Aus: Ausgabe vom 28.10.2017, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kurzgeschichten von Lenin

Von Reinhard Lauterbach

Vor kurzem erschien in dieser Zeitung ein Beitrag, der in üblicher kommunistischer Sudeltour behauptete, die Auslandskorrespondenten deutscher Qualitätsmedien seien anpasserische Emporkömmlinge, die – im Falle Russlands – nicht einmal mehr die Landessprache beherrschen müssten. Das mache aber auch gar nichts, weil sie nicht die Aufgabe hätten, ihr Gastland dem deutschen Publikum zu erklären, sondern im Gegenteil die ihm gerade von oben angesagte Sichtweise auf dieses Land zu verkaufen. Das war, wie üblich in dieser Zeitung, böswillig entstellend oder zumindest maßlos übertrieben.

Bis am 25. Oktober ein Ulrich Adrian vom WDR, Aushilfskorrespondent in Moskau, eine Reportage über einen Besuch in Stalins unterirdischem Bunker ins Netz stellte. Das Gelass ist heute Museum, man kann sogar als deutscher Reporter hinein und ist nicht mehr in der Situation des KPdSU-Politbüromitglieds, das einmal zu Chruschtschow gesagt haben soll, wenn man abends zu Stalin eingeladen sei, wisse man nie, ob man morgens wieder nach Hause komme. Man darf etwas ins Gästebuch kritzeln (»Bolschoje spasibo«) und kriegt sogar einen Schluck georgischen Wein angeboten, wie ihn Stalin gern nächtens mit seinen Getreuen trank. Von dem füllt sich der Reporter erst eine geschätzte Drittelflasche ins Trinkhorn, nippt dran und sagt angeekelt: »Der ist ja süß«. Genosse Korrespondent: Degustieren geht anders. Aber dass man seinen Dilettantismus in Weinfragen noch vor laufender Kamera inszeniert, das ist süßer, als jede georgische Plörre sein kann.

Süß ist auch, was der Korrespondent des Qualitätsmediums ARD seinem Publikum aus dem sowjetischen Lagezentrum von einst zu berichten weiß: Da liegt ein zerlesener Band der »Gesammelten Werke« Lenins (russisch: Sobranije sotschinenij) auf dem Tisch, aus dem Adrian »Kurzgeschichten von Lenin« macht. Klar, viele Schriften des Revolutionärs sind nicht sehr lang, aber Adrian ist wohl der erste, der sie zu Belletristik erklärt. Chapeau. Und gleich geht es weiter: Die Kamera schwenkt hoch an die Wand auf ein Marx-Bild: »und hier ist Wuppertal vertreten«. Und Engels, dessen Porträt daneben hängt, hat eine Herrenboutique in Trier geführt, aber das gehört zum Sendegebiet des SWR, da muss sich ein WDRler nicht auskennen.

Zum Schluss erscheint im Bild eine im ehemaligen Lagezentrum stehende Gipsbüste Stalins, und Adrian erzählt, ihm hätten die Museumsmitarbeiter versichert, sie versuchten die »goldene Mitte« zwischen dessen Verdiensten und Untaten zu halten. Natürlich ist das ein begriffsloses Vorgehen. Aber Adrian stellt sich hin und sagt: »Halten wir also fest: Stalin war ein Diktator und Massenmörder.« Das war wohl die goldene Mitte der ARD-Berichterstattung aus Moskau: Dass Stalin immerhin nicht unterstellt wird, hier unten mit seinen Spießgesellen kleine Kinder am Spieß geröstet verzehrt zu haben? Vielen Dank. Kleine Kinder geröstet oder ihnen an Betonpfosten die Köpfe zerschlagen haben übrigens eher diejenigen, vor denen Stalin hier unter die Erde gegangen ist.

Apropos: Adrian weiß sich mit allem bodenlosen Unsinn, den er verzapft, in guter Gesellschaft. Am Mittwoch war der Bundespräsident in Moskau, hatte im Tross den evangelischen Bischof Heinrich Bedford-Strohm und beehrte die Veranstaltung zur Rückgabe der 1936 enteigneten evangelisch-lutherische Kirche in Moskau an die Protestanten mit seiner Anwesenheit. Später, beim Treffen mit Wladimir Putin, »beklagte er dann Missstände im Umgang Russlands mit seiner totalitären Vergangenheit« (FAZ vom 26. Oktober). Zu solchen Belehrungen ist Frank-Walter Steinmeier als Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland wahrlich berufen. In Sachen Recycling von Nazitätern macht diesem Land schließlich niemand etwas vor. Da kann der Putin noch was lernen.

Da liegt ein zerlesener Band der ­»Gesammelten Werke« Lenins ­(russisch: Sobranije sotschinenij) auf dem Tisch, aus dem Adrian ­»Kurzgeschichten von Lenin« macht. Klar, viele Schriften des ­Revolutionärs sind nicht sehr lang, aber Adrian ist wohl der erste, der sie zu Belletristik erklärt.


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