Aus: Ausgabe vom 18.10.2017, Seite 7 / Ausland

Rote Zone in Sotschi

Bei den Weltfestspielen diskutieren junge Linke über Geschichtsrevisionismus und den Kampf gegen Imperialismus. Probleme mit den Behörden

Von Roland Zschächner, Sotschi
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Musik und rote Fahnen auf dem Weltfestspielgelände in Sotschi

Ein Meer aus roten Fahnen: Rund 1.000 Mitglieder linker, vor allem kommunistischer, Jugendverbände haben am Montag in Sotschi mit einer »Parade« an den 100. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution erinnert. In einem Demonstrationszug gingen sie vom Haupteingang des Veranstaltungsgeländes der 19. Weltfestspiele der Jugend und Studenten zur Bühne auf dem zentralen Kundgebungsplatz im Olympischen Park. Viele Delegierte von Organisationen, die dem Weltbund der Demokratischen Jugend (WBDJ) angehören, zeigten sich erleichtert. »Endlich Politik«, freute sich ein Teilnehmer aus der Bundesrepublik.

Beifall erhielt die Rede des WBDJ-Vorsitzenden Nikolas Papademitriou. Auch Vertreter des Weltfriedensrats, des Weltfrauenbundes und des Weltgewerkschaftsbundes sowie der Vorsitzende des örtlichen Vorbereitungsgremiums ergriffen das Wort.

Ein zentraler Treffpunkt für viele Teilnehmer aus aller Welt ist die »rote Zone« im ersten Stockwerk des Medienzentrums. Dies ist eines der vier für die Olympischen Winterspiele 2014 erbauten Gebäude, die in dieser Woche für die Jugend der Welt geöffnet sind. Annähernd 30 Veranstaltungen fanden dort bislang statt. Die Themen reichten von »Prekarisierung und Arbeitslosigkeit der Jugend und wie diese bekämpft werden können« über »Solidarität mit der Kubanischen Revolution und der Widerstand gegen die Wirtschaftsblockade« bis hin zu »Die Rolle der Sowjetunion bei der Bekämpfung des Nazifaschismus«.

Bei dieser Diskussion waren sich die Zuhörer und Redner einig, dass der sozialistische Staat zum einen Hauptziel der deutschen Aggression, zum anderen aber auch maßgebliche Kraft bei der Zerschlagung des Hitler-Faschismus war. Doch die Geschichte werde umgeschrieben und die historische Bedeutung der Sowjetunion in bürgerlichen Ländern revidiert. Dazu werde diese im Sinne der Totalitarismustheorie auf eine Stufe mit Nazideutschland gestellt. Hauptmotiv dafür sei Antikommunismus, denn der erste Staat unter Kontrolle der arbeitenden Klasse solle gerade wegen seines anderen Charakters aus den Geschichtsbüchern getilgt werden. Widerspruch dagegen sei nötig, unterstrich ein Mitglied des russischen Komsomol aus Nowosibirsk, der sich zu Wort meldete. Der Kampf um die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg sei auch darum weltweit eine wichtige Aufgabe der Jugend.

Progressive Kräfte sind jedoch auch damit konfrontiert, dass vielen Menschen Bildung entweder vorenthalten oder der Zugang dazu immer mehr eingeschränkt wird, wie bei der Diskussion »Die Rolle der Jugend im Kampf für Frieden und internationale Solidarität« deutlich wurde. Ein Vertreter der Kommunistischen Jugend Portugals zeigte auf, dass das Schul- und Universitätssystem in seinem Land in einer tiefen Krise steckt: Die Gebäude verfielen und es gebe kaum Lehrer. Auch der sogenannte Bologna-Prozess, mit dem europaweit unter anderem die Abschlüsse Bachelor und Master durchgesetzt wurden, diene vor allem den Besitzenden dazu, Wissen zu einer Ware zu machen, um daraus Profit zu schlagen. Der Kampf für gute Bildung sei deswegen auch gegen den Imperialismus gerichtet.

