Aus: Ausgabe vom 17.10.2017, Seite 12 / Thema

Gegen Wälsche und Wenden

Vor 200 Jahren versammelten sich auf der Wartburg bei Eisenach Studenten zu einer patriotischen Kundgebung – und verbrannten Bücher ihnen nicht genehmer Autoren, darunter den »Code Napoléon«

Von Peter Hacks
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»Wer Pech angreift, besudelt sich!«, so lautete der Ruf, mit dem der »Code Napoléon« ins Feuer geworfen wurde – Holzstich zur Bücherverbrennung während des ­Wartburgfests (ca. 1880, Urheber unbekannt)

Im Jahr 1988 veröffentlichte der Dramatiker Peter Hacks den Essay »Einer von meinen Leuten. Das Buch Ascher« in der Zeitschrift Neue deutsche Literatur. In dessen Mittelpunkt steht der jüdische Religionsphilosoph und Publizist Saul Ascher (1767–1822), der ein erklärter Anhänger Napoleons und Feind der deutschen Romantiker rund um den »Turnvater« Friedrich Ludwig Jahn war, die sich nach der Niederlage des französischen Bürgerkaisers und der Restauration der alten Mächte anschickten, einen deutschen Nationalstaat zu schaffen. Neben der Erinnerung an den nahezu unbekannten Ascher ging es Hacks vor allem um Aufklärung zwecks der »Umbewertung des Hauptabschnitts unseres gehabten Geistes«, d. h. eine Polemik gegen die auch in der DDR praktizierte Verklärung der Befreiungskriege und der romantischen deutschen Nationalbewegung. Das vor 200 Jahren begangene Wartburgfest, um das sich bis heute Mythen ranken, nimmt in Hacks’ Essay eine zentrale Stelle ein. Die Redaktion druckt daher die betreffenden Passagen nach. Wir danken dem Eulenspiegel-Verlag für die freundliche Genehmigung. (jW)

Man sagt gern, die Nation habe auf der Tagesordnung gestanden. In Frankreich hat sie es. Es gab, seit Jahrhunderten, einen französischen Staat, zu dem die französische Nation fehlte; das Land brauchte der Hauptstadt nur angeschlossen zu werden. In Deutschland hat sie es nicht. Es gab keinen deutschen Staat.

Was es auf deutschem Boden gab, war, erstens, ein deutsches Reich, das römische und heilige und erbkaiserliche, dasselbe, dem Hegel im Jahre 1802 das berühmte Urteil sprach: »Deutschland ist kein Staat mehr«. Die Romantik, indem sie Deutschland forderte, forderte dieses Reich; sie forderte das Tote wieder. Und es gab, zweitens, deutsche Staaten, die lebten, deren Fürsten ihre Stände weitgehend unterworfen hatten, und von denen allein ein bisschen Vernünftigkeit der Herrschaft zu erhoffen ging. Die deutsche Nation gegen Preußen, Sachsen, Bayern und das Royaume de Westphalie (Königreich Westphalen, jW) vertreten hieß: deren erreichten Stand der Gesittung zurücknehmen. Patriot sein hieß in Frankreich: Bürger sein. In Deutschland: ein Charakter sein. Die deutsche Einheit, natürlich war sie das Ziel der Geschichte. Aber wer bestimmte Ziele sofort will, will sie in Wahrheit niemals, das ist doch wohlbekannt und so schwierig nicht zu denken. Diese voluntaristische Art Einheit, die Einheit so und jetzt, stand dem Ziel der Geschichte entgegen. Man falle nicht auf Namen herein. Der romantische Frühnationalismus war immer und wesentlich ein Partikularismus.

Auch Hegel und Saul Ascher waren einmal Nationalisten gewesen. Sie hatten für einen Staat Deutschland eine einmalige und eher glücksweise Gelegenheit gesehen: die Einigung von Napoleons Zwang wegen. So steht es in Hegels Verfassungsschrift: »Der gemeine Haufen des deutschen Volks nebst ihren Landständen, die von gar nichts anderem als von Trennung der deutschen Völkerschaften wissen und denen die Vereinigung derselben etwas ganz Fremdes ist, müsste durch die Gewalt eines Eroberers in eine Masse versammelt, sie müssten gezwungen werden, sich zu Deutschland gehörig zu betrachten.« Da der inländische Richelieu nicht aufgetreten war, hatte der ausländische Napoleon hergemusst. Auch Ascher, offenkundig, hat sich anfangs vorgespiegelt, der Kaiser werde Deutschland gründen. Weshalb sonst entschuldigt er ihn im »Napoleon«¹ so feuervoll dafür, dass er es versäumte? Spätestens von dem Tag an, wo Napoleon auf St. Helena eingetroffen war, ließ Hegel und ließ Ascher von der deutschen Einheitsidee entschlossen die Finger.

