Aus: Ausgabe vom 23.10.2017, Seite 4 / Inland

Zentrale Rolle im Ökosystem

Agrarexperte zum Insektensterben: Monokulturen und Glyphosat gefährden Bestäubung

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Unverzichtbare Bestäuber: Imker mit Bienenwabe in Beeskow (2004)

Es liegt wohl nicht am Klimawandel: In einer großangelegten Studie haben Forscher einen dramatischen Rückgang der Zahl geflügelter Insekten in Deutschland festgestellt. Seit 1990 sei der Bestand um mehr als drei Viertel geschrumpft, heißt es in der Dokumentation, die vergangene Woche in der Onlinefachzeitschrift Plos One veröffentlicht wurde. Die Gründe seien nicht hundertprozentig klar, sagen Skeptiker – Umweltschützer, Agrarökologen und Kommentatoren meinen jedoch: lieber keine Zeit verlieren und die wahrscheinlichsten Ursachen beseitigen.

Das internationale Expertenteam hatte zwischen 1989 und 2016 das Insektenaufkommen in 63 deutschen Naturschutzgebieten gemessen, indem sie Klebefallen aufstellten und die Biomasse der darin befindlichen Tiere maßen. Über den Zeitraum von 27 Jahren ergab sich dabei im Schnitt ein Rückgang um 76 Prozent. Insgesamt sei der Schwund »viel schwerwiegender als gedacht«, erklärte der an der Studie beteiligte Insektenkundler Caspar Hallmann. Dass der Vorgang in einem solchen Ausmaß und in einem so großen Gebiet stattfinde, mache die Ergebnisse »noch beunruhigender«, ergänzte der Forscher der niederländischen Radboud-Universität. Insekten spielen bei der Bestäubung von Wild- und Nutzpflanzen und als Nahrung etwa für andere Tiere eine zentrale Rolle im Ökosystem. Die Befunde lassen nach Ansicht der Studienautoren auch den Rückgang der Zahl von Vögeln und Säugetieren in einem anderen Licht erscheinen.

Deutsche Umweltschützer machten die industrielle Landwirtschaft für das Aussterben verantwortlich. So auch der Agrarökologe Teja Tscharntke. »Das Problem ist die zunehmende Vorherrschaft von Monokulturen«, sagte der Göttinger Universitätsprofessor im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Samstag. »Wir sprechen von ausgeräumten Landschaften, in denen Landschaftselemente wie Brachen, Hecken oder breite Feldränder fehlen.« Das Herbizid Glyphosat trage zu einem starken Rückgang von Pflanzenarten und somit auch zu dem Rückgang der Insekten bei, die auf eine vielfältige Pflanzenwelt angewiesen seien. Der Klimawandel erscheine ihm dagegen als Grund »wenig plausibel«, so Tscharntke: »Wenn die Temperaturen steigen, sollten die Insekten profitieren.«

Der Präsident des Naturschutzbundes (NABU), Olaf Tschimpke, hatte bei Bekanntwerden der Studie gewarnt: »Wir haben es mit einer höchst dramatischen und bedrohlichen Entwicklung zu tun.« Es vergehe zuviel Zeit, kommentierte die Süddeutsche Zeitung, »bis noch alles ins letzte Detail geklärt ist«. Dies mache ausgestorbene Arten nicht wieder lebendig. »Man muss so schnell wie möglich da eingreifen, wo es voraussichtlich am meisten bringt. Erstens: Insektizide wenigstens auf den Feldern zu verbieten, die inmitten von Naturschutzgebieten liegen. Zweitens: den Einsatz von Chemikalien auf den Feldern wenigstens verringern.« (jW)


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  • Marco Warstat: Bedrohliche Entwicklung Der starke Rückgang von Insekten, der sich sowohl auf die Zahl der Arten als auch auf die Individuenmenge (Biomasse) bezieht, ist in der Tat besorgniserregend. Dass dafür ein Bündel von Faktoren veran...

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