Aus: Ausgabe vom 20.10.2017, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Luftkampf mit Boeing

Airbus und Kanadas Flugzeugbauer Bombardier vereinbaren Kooperation. Diese zielt offenbar auch auf Umgehung von Schutzzöllen

Von Gerrit Hoekman
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Daumen hoch! Die Bosse von Bombardier und Airbus haben US-Regierung und Boeing ein Schnippchen geschlagen ­(Toulouse, 17. Oktober)

Der europäische Flugzeugbauer Airbus übernimmt die Mehrheit an der C-Klasse-Produktion des Konkurrenten Bombardier. Das gab das Unternehmen aus Montreal am Montag bekannt. Wie der kanadische Sender CBC berichtet, erhält Airbus einen Anteil von 50,01 Prozent an der Unternehmung. Die Endmontage der Mittelstreckenflieger soll von Kanada ins Airbus-Werk in Mobile, Alabama, verlegt werden, wo seit 2015 bereits der Airbus A320 gebaut wird.

Bei dem Deal floss kein Geld, weil es ein gegenseitiges Gewinngeschäft sein soll. Da ist zunächst der Umstand, dass sich die C-Klasse schlecht verkauft, obwohl sie nach Ansicht von Experten ein sehr gutes Flugzeug ist. Auf der anderen Seite haben die Europäer auch seit drei Jahren keinen A320 mehr verkauft, weiß CBC. Gemeinsam will man den Produkten neuen Schwung verleihen. Gerade Mittelstreckenflugzeuge mit einer Kapazität von 120 bis 180 Passagieren werden in Zukunft den Hauptanteil an der weltweiten Flotte ausmachen. Laut Frankfurter Rundschau soll sich die Nachfrage nach dieser Größenordnung in den nächsten 20 Jahren auf gut 6.000 Flugzeuge belaufen.

Aber es gibt noch einen anderen Grund für das Geschäft zwischen Airbus und Bombardier: US-Präsident Donald Trump droht, einen massiven Schutzzoll von 300 Prozent auf Flugzeuge von Bombardier erheben zu wollen, weil das Unternehmen Subventionen vom kanadischen Staat erhält. Die Provinz Quebec besitzt 19 Prozent der Bombardier-Aktien. Der US-amerikanische Flugzeugbauer Boeing hatte sich darüber unlängst im Weißen Haus beschwert, so CBC.

Seit die US-Fluglinie Delta Air Lines 75 Maschinen der C-Klasse bei Bombardier bestellt hat – nicht etwa das Konkurrenzmodell von Boeing –, herrscht ein frostiges Klima zwischen den Flugzeugbauern. Immerhin geht es dabei um ein Gesamtvolumen von fünf Milliarden US-Dollar. Entsprechend schmallippig fiel am Montag auf Twitter der Kommentar von Boeing zu dem Geschäft zwischen Airbus und Bombardier aus: »Ein fragwürdiger Deal zwischen zwei vom Staat schwer subventionierten Mitbewerbern, um die Maßnahmen der US-Regierung zu umgehen.«

Der kanadische Regierungschef Justin Trudeau deutete an, seine Regierung könne ein laufendes Geschäft mit Boeing stoppen, falls das Unternehmen nicht aufhöre, bei Trump gegen Bombardier zu intrigieren. Druckmittel: Kanada will 18 F/A 18 »Super Hornet« Kampfjets bei Boeing kaufen, doch der Deal liegt wegen des Streits erst einmal auf Eis. Von dem Konflikt, der sich leicht zu einem Handelskrieg ausweiten könnte, wäre möglicherweise auch Nordirland betroffen, wo Bombardier der größte »Arbeitgeber« ist.

Ed Bastian, Vorstandsvorsitzender von Delta Air, bestritt am Mittwoch, sein Unternehmen sei der Motor hinter der Abmachung zwischen Airbus und Bombardier. Es ist aber kaum abzustreiten, dass die Luftlinie ein großes Interesse daran hat, den Schutzzoll durch das Manöver von Airbus und Bombardier ausgehebelt zu sehen. Andernfalls wären die Maschinen kaum noch zu bezahlen gewesen. Doch nachdem das Geschäft zwischen Airbus und Bombardier bekannt geworden war, bestätigte Delta Air umgehend den Auftrag. »Den amerikanischen Markt zu sichern, bedeutet am Ende, das Programm zu sichern«, erklärte Bombardier-Chef Alain Bellemare am Montag laut CBC.

Airbus mit an Bord zu nehmen, könnte für Bombardier die Rettung sein. Die Kanadier sind bereits seit einiger Zeit in finanziellen Turbulenzen; zeitweise sah es so aus, als sei der Betrieb nicht mehr zu retten. Das ungewisse Schicksal schreckte viele Kunden ab. »Einige werden nun davon überzeugt sein, dass es ein großartiges Produkt ist und weiterhin bestehen bleibt«, zitiert CBC den Airbus-Boss Tom Enders: »Das ist eine Win-Win-Situation für alle.« Die Zentrale der C-Klasse bleibt in Kanada, von wo auch die Einzelteile kommen sollen, die dann in Mobile, Alabama, zusammengeschraubt werden. Diese könnten allerdings nach wie vor mit einem Strafzoll belegt werden.

Am Airbus-Standort in Mobile sorgte die Nachricht naturgemäß für Begeisterung. Mit der neuen Fertigungsanlage für die C-Klasse sollen bis zu 200 Arbeitsplätze entstehen. Ein Aspekt, der Trump beim Schutzzoll gnädig stimmen könnte, hofft Airbus. Im Moment beschäftigt das Unternehmen rund 1.000 Werktätige in der 200.000-Einwohner-Hafenstadt.

Für Bürgermeister Sandy Stimpson kam die Entwicklung offenbar völlig überraschend. Ein Mittelsmann hatte ihn erst am Montag per SMS über den Deal informiert. »Passiert das gerade wirklich«, habe er sich ungläubig gefragt, erzählt Stimpson der Nachrichtenseite Alabama Local News am Dienstag. Das sei eine »großartige Nachricht« für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Die Situation habe sich für Mobile schlagartig zum Besseren verändert. Die Aufregung in der Stadt sei im Moment genauso groß wie vor fünf Jahren, als Airbus entschied, den A320 hier zu bauen.

»Ich denke, es ist phänomenal, dass sie sich entschieden haben, weiter in Mobile zu investieren«, freut sich auch Thomas Curry, der Chef des örtlichen Flughafens, gegenüber Alabama Local News. Auf dem Areal muss nun für die neue Fertigungshalle Platz geschaffen werden. Ganz unvorbereitet ist der Flughafen offenbar nicht. Man habe nie ausgeschlossen, dass Airbus am Standort expandieren wolle. »Wir haben ein Stück Land in einer netten Größe«, sagte Elliot Maisel von der Mobile Airport Authority.

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