Aus: Ausgabe vom 21.10.2017, Seite 3 / Schwerpunkt

Jugend vereint

Kommunistische Verbände treffen sich in Sotschi, um Oktoberrevolution zu ehren und gemeinsame Lehren zu ziehen

Von Roland Zschächner, Sotschi
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Ein Mitglied der Kommunistischen Jugend aus Jordanien am Montag in Sotschi

Wenn der Stand des griechischen Kommunistischen Jugendverbandes KNE schräg gegenüber dem des größten russischen Geldinstitutes Sberbank steht; wenn über dem Olympischen Park von Sotschi Kampfjets eine Luftshow präsentieren, während im Medienzentrum über den Frieden diskutiert wird – dann sind damit einige der Widersprüche benannt, die die 19. Weltfestspiele der Jugend und Studenten prägten. Das Treffen wird an diesem Wochenende seinen Abschluss finden, in den Tagen zuvor kamen über 30.000 junge Menschen aus Russland und 180 weiteren Ländern am Schwarzen Meer zusammen.

Doch eine Welt ohne Widersprüche ist im Kapitalismus nicht möglich, weswegen sich fortschrittliche Kräfte in der ganzen Welt daran machen, diese zum Besseren zu verändern. Mitglieder von 36 kommunistischen Jugendorganisationen von fünf Kontinenten trafen sich am Mittwoch in der »roten Zone« des Festivalgeländes, um gemeinsam der russischen Oktoberrevolution von 1917 zu gedenken und ihre Schlüsse aus diesem welthistorischen Ereignis vorzustellen. Die Anzahl der Teilnehmer überraschte. Bei einem ähnlichen Treffen beim letzten Festival vor vier Jahren in Quito waren nicht einmal halb so viele Gruppen zusammengekommen.

Den Anfang der Diskussionsbeiträge machten die beiden im Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) vertretenen Mitglieder des Gastlandes: der Leninistische Komsomol, Jugendverband der KP der Russischen Föderation, und der Revolutionäre Komsomol (Bolschewiki) von der Russischen Kommunistischen Arbeiterpartei. Von letzterem konnte der Beitrag nicht durch den Vorsitzenden verlesen werden, weil diesem von den russischen Sicherheitskräften der Zugang zum Weltfestspielgelände verweigert wurde. Beide Gruppen stellten, wie auch andere Organisationen, die Einzigartigkeit der Oktoberrevolution heraus. Zum ersten Mal sei die Arbeiterklasse damals an die Staatsmacht gelangt und habe der alten kapitalistischen Gesellschaft eine sozialistische entgegengesetzt.

Dass das »Ende des Kapitalismus mit dem des Patriarchats Hand in Hand geht«, machte ein Vertreter des Kommunistischen Jugendverbandes (FJC) aus Argentinien deutlich. Er kam mit seinem Kind auf die Bühne. Er sei gerade an der Reihe gewesen, sich um den Nachwuchs zu kümmern, erklärte er. Der Reichtum der Welt sei ungerecht verteilt, doch »Lenin und die Revolution sind unsere Gegenwart und unsere Zukunft sowie Traum und Hoffnung für die Menschheit«. Wichtig sei dafür die Einheit der Arbeiterklasse sowie internationale Solidarität. Beides wurde von mehreren Organisationen besonders hervorgehoben.

Mit klaren Worten benannte die Kommunistische Jugend Österreichs (KJÖ), dass der rote Oktober erkämpft wurde, so wie auch heute noch für das Ende des Kapitalismus konsequent eingetreten werden müsse. Die Analysen Lenins zum Imperialismus und die von Marx und Engels zu den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus seien auch noch heute aktuell.

Ein Vertreter aus Brasilien stellte heraus, dass es einer starken kommunistischen Organisation bedarf, um erfolgreich den Kapitalismus überwinden zu können. Dazu müsse jedoch der Opportunismus in den eigenen Reihen bekämpft werden, betonte der Redner der Front der Kommunistischen Jugend (FGC) aus Italien. Dort habe man damit schlechte Erfahrungen gemacht. Notwendig sei daher, in Anlehnung an Antonio Gramsci, eine »Bolschewisierung« der KP durch die Jugend.