Übrigens nannten die Romantiker der Freiheitskriege sich noch aus dem Grunde Patrioten, weil sie, statt wie die deutschen Bonapartisten einer ausländischen Macht anzuhangen, einer anderen ausländischen Macht anhingen.

Denn das ist feststellbar: Die romantischen Begeisterungen blühten, außer aus einer gewissen Überzeugung, auch aus einer gewissen Währung hervor, dem Rubel. Derjenige Patriot, der vor allen anderen das Königreich Preußen verließ und beschloss, den Sultanismus von Russland aus zu bekämpfen, war der Reichsfreiherr Karl vom Stein. Es ist wahr, dass er dort kein Amt annahm. Erst die kleinern Gestalten, die ihm nachreisten, traten als Offiziere, Kriegs- und Geheimräte in den Dienst des Zaren. Aber es ist auch wahr, dass der Freiherr sich in Protokolldingen gerieben zeigte und sich aus beweisbaren Verhältnissen herauszuhalten wusste. Wir treffen ihn oft im Schafspelz, und nicht nur, weil es im Osten kalt ist.

Proslavery Conspiration

Zum Tugendbund² beispielsweise äußerte er sich vor der Welt absprechend und als von einem überflüssigen Gebilde. Metternich freilich sagt, daß er von eben diesem Gebilde der Vorsitzende war, und ich halte Metternich, was geheimdienstliche Zusammenhänge angeht, kaum für ununterrichtet. Hier wird ein Muster erkennbar. Die Romantik arbeitete gegen den Staat, also in Deckung, und viele ihrer Couleurs müssen als Tarnfarben gedeutet werden. Ich habe die Romantik eine Proslavery Rebellion genannt, aber das betrifft nur ihre Öffentlichkeitsarbeit. In der Hauptsache war sie eine Proslavery Conspiration.

Federführend unter den Geheimbünden war, seit die Könige den Kaiser vertrieben hatten, der Deutsche Bund³ geworden. Jahn hatte ihn 1810 gegründet und anschließend, gemeinsam mit Fichte, zwei legale Gliederungen ins Leben gerufen: die Turner (die sich 1811 in der südöstlich von Berlin gelegenen Hasenheide zusammenrotteten) und die Burschenschaften (deren Verfassung Jahn und Fichte 1812 sich ausdachten, und deren Aufstellung 1815 in Jena erfolgte, wo eine Gruppe von schrecklichen Professoren und Zeitschriftenherausgebern sich zur Verfügung hielt. Ihre Namen sind Luden, Oken und Fries⁴). 1814 hatte Jahn, wehenden Bartes, den Staffelstab von Fichte übernommen. Im Jahre 1817 nun schien es Jahn richtig, Masse zu zeigen und vermöge ihres Eindrucks in die Verfassungserörterungen einzugreifen, und er lud, über die Jenaer Burschenschaft, alle Deutsch-Jünger (die in der Regel beiden Gliederungen angehörten und dann Burschenturner hießen) in die Stadt Eisenach hinein.

Den Vorwand für diese Massenerhebung an Reck und Barren lieferte die dreihundertste Wiederkehr des Reformationstages. Luther hatte seine Thesen am 31. Oktober 1517 angeschlagen; das Wartburgfest freilich fand am 17. und 18. Oktober 1817 statt. Warum verschob man Luthers Tat rückwirkend um einen halben Monat? Deshalb: Weil vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 die Schlacht bei Leipzig gewonnen worden war. In Wirklichkeit beging man nicht den dreihundertjährigen Sieg über den Papst, sondern feierte den vierjährigen Sieg über Napoleon. Wenn der zwar kürzer her war, war er doch wichtiger. Mich als treuen Chronisten der Romantik beruhigt, dass es mit der Ehrung Luthers nicht der volle Ernst war.

