Aus: Ausgabe vom 21.10.2017, Seite 7 / Ausland

»NATO raus!«

Sardinien protestiert gegen Manöver. Stützpunkte und jahrelange Waffentests haben Umwelt verseucht

Von Gerhard Feldbauer
Spanish_airforce_to_27040903.jpg
Personal der spanischen Luftwaffe checkt im März 2011 F-18 Kampfjets auf der NATO-Militärbasis in Decimomannu auf Sardinien

Etwa 150 Menschen haben am vergangenen Wochenende am Hafen von Cagliari auf Sardinien gegen das von der NATO geplante Manöver »Joint Stars« demonstriert. »Wir protestieren gegen diese militärische Besetzung Sardiniens« und »NATO raus aus Sardinien!«, hieß es auf Transparenten und in Sprechchören der Teilnehmer, die ihren Forderungen auch mit einem Sit-in vor dem Sitz der Regionalregierung Nachdruck verschaffen wollten. Aufgerufen dazu hatte die Bewegung »A Foras«, zu deutsch »Raus«, die den Abzug der NATO-Truppen von der Mittelmeerinsel fordert. Das großangelegte Kriegsmanöver mit atomar angetriebenen Kriegsschiffen und U-Booten werde wegen der Landung von Panzern und Bodentruppen an der Küste zu Störungen in der zivilen Luftfahrt und dem Schiffsverkehr im Hafen von Cagliari führen, so »A Foras«. Die Beeinträchtigungen des Tourismus und der Fischerei schadeten den Menschen vor Ort erheblich.

Sehr viel gravierender seien jedoch die ökologischen Schäden durch das Manöver und überhaupt die Truppenstationierung. 2011 hatten Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft ergeben, dass das gesamte Gelände des Stützpunktes mit umweltschädlichen und krebserregenden Substanzen verseucht ist. In den Bodenproben wurde Kadmium, Blei, Antimon und selbst Napalm gefunden. In Lebensmitteln wurde hoch radioaktives Thorium, das in Zieleinrichtungssystemen bei Militärgerät verwendet wird, gefunden.

Die italienischen Streitkräfte hatten zusammen mit Rüstungskonzernen Artilleriegranaten, Drohnen und lasergesteuerte Bomben auf dem etwa 120 Quadratkilometer großen Truppenübungs- und Raketenabschussplatz Salto di Quirra an der Ostküste der Insel getestet. Verwendet wurden auch Raketen, die Asbest und weißen Phosphor freisetzen, sowie Munition mit abgereichertem Uran. Alte Munition und gefährliche Chemikalien wurden einfach »entsorgt«. In den 80ern hatte bereits die Bundeswehr ihren Panzer »Gepard« im »scharfen Schuss« dort erprobt. Bis heute besteht der Verdacht, dass Uranmunition mit panzerbrechender Wirkung des Rüstungskonzerns MBB verwendet wurde.

Der italienische Krimiautor Massimo Carlotto war schon bei den Recherchen zu seinem 2008 erschienenen Roman »Perdas de Fogu« (deutsch »Tödlicher Staub«, 2012 bei Klett-Cotta) über Salto di Quirra auf den Umweltskandal aufmerksam geworden. Sowohl bei Menschen als auch Tieren waren unter Neugeborenen gehäuft Missbildungen aufgetreten. Die Zahl der tödlichen Krebserkrankungen bei Männern, die ihren Wehrdienst auf dem Stützpunkt geleistet hatten, war deutlich gestiegen.

Nach der Veröffentlichung der Ermittlungsergebnisse der Staatsanwaltschaft wurde das betroffene Gelände für die zivile Nutzung gesperrt. Der Boden sollte saniert werden. Manöver aber werden weiterhin durchgeführt, wenn auch ohne die höchstgiftigen Waffen.

Von den über 100 Stützpunkten der USA und der NATO in Italien befinden sich elf auf der etwa 1,65 Million Einwohner zählenden, zweitgrößten italienischen Mittelmeerinsel nach Sizilien. Darunter befinden sich eine Luftwaffenbasis, ein Raketenschießplatz, ein Manövergelände und eine Zentrale der NSA. Bis zu seiner Entdeckung 1990 existierte im Nordwesten auf dem Capo Marrargiu ein CIA-Ausbildungscamp. Die Agenten wurden in linke Organisationen wie die »Roten Brigaden« geschleust. Gegenwärtig dient Sardinien als Basis für Operationen im Nahen Osten und im nordafrikanischen Raum zur Niederschlagung und Unterdrückung nationaler Befreiungsbewegungen bzw. unabhängiger Nationalstaaten und ist dabei von ebenso großer strategischer Bedeutung für die NATO wie bei der Abschottung Europas vor Flüchtlingen.


Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Spaniens Sozialdemokraten unterstützen Aufhebung der Autonomie Kataloniens. Madrid plant auch Kontrolle von Medien, Polizei und Schulen
    André Scheer
  • Rechtskonservative geben sich vor den Parlamentswahlen siegesgewiss
    Michael Streitberg
  • Malta: Nach Mord an der Journalistin Daphne Caruana Galizia wächst das Misstrauen gegenüber den Behörden
    Leonie Haenchen
  • In Burkina Faso bestehen noch immer kolonialistische Strukturen. Jugendbewegung will sie überwinden. Gespräch mit Ouiry Sanou
    Matthias István Köhler