Ähnlich argumentierte die Vertreterin der ANC-Jugendliga aus Südafrika. Sie wies darauf hin, dass Unwissen dazu genutzt werde, vor allem junge Menschen in den Krieg zu schicken. Diese müssten sich statt dessen für den Frieden entscheiden können. Auch dürften sie sich nicht für die Besetzung anderer Länder – wie Palästinas oder Westsahara – einspannen lassen.

Ob die Delegation aus der letzten Kolonie der Welt, wie die Vertreterin der ANC-Jugendliga die Westsahara nannte, noch in der geplanten Stärke an den Weltfestspielen teilnehmen kann, ist fraglich. Zahlreiche Abgesandte der Befreiungsfront Polisario haben keine Erlaubnis zur Einreise nach Russland erhalten, weil sie ihre Visumanträge zu spät eingereicht hätten, erläuterte Papademitriou im Gespräch mit junge Welt.

Dennoch zeigte sich der Vorsitzende des WBDJ zufrieden mit den ersten Tagen des Festivals, obwohl nicht alles, was von seiten des russischen Vorbereitungskomitees organisiert wurde, auf seine Zustimmung stößt. Das müsse jedoch im Nachgang ausgewertet werden. Er kritisierte auch, dass aus vielen Ländern zwei Delegationen nach Sotschi angereist sind: die der WBDJ-Mitgliedsorganisationen und die, deren Teilnehmer sich über das Internet »bewerben« konnten. Darunter seien auch »reaktionäre Elemente«, stellte er fest. Das bestätigten Mitglieder der Kommunistischen Jugend Österreichs (KJÖ) gegenüber jW. Mindestens zwei Anhänger der reaktionären Freiheitlichen Partei (FPÖ) und der ehemalige Chef der neofaschistischen »Identitären« seien nach Sotschi gekommen.

Papademitriou unterstrich, dass es eine breite Mobilisierung zu den Weltfestspielen gegeben habe. Am Festival würden deshalb mehr Menschen teilnehmen als an den Treffen zuvor, vor allem auch aus dem Ausland. Nach offiziellen Angaben sind insgesamt 12.576 Menschen aus Russland und 12.638 aus 184 anderen Staaten nach Sotschi gekommen, zudem unterstützen 5.000 Freiwillige die Organisatoren. Viele der Jugendlichen seien interessiert an einem Austausch; es gehe nun darum, die eigenen politischen Themen verstärkt einzubringen, sagte Papademitriou.

Weniger optimistisch sehen dies Teilnehmer aus Spanien, die dort in den »Kollektiven der jungen Kommunisten« (CJC) aktiv sind. Die Weltfestspiele in Sotschi seien durch Kommerz bestimmt. Russland habe das Treffen übernommen, um daraus ein eigenes, unpolitisches Event zu machen. Es werde zwar allerhand Spektakel – Roboterkämpfe, Sportturniere und andere Shows – aufgeboten, doch die Idee des Antiimperialismus bleibe neben riesigen Ständen von Unternehmen außen vor.

Zudem haben österreichische Aktivisten mit den russischen Behörden zu kämpfen. So wurden sie am Montag auf dem Festivalgelände festgehalten, ihre Pässe wurden fotografiert und an unbekannte Stellen weitergeleitet. Grund seien zum einen Sticker der KJÖ mit der Aufschrift »Eat the Rich« inklusive Hammer und Sichel gewesen, zum anderen Flugblätter, auf denen – weniger provokativ – eine Umverteilung des Reichtums gefordert wurde. Dass die Aufforderung auf dem Aufkleber sofort in die Tat umgesetzt worden wäre, ist bei der Vollverpflegung in Sotschi eher unwahrscheinlich. Trotzdem wurden die zur Aufwiegelung der Massen nutzbaren Materialien an Ort und Stelle konfisziert.


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