Bevor ich Sie bitte, mit mir den Wartenberg zu besteigen, noch eine Vorausbemerkung.

Ein Leser des Jahres 1988 könnte dem Missverständnis erliegen, die Turnbewegung habe irgendwas mit Fragen der Gesundheit zu schaffen. Ich weiß nicht, ob dieselbe Gefahr für einen Leser des Jahres 1990 noch bestehen wird. Wir halten in einem Jahr, in welchem die Dauerlaufidiotie eben von der Menschheit abgefallen ist; worin aber die Lebensregel, Frischluft, Sonne und Bewegung seien dem menschlichen Leib gedeihlich, noch gilt – so wie sie seit Beginn unserer Rasse abwechselnd gegolten oder nicht gegolten hat. Sie ist in der längsten aller Versuchsreihen, der Menschheitsgeschichte, als richtig weder erwiesen noch erprobt. Viele Sportler sterben vor der Zeit, während Leute, die sehr lange im Gefängnis stillhalten, oft sehr lange leben. Ich sage gar nicht, dass die Turnerei ungesund sei. Körperübungen und Gesundheit stehen in überhaupt keinem Zusammenhang, und erst recht nicht lassen das Aufreißen eines Schillerkragens oder das Anpflanzen eines englischen Gartens vernünftigerweise als Heilmittel sich betrachten. Gerade Entscheidungen, die vom Fach her keine Gründe haben, eignen sich, gesellschaftlich besetzt zu werden und Welthaltungen auszudrücken, und jene Behauptungen, die da im Sackkleid des Gesundbetertums uns entgegentreten, sind in Wahrheit politische Moden: Aussagen nämlich über die Missbilligung der künstlichen und Bevorzugung einer, was das immer sei, natürlichen Umwelt. Die Turner, sagt Engels, wollten »die Nation ins deutsche Mittelalter oder gar in die Reinheit des Urdeutschtums aus dem Teutoburger Walde zurückdrängen«.

Vertreter des »Starkdeutschtums«

Über Jahn mag ich nicht breit werden. Es gibt kaum eine geschichtliche Gestalt, an der alles abstößt. Irgendeinen menschlichen Zug hat ja sonst jeder, nur eben Jahn nicht. Wer so denkt wie Jahn, muss nicht auch noch sprechen wie Jahn, wer so spricht, muss sich nicht auch noch so aufführen, wer sich so aufführt, muss nicht auch noch so aussehn. Auch ein Wohlwollender wird zugeben, dass der Mann übertreibt. In seinen Runenblättern forderte er ein »heiliges deutsches Kaiserreich«, welches nicht nur Österreich, sondern auch die Niederlande, die Schweiz und Dänemark umfassen und gegen »sprach- und stammfremde Wälsche und Wenden« sich abgrenzen sollte; so sehr deutsch fühlte er einmal, noch um ein paar Eroberungen deutscher als der Reichsfreiherr. Ich selbst habe keine Abneigung gegen die Deutschen. Ich ziehe sie, vielleicht stärker, als ich sollte, den meisten Völkern vor. Aber Jahn ist der Vertreter des (Gervinus⁵) »Alt- und Starkdeutschtums«, wie es schwitzt und pisst, und alle nationalistischen Scheusale nach ihm ähneln ihm ein wenig. Sogar Arminius und Sigimer, Jules Vernes hässliche Stahlstadt-Deutsche, sind von Benett⁶ nach seinem Bilde gezeichnet. Er geht durch das Rüpelspiel unseres vaterländischen Grobianismus, als wäre er der Ewige Arier persönlich.

Seiner Einladung also waren die Sturmabteilungen vieler Universitäten gefolgt; das Wartburgfest nahm seinen Gang. Auf seinen Höhepunkt komme ich noch gesondert zu sprechen. Die beiden Herbsttage verliefen in dem üblichen glanzlosen Durcheinander; Jugendliche sind ja schon zufrieden, wenn ihrer nur recht viele an einem Platz beisammen sind. Die Burschen hielten Reden und beteten und sangen, und sie führten den verdutzten Eisenachern den »Ziehkampf am langen Ziehtau« vor. Vermerkt werden kann, dass die Reden, Gebete und Gesänge in folgenden Inhalten übereinstimmten. Man glaubte an die Offenbarungen des Christentums und der Turnerei. Man fraß Franzosen und schlug Juden tot. Man fühlte großdeutsch und altdeutsch, d. i. fürstenfeindlich und nach Art der Sippen.

