Aus: Ausgabe vom 28.10.2017, Seite 4 / Inland

»Exzess« in Gefahr

Linkes Zentrum in Frankfurt am Main grenzt an Abbruchhaus, das Luxuswohnungen weichen soll

Von Gitta Düperthal
Exzess01.jpg
Eine Einrichtung, die Frankfurt-Bockenheim bunter machte: Die Halle des »Exzess« (Außenansicht, Oktober 2007)

Die Crew des selbstverwalteten linken Zentrums »Café Exzess« in Frankfurt am Main ist in Aufregung. Ende vergangener Woche hätten plötzlich Bauarbeiter auf dem Dach gestanden und begonnen, eine Mauer des Nachbarhauses einzureißen. Dies berichtete am Donnerstag eine Aktivistin, die in dem Kollektiv bei Kneipenabenden und Kulturveranstaltungen mitwirkt, im Gespräch mit junge Welt. Das Problem: Es handelt sich dabei um eine gemeinsame Außenmauer des Zentrums mit dem Gebäude daneben, das nun abgerissen wird. Dort, in der Leipziger Straße 93, sollen Luxussanierungen stattfinden. »Wir hatten große Angst, dass unser Haus zerstört wird«, sagte sie. Der obere Bereich der Außen- und Brandschutzmauer sei bereits abgerissen, heißt es in einer Presseerklärung des Exzess. Schon jetzt könne so Feuchtigkeit ins Mauerwerk gelangen. Gehe der Abriss weiter, werde der Cafébereich bis zum Raum mit dem Kicker demnächst im Freien stehen. Die Statik des ganzen Gebäudes könne leiden. Dann drohe dem »Exzess« das Aus. Die Aktivisten des lebendigen linken Szenetreffs, in dem es schon seit mehr als 20 Jahren günstiges Essen und Getränke, Musik, Lesungen, Theater und politische Diskussionen gibt, befürchten, »durch die Hintertür hinauskatapultiert« zu werden: »Die Stadt, die uns das Gebäude verpachtet hat, schaut einfach tatenlos zu«.

Solche Befürchtungen scheinen nicht weit hergeholt. Im Sommer, als etablierte Parteien nach den Hamburger G-20 Protesten Panik vor Linken geschürt hatten, tat sich vor allem die Frankfurter FDP durch aggressive Stimmungsmache gegen Treffpunkte der Szene hervor und verlangte deren Schließung. Der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) hatte hartes Vorgehen gegen »Radikalisierungsorte der militanten Linksextremisten« empfohlen.

Die Ängste der Aktivisten könne er »nachvollziehen«, sagte Eyup Yilmaz, wohnungspolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke im Frankfurter Stadtparlament am Donnerstag dieser Zeitung. Die Linke fordere die SPD und die Grünen auf, ihre Versprechen wahrzumachen, sich schützend vor die linken Zentren zu stellen und sich zu ihnen zu bekennen. Gerade in einer Stadt wie Frankfurt, wo sich Banken und Finanzinstitute ansiedelten, müsse es weiterhin »subkulturelle Orte geben, an denen gesellschaftliche Gegenentwürfe diskutiert werden können«.

Auch den Aktivisten geht es darum, die antikapitalistische Tradition selbstverwalteter Projekte hochzuhalten. Das neue Bauvorhaben in der Leipziger Straße 93 mit fünf Eigentumswohnungen, von der Immobilienfirma IMAXX ab 649.900 Euro im Internet zum Kauf angeboten, setze die seit Jahrzehnten betriebene Gentrifizierung im Stadtteil Bockenheim fort. Von Seiten der Stadtregierung aus CDU, SPD und Grünen sei »eine Bevorzugung privater Investoren gegenüber sozialen Wohnbauprojekten« zu beobachten, heißt es in ihrer Erklärung. Dies gehe mit der »Verhinderung oder sogar Zerstörung alternativer Strukturen« in dem früheren Studentenviertel einher.

Einige Aktivisten fragen sich, wie es weitergehen wird. Vermutlich werde es viele Beschwerden von den Eigentümern geben, wenn sie ihre Luxusappartements erst bezogen haben. Ob diese sich gern Punkbands anhören, die in der Exzess-Halle auftreten oder etwa Debatten der Antifa, bei denen es mitunter lebhaft zugeht, sei zu bezweifeln. Der Bauherr der Projektgesellschaft BWP Frankfurt, Ata Mansuroglu und der Architekt Necmi Dal erklärten das Malheur am Donnerstag gegenüber der Frankfurter Rundschau mit einem Versehen: »Das Exzess ist für uns ein Nachbar wie jeder andere auch«. Dass es eine Grenzwand gebe, sei aus den Bauplänen schlicht nicht hervorgegangen.

Freunde des »Exzess« wollen an diesem Samstag unter dem sperrigen Motto »Finger weg von unseren Strukturen! Unsere Solidarität gegen ihre Repression« gegen die Verdrängung linker Zentren und die wachsende Verschärfung der Lebensverhältnisse auf die Straße gehen.

Demonstration: Heute, Samstag, 28. Oktober, 15Uhr, Hülya-Platz, ­Frankfurt am Main


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Inland