Aus: Ausgabe vom 19.10.2017, Seite 8 / Inland

»Nicht Schreibfehler, Informationen sind relevant«

Die Zeitschrift Stimme will Migrantinnen und geflüchteten Frauen ein neues Forum bieten. Ein Gespräch mit Dora Sandrine Ndedi

Interview: Carmela Negrete
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Sprachunterricht für Migranten in einer Berliner Flüchtlingsunterkunft

Sie wollen mit der Zeitschrift Stimme ein Angebot von geflüchteten Frauen für geflüchtete Frauen machen, da Ihnen der öffentliche Umgang mit Migranten nicht gefallen hat. Wie werden sie denn dargestellt?

Geflüchtete, insbesondere die Frauen unter ihnen, haben viel Potential, viele Talente. Sie einzubringen ist ihnen nicht möglich, weil sie in diesem System unterdrückt werden. Als ich aus Kamerun herkam, wollte ich meinen Beruf ausüben, meinetwegen auch noch mal eine Ausbildung machen, um arbeiten zu dürfen. Beim Jobcenter sagte man mir, dass sie mir nur eine Ausbildung zur Altenpflegerin anbieten könnten. Dabei bin ich gelernte Programmiererin. Aber das galt nicht. Und diese Erfahrung machen die meisten Geflüchteten. Wir wollen den Frauen Mut machen und ihnen Kraft geben. Deshalb sollen in unserer Zeitschrift die Frauen selber schreiben, anstatt, dass über sie berichtet wird. Dabei ist egal, ob sie Fehler machen. Nur so können sie etwas lernen.

Aber in Ihrer Zeitschrift werden die Fehler doch letztlich korrigiert.

Das Wichtigste ist die Information. Wenn jemand uns anbietet, die Texte Korrektur zu lesen, nehmen wir das gerne an. Über so etwas freuen wir uns. Aber ich möchte die Frauen nicht frustrieren, indem ich sie zuerst mit ihren Fehlern konfrontiere. Vielleicht trauen sie es sich dann nicht mehr zu, weiter zu schreiben. Ich versuche schon, die Fehler zu beheben, wenn eine Frau mir einen Text schickt – so gut ich es eben kann. Aber nicht die Schreibfehler, sondern die Informationen sind relevant.

Welche Zielgruppe wollen Sie ansprechen?

Alle, Geflüchtete, Migranten, Deutsche, die gerne mehr über die Situation geflüchteter Frauen erfahren und ihnen eventuell helfen wollen. Mein Ziel ist eine Zeitschrift, die das Leben etwa in Flüchtlingsheimen genau so zeigt, wie es ist. Es wird zwar in den Medien fast jeden Tag über Flüchtlinge berichtet, aber deren Alltag, die konkrete Situation, in der sie sich befinden, kommt fast gar nicht vor. Dabei muss man doch einfach mal drüber reden, welche Probleme die Frauen in den Heimen Tag für Tag haben.

Wie kann ich mir die Umsetzung vorstellen?

Zum Beispiel bieten wir konkrete Hilfen an, etwa indem wir erklären, wie die Prozedur eines Asylantrags in der BRD funktioniert. Das Wichtigste ist uns aber die Rubrik, die wir »Frauen auf der Bühne« genannt haben. Geflüchtete erzählen darin von ihrem Leben, ihren Erfahrungen in Deutschland und über ihre Probleme. Die Idee ist einerseits Austausch, aber auch dass sich Menschen, die ihnen vielleicht helfen können, bei uns melden.

Ist das nicht schwierig bei einer so heterogenen Gruppe einen gemeinsamen Nenner zu finden? Das fängt ja schon bei der Sprache an, nicht alle können Deutsch oder Englisch.

Ursprünglich wollten wir das Magazin in vier Sprachen drucken, in Französisch, Englisch, Deutsch und Arabisch oder Farsi. Für diese Ausgabe haben wir das noch nicht geschafft, aber zukünftig soll das unbedingt gelingen.

Seit wann arbeiten Sie schon an der Zeitschrift?

Acht Monate arbeiteten wir ehrenamtlich an der ersten Ausgabe, die vor kurzem erschienen ist und die wir in Berlin präsentiert haben. Wir sind etwa 20 Leute, die sich um die Redaktion kümmern, um Übersetzungen, Layout und was sonst noch so anfällt. Das Ziel ist, dass die Zeitschrift künftig alle drei Monate erscheint, wobei wir eine Auflage von 3.000 Stück erreichen möchten. Von der ersten Ausgabe haben wir 1.000 Exemplare gedruckt. Da konnten wir auf eine Spende zurückgreifen und schauen gerade, wie wir unser Vorhaben langfristig finanzieren können.

Wäre es nicht sinnvoller, Ihre Inhalte online zu veröffentlichen, zumindest Druckkosten könnten Sie dadurch ja sparen.

Unsere Webseite ist leider noch nicht ganz fertig, aber natürlich soll es die ergänzend auch geben. Unser Ziel ist es, dass so viele Menschen wie möglich unsere Artikel lesen, ob online oder gedruckt, und dass so möglichst vielen Frauen in Heimen möglichst unkompliziert geholfen werden kann.

Dora Sandrine Ndedi ist Informatikstudentin und Mitbegründerin der Zeitschrift Stimme

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