Eine einzige Gruppe bot leichte Abweichungen, das waren die Gießener »Schwarzen« unter Karl Follen. Auch Follen turnte, focht, erschlug Juden und las Fichte und die Mystiker, aber er trieb die Verwerfung der Autorität bis zu republikanischen und naturrechtlichen Gedankengängen. Ob ein Rotbrigadist äußerst progressiv oder äußerst reaktionär sei, das ist so eine alte Preisfrage; mit dem Äußersten jedenfalls hielt er es. Nehmen Sie Fichtes Gehirn und Jahns Bizeps, dann haben Sie den Follen. Seine »Unbedingtheits«-Lehre hatte Jesus Christus und den Cherusker Hermann zu Vorbildern, falls Sie hieraus etwas zu entnehmen wünschen. – Der erste merkwürdige Vorfall auf dem Wartburgfest war, daß der Professor Fries fror.

Die Professoren Luden und Oken kennen Sie durch den Kummer, den Goethe mit ihnen hatte.⁷ Fries kennen Sie von Hegel, der ohne Unterlaß auf ihn Bezug nimmt. So wie Kreon bei Hegel den Stadtstaat verkörpert und Antigone die Familie, so verkörpert Fries in Hegels System die Dummheit. Fries ist Hegels Lieblingsesel, also das, was Massmann für Heine wurde.

»Schandschriften des Vaterlandes«

Der Student Hans Ferdinand Massmann krönte das Wartburgfest, indem er auf dem nächtlichen Hügel einen Holzstoß entzündete und auf dem eine Anzahl von Büchern verbrannte, die er bei Fackelschein in einem Korb herbeigeschleppt hatte. Er handhabte sie mit einer Gabel, so wie die Teufel tun, wenn sie die sündigen Seelen in die Höllenlohe kippen. Vermutlich hätte er die Bücher vorher noch gern gefoltert, um ihnen Geständnisse abzunötigen. Ersatzweise begnügte er sich damit, sie mit kernigen Merksätzen zu kennzeichnen; bei einem Glaubensgericht kann die Aussage des Richters durchaus für die des Beklagten treten.

In dieser letzten Festnacht ist Massmann der Held. Denn Fries hatte gefroren und war Wetters halb nach Hause gegangen. So fügte es sich, dass Fries allen folgenden Anwürfen in deutscher Offenheit und der ganzen Fülle seiner Unschuld entgegentreten konnte, ebenso wie Jahn, der erst gar nicht angereist war. Das Peinliche liegt allenfalls darin, dass Jahn dem Studenten Massmann die Liste der anzuzündenden Bücher in Berlin zusammengestellt und Fries sie dann vor Ort noch einmal überprüft und auf den letzten patriotischen Erkenntnisstand gebracht hatte. Das Muster, von dem ich sprach, erkennen Sie es wieder? Man kann den Patrioten manches vorwerfen, aber sicher nicht mangelnden Sinn für Taktik.

Ich gebe zu, dass ich mich an verbrannten Büchern nicht in dem Grade entsetzen kann, wie es Schönerfühlende wahrscheinlich von mir erwarten. Ein Buch verbrennen heißt ja noch nicht. es ausrotten. Es heißt, den Wunsch ausdrücken, das Buch möge besser nicht auf der Welt sein. Es ist kein anderes Urteil als der Satz: Ich finde das Buch schlecht – nur eben in Gebärdensprache. Die Hauptfrage dabei, denke ich, bleibt doch, ob das Urteil stimmt und also welche Bücher es sind, die so ablehnend beurteilt werden. Ausgerechnet diese Hauptfrage nun ist in bezug auf den Heizstoff zum Wartburgfeuer bis heute unaufgeworfen.

