Aus: Ausgabe vom 25.10.2017, Seite 4 / Inland

Feuer frei für Häuserkampf

Richtfest: Gefechtsübungsstadt »Schnöggersburg« wird Donnerstag an deutsche Streitkräfte übergeben

Von Susan Bonath
Bundeswehr_baut_Uebu_51075115.jpg
Bauarbeiten vor dem sogenannten Sakralbau in der Übungsstadt Schnöggersburg im Mai 2016

Nach fünf Jahren Bauzeit ist es soweit: Die Geistermetropole namens »Schnöggersburg« auf dem Truppenübungsplatz Altmark ist fast fertig. Mit einem »Richtfest« wollen das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) und das Land Sachsen-Anhalt den ersten Teilabschnitt des 6,5 Quadratkilometer großen Geländes nördlich von Magdeburg am Donnerstag der Bundeswehr übergeben. Deutsche und NATO-Truppen werden dort künftig den bewaffneten Einsatz in Großstädten proben.

Finanziert wurde das aktuell mit 140 Millionen Euro bezifferte Bauprojekt aus dem Steuertopf des Bundes, wie Bundeswehr-Sprecherin Eva Wilkens mitteilte. Das Land Sachsen-Anhalt übernahm den Part des Bauherren. »Die vom Landesbetrieb Bau- und Liegenschaftenmanagement Sachsen-Anhalt (BLSA) geleitete Maßnahme ist eine der größten Infrastrukturmaßnahmen innerhalb dieses Landes«, so Wilkens. Geladene Gäste bei der Übergabe seien unter anderem der parlamentarische Staatssekretär im BMVg, Markus Grübel (CDU), der Finanzminister von Sachsen-Anhalt, André Schröder (CDU), und der Kommandeur der multinationalen Korps des Heeres, Frank Leidenberger.

»In Schnöggersburg werden typische Elemente eines urbanen Ballungsraumes abgebildet, um Soldaten für Einsätze in bebauten Gebieten optimal vorzubereiten«, informierte die Bundeswehr. Journalisten sollen zum »Richtfest« durch die »Altstadt mit Marktplatz« geführt werden, wo mehr als 500 Gebäude, Straßen und Wege samt Kanalisation entstanden sind. Die Kriegsübungsstadt hat aber mehr zu bieten: den künstlichen Fluss »Eiser« mit mehreren Brücken zum Beispiel sowie ein »Regierungsviertel«, Hochhäuser, ein Stadion, Hotels, eine Autobahn, ein Gefängnis, ein Elendsviertel. Auf dem Flugplatz der Geisterstadt landete bereits vor einem Jahr eine »Transall«-Maschine der Bundeswehr zur Probe. Auch die einzige U-Bahn von Sachsen-Anhalt mit drei Stationen wurde dort gebaut. Der Tunnel ist laut Bundeswehr 350 Meter lang.

In der Kampfstadt können bis zu 1.500 Soldaten zeitgleich trainieren. Ausgestattet werden sie vom langjährigen Betreiber des Gefechtsübungszentrums (GÜZ), dem Rüstungskonzern Rheinmetall, mit lasergestützter Simulationstechnik. Zuletzt hatte die Bundeswehr im Jahr 2014 den Vertrag mit Rheinmetall um vier weitere Jahre verlängert. Von 2000 bis 2012 kassierte das Unternehmen, das ein eigenes Dienstleistungszentrum vor Ort betreibt, jährlich zwischen zehn und 35 Millionen Euro vom Bund, wie aus einer Antwort der Bundesregierung an die Linksfraktion hervorgeht. Vor einem Jahr kamen zusätzliche Aufträge für Rheinmetall im Wert von 24 Millionen Euro hinzu. Diese umfassten »unter anderem spezielle Erweiterungen der Software der Zentrale für die Leitung und Auswertung von Ausbildungsdurchgängen in der neuen Übungsstadt Schnöggersburg«, schrieb der Konzern im Herbst 2016 dazu.

Zudem werde Rheinmetall das Datenkommunikationssystem des GÜZ modernisieren. Vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr sei der Düsseldorfer Rüstungsgigant beauftragt worden, die Durchführung von sogenannten MOUT-Übungen vorzubereiten (Military operations in urban terrain, deutsch: militärische Operationen in städtischem Gelände).

Da der Bundestag zeitgleich mit der Planung von Schnöggersburg verfassungsrechtliche Möglichkeiten für den Einsatz der Bundeswehr im Inneren geschaffen hatte, etwa bei »Ausnahmesituationen katastrophischen Ausmaßes«, nimmt die Linkspartei seit Bekanntwerden des »Projekts« im Jahr 2012 an, dass es dabei nicht nur um die Vorbereitung von Kriegseinsätzen außerhalb Europas gehen könne. Hatte das Verteidigungsministerium auch kommende soziale Unruhen in Europa auf dem Schirm?

Die Bürgerinitiative Offene Heide kündigte eine Mahnwache in Letzlingen gegen die Kampfstadt an. Dort befindet sich die Kommandozentrale. Der Protest werde wohl in kleinerem Rahmen stattfinden, sagte ein Sprecher am Dienstag auf jW-Nachfrage. Der Rückhalt in der Bevölkerung lasse zu wünschen übrig. »In vielen Familien hat jemand einen Job am Standort«, erläuterte er. Zudem stünden lokale Medien und die Politik auf der Seite der Bundeswehr. Zahlreiche Gemeinden und sogar Schulen pflegten Patenschaften mit dem Heer.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Neue Ausgabe vom Dienstag, 12. Dezember erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • René Osselmann: Kriegsspiele Sie spielen wieder mit dem Krieg, und sogenannte »normale« Manöver zu Wasser, zu Lande und in der Luft reichen dem Verteidigungsministerium und der Bundeswehr nicht mehr aus! Eine Phantomstadt musste ...

Ähnliche:

Mehr aus: Inland