Aus: Ausgabe vom 26.10.2017, Seite 10 / Feuilleton

Aus den Akten auf die Bühne

Eine Tagung in Bremen erkundete das Verhältnis zwischen Theater und Geschichtswissenschaft

Von Lothar Zieske
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»Im Lager hat man auch mich zum Verbrecher gemacht«: Das BSC-Ensemble las im »Haus des Reichs«

Auf der Tagung »Geschichte im Rampenlicht« sollte es um »Inszenierungen historischer Quellen im Theater« gehen, die vom 19. bis 21. Oktober in Bremen stattfand. Ungewöhnlich war sie schon deshalb, weil die Bremer Shakespeare Company (BSC) ihr Theater am Leibnizplatz als Örtlichkeit zur Verfügung gestellt hatte.

Peter Lüchinger, seit 1989 Schauspieler an der selbstverwalteten Bühne, spielt in der Vorgeschichte der Tagung eine bedeutende Rolle. Seit zehn Jahren arbeitet er mit der Bremer Historikerin Eva Schöck-Quinteros zusammen. Sie erforscht mit Studierenden in einem mehrsemestrigen Projekt historische Quellen vorwiegend aus dem Bremer Staatsarchiv. Anschließend erstellen diese Rohtexte, die Lüchinger dramaturgisch bearbeitet, damit sie als Vorlagen für szenische Lesungen verwendbar sind. Auf diese Weise sind unter dem Motto »Aus den Akten auf die Bühne« elf Inszenierungen zu Themen der Geschichte des 20. Jahrhunderts entstanden, von denen zwei im Laufe der Tagung aufgeführt wurden. Die »Reflexion der Praxis«, die Eva Schöck-Quinteros als Aufgabe der Tagung formuliert hatte, erhielt damit eine solide Grundlage. Die erste dargebotene Inszenierung behandelte das Spruchkammerverfahren gegen Margarete Ries, einen weiblichen Kapo. Für die Aufführung mussten sich die Teilnehmer ins Bremer Finanzministeriums begeben, das »Haus des Reichs«. Das protzige Gebäude hatte die Firma Nordwolle vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise als ihren Verwaltungssitz errichtet und war kurz darauf in die Pleite gerutscht. Dort hatte auch das Entnazifizierungsverfahren gegen Ries stattgefunden. Die andere Aufführung (»Geflüchtet, unerwünscht, abgeschoben: ›Lästige Ausländer‹ in der Weimarer Republik«) gelangte in zwei Fassungen auf die Bühne, einer Bremer und einer Heidelberger.

Der Wert dieser Art von Geschichtstheater – von der BSC als reines Sprechtheater dargeboten, von der Theaterwerkstatt Heidelberg mit Musik, Gesang und Projektionen angereichert – wurde schon in den einleitenden Reden hervorgehoben. Der Konrektor der Universität Bremen, Thomas Hoffmeister, betonte, dass durch das Projekt die als Reformuniversität entstandene Hochschule endlich zu ihrem Prinzip des »forschenden Lernens« gefunden habe. Universität und Stadt kooperierten dabei nicht wie üblich mit der Wirtschaft, sondern mit der Gesellschaft. Die Studierenden erhielten zudem einmal die Gelegenheit, die Produkte ihrer Arbeit auf der Bühne aufgeführt zu sehen.

Die geforderte »Reflexion der Praxis« fand an zwei Tagen in jeweils drei Panels statt. Theatralische und geschichtswissenschaftliche Aspekte waren dabei nicht zu trennen. So führte die Frage nach der Authentizität einer Theaterform, welche die szenische Lesung von Zeitdokumenten zur Grundlage hat, direkt zu der Diskussion, inwiefern die historischen Quellen selbst als »authentisch« gelten können. Wenn Mimik, Gestik, Wahl und Wechsel der Kleidung die »Neutralität« der vorgetragenen Quellen gefährden, wie verhält es sich dann mit wissenschaftlichen Editionen? Interpretieren diese nicht auch durch Einordnung, Auswahl und Erläuterung, sind mithin ebenfalls nicht »neutral« zu nennen?

Zudem wurde problematisiert, ob die Inszenierungen auch für Schulklassen geeignet sind, da Erläuterungen nicht in direkt die Aufführungen eingebunden werden, sondern nur in teilweise umfänglichen Begleitbänden vorliegen. Die Antwort lautete, derartige Besuche müssten zwar gründlich vor- und nachbereitet werden, doch sprächen die Erfahrungen des BSC in der Kooperation mit Schulen dafür.

Die lebendige Atmosphäre im Theater am Leibnizplatz ermöglichte es denn auch, einige Beiträge zu ertragen, welche das Tagungsthema als Vorlage für theoretische Höhenflüge nutzten.

Weitere Informationen: www.sprechende-akten.de

Kommende Aufführungen in der Reihe: 1.11. »Bremen. Eine Stadt der Kolonien?«, Theater am Leibnizplatz; 3.11. »Grund der Ausweisung: Lästiger Ausländer«, Schwurgerichtssaal Landgericht; 8.11. »Ich will dir so ein bisschen die Wahrheit schreiben«, Wallsaal, Stadtbibliothek.

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