Aus: Ausgabe vom 17.10.2017, Seite 7 / Ausland

Mexiko hilft sich selbst

Nach Erdbeben vermisst die Bevölkerung Unterstützung des Staates. Der feiert sich trotzdem

Von Jan Schwab
Nach_dem_Erdbeben_in_54878526.jpg
Freiwillige beteiligen sich am 20.09.2017 bei Räumungsarbeiten nach dem Erdbeben im Viertel Condesa in Mexiko-Stadt.

Zwei starke Erdbeben erschütterten im vergangenen September Mexiko und rissen Hunderte Menschen in den Tod. Die Infrastruktur ist stark beschädigt, zahlreiche Häuser stürzten ein, Zehntausende Menschen wurden obdachlos. Das erste Beben, das sich mit einer Stärke von 8,2 vor der Küste des südmexikanischen Bundesstaats Chiapas ereignete, löste gleichzeitig einen Tsunami aus, der weite Küstenabschnitte verwüstete. In Chiapas und den benachbarten Bundesstaaten Oaxaca und Tabasco starben insgesamt 100 Menschen. Die Zerstörungen durch das zweite Beben, das sich am 19. September mit einer Stärke von 7,1 und Epizentrum im Bundesstaat Puebla ereignete, reichten bis in die Hauptstadt Mexiko-Stadt. Während allein dort bis zu 40 Gebäude sofort einstürzten und bis zu 200 Häuser schwer beschädigt wurden, sind in den südlichen Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas nach Regierungsangaben mehr als 120.000 Häuser zerstört worden. Insgesamt starben durch das Landbeben in ganz Mexiko erneut 370 Menschen.

Der 19. September ist just der Jahrestag des schweren Erdbebens von 1985 in Mexiko-Stadt. Damals waren bis zu 10.000 Menschen gestorben und 250.000 Menschen obdachlos geworden. Der mexikanische Staat bemühte sich seither, Vorkehrungen zu treffen und mit neuen Bauvorschriften für erdbebensichere Konstruktionen zu sorgen. Außerdem wurden an den Jahrestagen des Bebens Notfallübungen von den im Erdbebenfall zuständigen staatlichen Rettungskräften abgehalten. Doch genau die versagten. Weder die Ortung der betroffenen Gebiete gelang noch das rechtzeitige Entsenden von ausreichenden Rettungskräften zur Bergung von verschütteten Menschen oder zur Evakuierung aus einsturzgefährdeten Gebäuden. Zahlreiche Anwohner in Mexiko-Stadt berichten, es seien nicht die staatlichen Rettungskräfte gewesen, sondern spontan sich bildende Nachbarschaftsbrigaden, die ihren Nachbarn zu Hilfe kamen und teils mit bloßen Händen die Menschen aus den Trümmern gruben.

»Man kann nicht viel erwarten von einer Regierung, die nicht mit dem Volk verbunden ist (…), nicht nur jetzt in bezug auf das Erdbeben, sondern ganz prinzipiell«, kommentierte der Vorsitzende der Linkspartei »Bewegung der nationalen Erneuerung« (Morena), Andrés Manuel López Obrador, vergangene Woche die Krisenpolitik der derzeitigen Regierung von Präsident Enrique Peña Nieto von der »Institutionelle Revolutionären Partei« (PRI). Während die Bevölkerung sich in zahlreichen Basisinitiativen organisierte, die zum Teil mehr Hilfsangebote als -bedarf verzeichneten, seien die staatlichen Einsatzkräfte in einigen Teilen des Landes mitunter an der Verdrängung der lokalen Bevölkerung beteiligt.

Bereits im September berichtete die Menschenrechtsvereinigung »Mission zur Überwachung humanitärer Hilfe«, dass insbesondere in den Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca finanzielle Nothilfen und Lebensmittelvorräte häufig bevorzugt an Regierungsbeamte und Unterstützer verteilt werden, während die arme Bevölkerung leer ausgehe. In anderen Teilen des Landes gründeten sich lokale Initiativen gegen den Abriss von beschädigten historischen Gebäuden. Die Initiative »Regionaler Rat für den Wiederaufbau unserer Dörfer« aus Oaxaca berichtet, Bewohner würden unter dem Vorwand, Gebäude seien einsturzgefährdet, von begehrten Grundstücken vertrieben. In Mexiko-Stadt hingegen beklagen Nachbarschaftsinitiativen die Tatenlosigkeit des Staats trotz der Einsturzgefährdung von Gebäuden. All das hinderte den Präsidenten nicht, bei einer feierlichen Versammlung der staatlichen Einsatzkräfte im Nationalpalast in der vergangenen Woche zu verkünden, das Motto der staatlichen Einsatzkräfte sei gewesen: »Hilfe und Unterstützung für die, die darauf angewiesen sind.«

Jetzt aber Abo!

Debatte

Bewerte diesen Artikel:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Ausland
  • Sondergericht lässt führende Vertreter der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung ins Gefängnis stecken
  • Katalanischer Ministerpräsident vermeidet klare Antwort an Madrid. Neues Ultimatum
  • ÖVP und FPÖ gewinnen Wahl in Österreich. Grüne verpassen Parlamentseinzug. Schwaches Ergebnis für KPÖ
    Simon Loidl, Wien
  • Regionalwahlen in Venezuela: Regierungspartei gewinnt mindestens 17 Bundesstaaten
    Modaira Rubio, Caracas
  • Russlands Präsident Putin eröffnet Weltfestspiele in Sotschi. Junge Kommunisten wollen an antiimperialistischem Charakter festhalten
    Roland Zschächner, Sotschi