Aus: Ausgabe vom 26.10.2017, Seite 8 / Ausland

»Verträge mit Indien sind selten vorteilhaft für uns«

Die Macht des großen Nachbarn ist überall in Bangladesch ­spürbar. Gespräch mit Manisha Chakraborty

Interview: Roland Zschächner
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Gegen Umweltzerstörung und den Einfluss Indiens: Demonstration in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka gegen den geplanten Bau eines Kohlekraftwerks in den Mangrovenwäldern des Landes (26. Januar 2017)

Ihr Verband, die Sozialistische Studentenfront Bangladeschs, sieht sich als Teil des revolutionären Kampfs im Land. Sie kämpfen für soziale Fortschritte und gegen den Einfluss der Imperialisten auf Bangladesch. Als einen entscheidenden Gegner haben Sie dabei Indien ausgemacht. Warum?

Nun, Indien umgibt Bangladesch von drei Seiten – und auf der vierten liegt das Meer. (Lacht.) Tatsächlich ist Indien die imperialistische Macht, die den größten Einfluss auf Bangladesch ausübt. Das gilt für viele Bereiche, darunter so existentielle wie die Wasserversorgung. Ein Beispiel dazu: Die Flüsse, die durch Bangladesch fließen, haben ihren Ursprung in Indien. In Zeiten, in denen es besonders trocken ist, drosselt Indien die Wassermenge, die Bangladesch erreicht, noch weiter herunter. Regnet es hingegen besonders viel, nimmt man Überschwemmungen in unserem Land einfach in Kauf.

Wird auf Ihr Land auch wirtschaftlicher Druck ausgeübt?

Indien schließt diverse Verträge mit Bangladesch ab, die selten vorteilhaft für uns sind. In der Regel schweigt sich die Regierung deshalb über die Abkommen aus. Gelangen sie trotzdem an die Öffentlichkeit, merkt man schnell, wie einseitig sie ausgerichtet sind. Aus ihnen spricht der unverhohlene Imperialismus Indiens.

In den vergangenen Jahren hat uns vor allem ein geplantes Kraftwerk Indiens beschäftigt. Sie müssen wissen, dass sich in Bangladesch der größte Mangrovenwald der Welt befindet. Genau hier soll das Kraftwerk entstehen. Gegen die Pläne ist eine bedeutende Protestbewegung entstanden, die wir unterstützen. Bisher hat sie erreicht, dass das Kraftwerk nicht in Betrieb genommen werden konnte, obwohl Indien das Projekt schon seit Jahren vorantreibt.

Proteste wie von dieser Umweltschutzbewegung hat es in der Geschichte unseres Landes immer wieder gegeben. Historisch hat sich die Bevölkerung etwa gegen die Begehrlichkeiten der USA gewehrt. Imperialistische Projekte konnten immer wieder zum Erliegen gebracht werden.

Eine Krise in der Region stellt die Vertreibung der Rohingya aus Myanmar dar, der muslimischen Minderheit des Landes. Auch Myanmar grenzt an Bangladesch, welche Folgen des Konflikts merken Sie?

Viele der Vertriebenen kommen nach Bangladesch, wo ihnen für eine gewisse Zeit Schutz gewährt wird. In Myanmar gibt es diverse Ethnien und Religionen. Doch die Anhänger des Buddhismus sehen die Rohingya nicht als Teil ihres Landes an. Das geht darauf zurück, dass sie bis vor etwa 50 Jahren von Bangladesch nach Myanmar immigiert sind. Nun sollen sie aus Myanmar verdrängt werden, man tötet sie. Dabei ist diese Sichtweise völliger Unsinn, denn ­Migration findet sich in der Geschichte praktisch jedes Landes. Doch die ethnische Säuberung, die sich Myanmar offenbar vorgenommen hat, wird einfach fortgesetzt.

Ist der Einfluss der neuen Regierungschefin, Aung San Suu Kyi, nicht spürbar? Auf sie waren große Hoffnungen gesetzt worden, zumal sie Friedensnobelpreisträgerin ist.

Der Einfluss des Militärs ist dabei noch immer groß. Aung San Suu Kyi hat kaum Einfluss auf die bedeutendsten Ressorts. Ich spreche vom Ministerium für innere Sicherheit, vom Außen- und Verteidigungsministerium. Diese werden noch immer vom Militär kontrolliert – und sie treiben das Töten voran. Aung San Suu Kyi wird man als stille Unterstützerin des Ganzen ansehen müssen. Und sowohl Indien wie auch die USA und Russland stehen noch immer hinter Myanmar.

Sie erwähnten, dass die Rohingya in Bangladesch Zuflucht suchen. Wie werden sie aufgenommen?

Bangladesch ist ein kleines Land mit vergleichsweise großer Bevölkerung. Den Rohingya wird Schutz gewährt, denn für sie geht es um Leben und Tod. Doch ihre Situation hier ist schlecht. Sie müssen in Zelten ausharren und darauf warten, dass ihnen Essen gegeben wird. Das sind doch keine menschlichen Zustände! Sie können nicht auf Dauer in Bangladesch bleiben, zumal sie Bürger Myanmars sind. Es muss für sie die Möglichkeit geschaffen werden, dorthin zurückzukehren. Dafür braucht es aber eine internationale Lösung.

Manisha Chakraborty ist Mitglied des Zentralkomitees der Sozialistischen Studentenfront aus Bangladesch. Der Verband zählt rund 20.000 allerdings eher lose Anhänger. Er arbeitet eng mit der Kommunistischen Partei des Landes zusammen

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