Ich war verblüfft, als ich feststellte, wie wenig Aufmerksamkeit die Wissenschaft den betroffenen Titeln widmet. Irgendwelche Bücher, sagt man, waren es, so als sei die Auswahl überhaupt nicht der Punkt gewesen. War die Auswahl möglicherweise beliebig? Aber wie die Liste immer zu bewerten sei, sie ist weder beliebig noch unbeholfen. Es hatte ja nicht das Rumpelstilzchen Massmann sich die Werke, die es umhüpfte, aus seinem Bücherbord gegriffen. Jahn kannte sich mindestens in Preußen aus, Fries überblickte mindestens den sächsischen Raum. Die Auswahl war nur zu sorgsam durchdacht.

Die Bücher, sagt man auch, sind inzwischen kaum oder gar nicht mehr bekannt. Das ist unzutreffend. Aber träfe es selbst zu – lohnte es dann nicht, sie bekannt zu machen? Schließlich, wenn uns zu wissen verlangt, wer im Jahr 1817 auf wen böse war, erfahren wir es hier mit aller Genauigkeit. Diese Liste ist das von den Beteiligten selbst eingedickte Konzentrat der Klassenkämpfe in der deutschen Literatur.

Sie ist, soweit ich weiß zum letzten Mal, veröffentlicht in H. F. Massmanns »Beschreibung des großen Burschenfestes auf der Wartburg«, o. O. 1817. Ich wünschte, ich müsste nicht damit heraus, aber ich habe die »Beschreibung« nicht gelesen, so wenig übrigens wie des Geheimrats Kamptz’ Gegenschrift »Rechtliche Erörterung der öffentlichen Verbrennung von Druckschriften«. Ich habe nicht die Kraft, neben dem Ascher, jetzt auch noch den Massmann und den Kamptz den Bibliotheken zu entreißen. Ich liebe Saul Ascher, aber ich will ihn ja nicht heiraten. Es sollen im ganzen 28 Verfasser gewesen sein, an denen Massmann sich wärmte; von denen ist mir gelungen, 17 zu ermitteln. Ich teile Ihren Verdacht, dass die vollständige Liste noch mehr Aufschluss würde gegeben haben. Aber die zwei Drittel, über die ich verfüge, sind schon aufschlussreich genug.

Unter den »Schandschriften des Vaterlandes« befindet sich eine, deren Urheber mir fremd ist. Wer ist Wilhelm Scheerer?⁸ Ich weiß es nicht. Und was ist: »Statuten der Adelskette«? (Ich mutmaße, dass es sich bei letztern um die Bestimmungen der Bundesakte über die Rechte des mediatisierten Adels gehandelt haben könne; denn die Bundesakte galt in jenen Kreisen für gleichmacherisch, verstandesmäßig und kein bisschen revanchistisch; für die hatte man nicht gekämpft).⁹ Der Rest ist mir ganz vertraut. Er gliedert sich in: 1. Schriftstellerei, welche (Massmann) »die löbliche Turnkunst verketzert«, 2. Bücher von (Fries) »bonapartistischen Schildknappen« und 3. Werke von (Massmann) »Zwingherrnverehrern«, Äußerungen also zugunsten des Staats im allgemeinen.

Bonapartisten und Staatsbefürworter

Die Turnfeinde sind: Karl Leberecht Immermann, der Dichter, Friedrich v. Cölln, ein Mann Hardenbergs¹⁰, oder Friedrich Wilhelm Wadzeck, der berühmte Menschenfreund, den Jahn aus Rache für seine Glossen über »den grossen Unfug des Turngeistes« durch drei Offiziere des Kadettenkorps, an dem er lehrte, in einen Skandal hatte verwickeln und um sein schmales Brot als Bibliothekar bringen lassen. Ich kann meinen Kollegen August Ferdinand v. Kotzebue hier anreihen. Aus seiner Feder stammen »Noch ein paar vernünftige Worte über die Turn-Angelegenheit nebst Proben von Unvernunft«.

Die Bonapartisten sind: Napoleon selber, dessen Gesetzbuch ins Feuer musste; ferner solche Rechtsgelehrte an Rheinbund-Universitäten, die den »Code Napoleon« erläutert und auf deutsche Verhältnisse übertragen hatten: Karl Salomo Zachariae, Christoph Christian v. Dabelow und Johann Paul Harl, ein Montgelas¹¹-Mann. In diese französische Ecke des deutschen Denkergartens gehört Saul Ascher.

