juliane Nagel (Die Linke) Ende vergangener Woche gegenüber jW. Rechte Verlage fühlten sich durch die indifferente Haltung ermutigt, bei Buchmessen »Angsträume zu schaffen«. Sie bedrohten Andersdenkende und Journalisten, um sie einzuschüchtern.


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