Aus: Ausgabe vom 17.10.2017, Seite 11 / Feuilleton

Mann mit allen Eigenschaften

Mit furioser Sprache erschafft Nikita Afanasjew in seinem Debütroman einen Biotop voll verzagter Seelen

Von Frank Willmann

Nikita Afanasjew schreibt für Zeitungen und hat auf Lesebühnen und bei Poetry Slams gelesen. Geboren in Sibirien, aufgewachsen im Ruhrgebiet, hat er jetzt mit Mitte 30 seinen ersten Roman vorgelegt. Darin schickt er uns den Mann mit allen Eigenschaften auf den Hals.

Die Wirklichkeit ist langweilig. Immer die gleichen Rituale, ständig gibt es Spaghetti mit Thunfischsoße, keiner kümmert sich um die Obdachlosen Berlins, und der Wetterfrosch ist ein Faschist! Wer nicht aufpasst, landet mit dreißig schon im Altersheim der verlorenen Seelen.

Und das alles im Berlin der Gegenwart. Die Protagonisten tummeln sich in der »großen Szene der sogenannten Kreativen«, in Wahrheit ein Mikrokosmos der harmlosen Menschen, die sich damit beschäftigen, die Tasse kreisen zu lassen. Der Maler Jakob Ziegler hat die Dreißig überschritten und steht vor einer inneren Zäsur. Ziegler hat nach anfänglichen Erfolgen die Malerei ein wenig schleifen lassen und gibt sich ganz dem süßen Leben eines Tagediebs hin. Der Onkel zahlt die Ateliermiete, die Freundin und ein paar Kollegen kümmern sich um die Unterhaltung und die Mittelchen, um das ganze Nichts ein paar Stündchen zu verschatten.

Doch irgendwo im Resthirn schlummert Zieglers Wille und lässt ihn die Kunstfigur Johann Zeit schaffen. Ein Kunst produzierendes Wesen mit »allen Eigenschaften«. Erfolgreich, progressiv, gutaussehend. Schnell findet sich ein Werbeagent, der Johann Zeit Flügel verpasst und Leben einhaucht und Jakob Ziegler die Figur kurzerhand entwendet. Während Ziegler auf der Suche nach der sogenannten wahren Kunst ist, hat der Werber Sinn für persönlichen Profit. Indes sein Erfinder Ziegler immer tiefer in die Krise schlittert, bewegt Zeit via Guerillawerbung schnell die Herzen des zwitschernden Schwarms in Internet und Real Life. Als ein Brief auftaucht, den er sich ein paar Jahre vorher selbst zu seinem Geburtstag schrieb, setzt das einen Mechanismus in Gang. Es gibt nur zwei mögliche Enden: Selbstzerstörung oder Selbstfindung.

Mit furioser Sprache schafft Afanasjew einen putzigen Biotop voll verzagter Seelen. Auf schmalem Grat zwischen Witz, Pathos und Spleen wird der Leser Zeuge einer Entwicklung, einer Geschichte mit Schmackes und Moral, die ein offenes Ende ausschließt.

Nikita Afanasjew: Banküberfall, Berghütte oder ans Ende der Welt. Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2017, 304 S., 22 Euro


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