Die Gruppe der Staatsbefürworter wirkt ein wenig gemischt. In ihr findet sich der bedeutende Staatswissenschaftler Karl Ludwig v. Haller, dem auch von romantischer Seite nicht viel mehr vorzuwerfen war als mangelnder Nationalsinn, ebenso wie Johann Peter Friedrich Ancillon, ein rundum mäßiger und gemäßigter Mann, welcher dadurch Jahns Ärger auf sich gezogen hatte, dass er Hardenberg zuarbeitete und das Königreich Westfalen für einen Staat ansah; alle echten Liberalen damals waren Bonapartisten gewesen. Ferner: Theodor Heinrich Anton Schmalz, der erste Rektor der Berliner Universität, der 1815 den Mut gehabt hatte, die Geheimbundfrage aufzuwerfen, und endlich Karl Christoph Heinrich v. Kamptz, der sich hatte zuschulden kommen lassen, die verschiedenen deutschen Polizeigesetze in ein vergleichendes System zu ordnen. – Ich selbst habe den Schriftsteller Heinar Kipphardt oft gegen Straßenbahnschaffner wettern hören, weil dieselben den Fahrgästen gegenüber Zwang ausüben und Uniform tragen. – Einige preußische Uniformteile übrigens wurden, als Beigabe zu den Büchern, mit verbrannt, was verständlich durch Hegel wird. Der Gipfel ständischer Frechheit, sagt er, ist, wenn die Stände eigene Bewaffnung und sogar eigene Truppen verlangen. – Bei einem Autor lässt Jahns Unwillen sich nachfühlen. Das ist der Regierungsrat Janke, der im Auftrag Hardenbergs und Bülows¹² Mitglied im »Deutschen Bund« geworden war und nun zu viel wusste.

Die Liste besteht also aus drei Abteilungen, aber man kann nicht sagen, dass sie in sie zerfiele. Es handelt sich durchweg um Leute, die nicht an frische Luft und nicht an das englische Parlament glaubten.

Ich beziehe mich auf das, was ich in betreff des Turnens vorgebracht habe: Bücher über das Turnwesen waren keine Hausarzt-Bücher. Beamte von Hardenberg und Montgelas finden sich in allen drei Abteilungen. Es ist klar zu erkennen, dass Jahn die gesamte Liste, so wie er sie zusammengestellt hat, dem Schrifttum des Bonapartismus zurechnet. Ich habe Hardenberg schon früher einmal einen Territorialbonapartisten genannt und habe jetzt den Turnvater auf meiner Seite.

Freiheitsmesser gezückt!

Ich könnte mich mit diesem Ergebnis zufriedengeben und zu dem Schluss kommen, dass hier in der guten Stadt Eisenach ein Janhagel¹³ von Kleingeistern dem Napoleon, in der Gestalt oder in jener, den Hexenprozss gemacht hat. Aber ein Opfer der (Kamptz) »Feuer-Censoren« kam nicht mit verbrannten Fingern oder versengten Buchseiten davon. Er wurde Gegenstand ganz anderer Unannehmlichkeiten und bewirkte, nicht weil er wollte, Nationalgeschichte.

Die Rede ist natürlich von Kotzebue.

Der Terrorist Karl Follen hatte einen seiner Leutnants ins thüringische Bergland geschickt: »Sand, Bursch von Erlangen«. Der Bursch pflegte Follens Gedichte zu lesen, beispielsweise das: »Freiheitsmesser gezückt! / Hurra! Den Dolch durch die Kehle gedrückt!«

Ein Jahr später, 1818, vertraute er seinem Tagebuch an: »Es sollte doch einer mutig über sich nehmen, dem Kotzebue das Schwert ins Gekröse zu stoßen«, und wieder ein Jahr später, 1819, tat er es bekanntlich. Die Wissenschaft beliebt die Redewendung, Sands Antriebe seien »unklar« gewesen. Ich finde sie nicht unklar. Die Tat erfreute sich vielen offenen oder stillen Beifalls: erweislichermaßen der Follen-Brüder, Görres’¹⁴, Schleiermachers¹⁵, Okens, Ludens, ferner des Jahn-Kumpans de Wette¹⁶ und eben auch, bei aller Vorsicht, des Freiherrn vom Stein. – Kotzebue war zeitlebens ein Mann von bescheidenen und mittleren Meinungen, was es schwer macht, das Blutspektakel ganz ernst zu nehmen.