Auf die historischen Auswirkungen der Oktoberrevolution in ihren Ländern wiesen verschiedene Delegierte hin. So gab es auch in kapitalistischen Ländern Verbesserungen der Arbeits- und Sozialgesetzgesetzgebung – aus Angst vor dem Erstarken linker Bewegungen. In Deutschland habe es zudem mit der Novemberrevolution 1918 einen eigenen Aufstand gegeben, wie die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ) ausführte. Der Kaiser wurde abgesetzt, die Republik ausgerufen, Räte übernahmen die Macht. Diese Entwicklung sei eine Folge des Sieges der Bolschewiki in Russland gewesen. An diesen habe aber wegen des Verrats der Sozialdemokratie in Deutschland nicht angeknüpft werden können.

Die Gefahr, die von der Reaktion ausgeht, wurde in vielen Vorträgen angesprochen, vor allem mit Verweis auf den Zweiten Weltkrieg und die aktuell von Faschismus und Imperialismus ausgehende Bedrohung. Sie seien Teil des Kapitalismus ebenso wie die Krisen, die unter anderem zu Armut und Flucht führen. Um diesem Elend ein Ende zu bereiten, müsse die Arbeiterklasse zum Subjekt der Geschichte werden. Die Oktoberrevolution sei dafür nur der Anfang gewesen, unterstrich der Redner der KNE.

Trotz oder vielleicht wegen des widrigen Umfelds schien am Mittwoch abend die oft beschworene Einheit der jungen Kommunisten vorhanden. Immer wieder wurden die Redebeiträge mit Parolen und Liedern goutiert. Das Ende markierte schließlich – »wie es sich für ein Treffen kommunistischer Organisationen gehört«, so die Moderation – das gemeinsame Singen der Internationale. Diskutiert wurde anschließend noch weiter.

Der Vertreter der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJÖ) sagte auf der Veranstaltung am Mittwoch in Sotschi:

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution von 1917 war die erste Revolution ihrer Art. Die Revolution hat gezeigt, dass die Arbeiterklasse dazu in der Lage ist, das System des Kapitalismus zu überwinden. Mit dieser Tatsache reichte ihre Strahlkraft weit über die russischen Staatsgrenzen hinaus und wirkte tief auf die weltweite Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker ein. Sie beendete das große Völkerschlachten des Ersten Weltkriegs. In Österreich und Deutschland wurden die Monarchien niedergerungen und der Schritt weiter versucht und mitunter auch getan. In Ungarn kam es zu einer sozialistischen Revolution, und der italienische Staat wurde durch heftige Streiks und Aufstände erschüttert. Nur um ein paar unmittelbare Auswirkungen zu nennen.

Die Verdienste des aus der Revolution entstandenen sozialistischen Lagers sind zu zahlreich, um sie allesamt zu nennen. Sie beinhalten zuvor undenkbare Fortschritte für die Bevölkerung der sozialistischen Länder, die Niederringung des Nazifaschismus und die Unterstützung der antikolonialen Befreiungskämpfe des 20. Jahrhunderts. Die Konterrevolution und der darauf folgende reaktionäre Backlash führten zu einer großen Lücke in der kommunistischen Weltbewegung. Seit diesem Moment hat der Kapitalismus ein noch aggressiveres Auftreten etabliert, und das Kapital hat in einem weltumfassenden Rahmen zum verstärkten Angriff auf unsere Rechte geblasen.

Aber diese Offensive bedeutet nicht das Ende der Geschichte der Klassenkämpfe. Die wissenschaftlich-sozialistische Analyse des Imperialismus von Lenin ist nach wie vor genauso richtig wie die Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus von Marx und Engels.

Als Kommunistinnen und Kommunisten wissen wir: Egal wie sehr sich der Kapitalismus als alternativlos präsentiert, und egal wie sehr die Bourgeoisie über den Sozialismus lügt und ihn als ein gescheitertes System der Vergangenheit hinzustellen versucht – es gibt eine Alternative zur kapitalistischen Ausbeutung und zur imperialistischen Repression. Wir wissen, dass die Konterrevolution nicht das Ende der Geschichte markiert.

Für uns ist die zentrale Lehre der Oktoberrevolution, dass ein System frei von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen nicht vom Himmel fällt und uns nicht geschenkt wird, sondern des konsequenten und ausdauernden Kampfes für dieses System bedarf. Es braucht den Kampf in den Schulen, an den Arbeitsplätzen, in den Universitäten und auf der Straße – auf allen Ebenen der Gesellschaft. Unsere Pflicht als kommunistische Jugendorganisationen ist es, an der Spitze dieser Kämpfe zu stehen.

www.weltfestspiele.de

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