Aus: Ausgabe vom 27.10.2017, Seite 7 / Ausland

Näher am Atomkrieg

US-Luftwaffe strebt Rückkehr zur 24-Stunden-Bereitschaft ihrer Nuklearbomber an. Stützpunkte sollen dafür modernisiert werden

Von Knut Mellenthin
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Bedrohung für den Frieden: »B-52«-Bomber auf dem Luftwaffenstützpunkt Barksdale

Die US-Luftwaffe bereitet sich darauf vor, wieder rund um die Uhr mehrere Langstreckenflugzeuge mit Atombomben einsatzbereit zu haben. Das berichtete die Internetseite Defense One am Sonntag. Wenn das stimmt, würde es die Rückkehr zu einer Situation bedeuten, die 1991 beendet worden war. Als Begründungen wurden damals das »Ende des Kalten Krieges« zugleich mit den hohen Kosten der ständigen Bereitschaft genannt. Außerhalb der USA fand die aktuelle Meldung erstaunlich geringe Beachtung, wenn man von den besorgt reagierenden russischen Medien absieht. Eine Sprecherin der U.S. Air Force dementierte und relativierte am Montag, ohne überzeugen zu können.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht der 16,2 Quadratkilometer große Luftwaffenstützpunkt Barksdale in Louisiana. Barksdale ist der größere von nur noch zwei Basen der Luftwaffe, auf denen »strategische« Bomber des Typs »B-52« stationiert sind. Solche Maschinen wurden schon 1955 in Dienst gestellt, aber seither immer wieder technisch neu ausgestattet. Es blieb dem überdurchschnittlich ignoranten Präsidenten Donald Trump vorbehalten, die »B-52« als »Schrott« zu bezeichnen, um die Streitkräfte insgesamt als veraltet und desolat darzustellen.

Dem Bericht von Defense One zufolge verfügt Barksdale über neun Startplätze für »B-52«-Bomber. Angeblich werde darauf hingearbeitet, dort künftig ebenso viele Maschinen aufgetankt und nuklear bewaffnet rund um die Uhr bereit zu halten. Und da selbstverständlich auch jemand die Bomber fliegen müsse, sollen mindestens 100 Piloten auf dem Gelände dauerhaft stationiert werden. Zu diesem Zweck werde ein schon vorhandenes Gebäude renoviert.

Defense One stützt sich für diesen Bericht nicht nur auf die üblichen anonymen »Officials«, sondern zitiert außerdem Äußerungen von General David L. Goldfein, Staatschef der Luftwaffe, während einer Rundreise zu mehreren Stützpunkten. Der Internetseite zufolge soll der General gesagt haben, dass die geplante Rückkehr zur 24-Stunden-Bereitschaft »nur ein weiterer Schritt« sei, »um zu gewährleisten, dass wir vorbereitet sind«. Er betrachte das weniger als Planung für irgendein spezielles Ereignis, »sondern eher als Vorbereitung auf die Realität der globalen Situation, in der wir uns befinden«.

Laura M. McAndrews, eine Sprecherin der US-Luftwaffe, bestritt am Montag die Darstellung von Defense One und behauptete gegenüber dem US-Fernsehsender CNBC, es gebe weder Pläne noch Vorbereitungen für eine Rückkehr zur ständigen Bereitschaft. Sie räumte jedoch ein, dass auf dem Luftwaffenstützpunkt Barksdale zur Zeit »refurbishments« stattfinden. Das Wort kann mit »Modernisierungen«, »Renovierungsarbeiten«, aber auch mit »Generalüberholung« übersetzt werden. Sehr viel mehr hatte auch General Goldfein nach Darstellung von Defense One nicht gesagt.

Auf dem Gebiet der praktischen Vorbereitungen zu einem Atomkrieg ist von Trump noch mehr Erschreckendes zu erwarten. Schon während des Präsidentschaftswahlkampfs hatte er sich in Reden und Internetkurzmitteilungen dafür ausgesprochen, »dass die Vereinigten Staaten in großem Umfang ihre nuklearen Kapazitäten stärken und ausweiten« sollten. Ein anderer seiner Kraftsprüche lautete, die USA müssten auch bei der Atombewaffnung »an der Spitze des Rudels stehen«.

Vor etwa zwei Wochen wurden Äußerungen des US-Präsidenten während einer Konferenz mit Außenminister Rex Tillerson und den Mitgliedern des Generalstabs bekannt, die am 20. Juli stattgefunden hatte. Ein dort vorgetragener geschichtlicher Rückblick hatte Trump, Insiderberichten zufolge, so erregt, dass er eine Versiebenfachung der Zahl der US-amerikanischen Nuklearwaffen verlangt hatte. Offenbar überstieg es sein Verständnis, dass erstens die Senkung der Zahl der Atomwaffen seit den 1960er Jahren auf Gegenseitigkeit beruhte und dass zweitens die Schlagkraft des amerikanischen Nukleararsenals heute immer noch größer ist als damals.

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