Auch mich hat, wie jedermann, am Kotzebue-Mord die humoristische Seite beschäftigt. Der Umgang der deutschen Terroristen mit den deutschen Dramatikern ist mir vertraut; ich hielt Carl Ludwig Sand immer für den ersten Vertreter des Regietheaters. Alle gegenwärtigen Regisseure erinnern mich an ihn. Sobald sie einen Theaterdichter treffen, machen sie ihn fertig. Aber in seiner ganzen Läppischkeit wirft der Fall doch ein zusätzliches Licht auf die Gewohnheit, Bücher zu verbrennen. So ein Flammenurteil geht eben doch über ein Geschmacksurteil hinaus. Es enthält eine Gemütsladung; es verweist auf eine Lockerung der Erziehungsgrundsätze und eine Vernachlässigung der Spielregeln, wie sie die Menschen zwischen sich ausgemacht haben. Man verbrennt keine Bücher, aus demselben Grund, aus dem man keine Tiere quält: Weil der Sinn fürs Schickliche wahrscheinlich die wirksamste Grundlage der Sittlichkeit ist. In der Tat ging es dem armen Kotzebue damals schon wie später dem Carl v. Ossietzky oder dem Erich Mühsam. Erst wurde sein Buch ermordet, dann er.

Anmerkungen:

1 Saul Ascher: Napoleon oder über den Fortschritt der Regierung, Berlin 1808

2 Im Frühjahr 1808 nach der Niederlage der preußischen Armee 1806 bei Jena und Auerstedt in Königsberg gegründete »Gesellschaft zur ­Uebung oeffentlicher Tugenden«, die u. a. für »volkstümliche Jugenderziehung« eintrat, 1809 auf Drängen Napoleons durch Friedrich Wilhelm III. verboten

3 Unter der Führung von Friedrich Ludwig Jahn 1810 in der Berliner Hasenheide gegründeter Geheimbund, der das Ende der französischen Besatzung zum Ziel hatte

4 Heinrich Luden (1778–1847); Lorenz Oken (1779–1851); Jakob Friedrich Fries (1773–1843). Alle drei lehrten an der Universität Jena, wo sie zu den Propagandisten liberaler und nationaler Vorstellungen zählten und großen Einfluss auf die Burschenschaften ausübten.

5 Georg Gottfried Gervinus (1805–1871), nationalliberaler Politiker und Historiker

6 Léon Benett (1838–1917), französischer Maler und Illustrator

7 Goethe war als Minister unter Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach seit 1807 für die Universität zuständig

8 Wilhelm Scheerer (1772–1826), Schriftsteller, Kritiker der Turnbewegung

9 Geheime Wiener Adelskooperation, die sich 1815 als »allgemeine deutsche wissenschaftliche und sittliche Bildungsanstalt« gründete und Politik im Interesse des Adels betrieb

10 Karl August von Hardenberg (1750–1822), preußischer Staatsmann, von 1810 bis 1822 Staatskanzler, zuvor Außenminister, zusammen mit Heinrich Friedrich Karl von und zum Stein (1757–1831) Urheber der sogenannten Preußischen Reformen und scharfer Gegner Napoléons.

11 Maximilian Graf von Montgelas (1759–1838), bayerischer Staatsreformer, von 1799 bis 1817 Minister unter dem seit 1806 mit Napoléon verbündeten bayerischen König Maximilian I.

12 Friedrich von Bülow (1762–1827), preußischer Verwaltungsjurist, seit 1811 vortragender Rat im Staatskanzleramt unter Hardenberg

13 veralteter Ausdruck für Pöbel

14 Joseph Görres (1776–1848), Hochschullehrer und katholischer ­Publizist

15 Friedrich Schleiermacher (1768–1834), Theologe und Publizist

16 Wilhelm Martin Leberecht de Wette (1780–1849), deutsch-schweizerischer Theologe

Der Essay »Einer von meinen Leuten. Das Buch Ascher« erschien später als Teil der umfassenderen Schrift »Ascher gegen Jahn, ein Freiheitskrieg« (Aufbau-Verlag, Berlin 1991). Er findet sich u. a. nachgedruckt in der Werkausgabe von Peter Hacks, Bd. 14, S. 325 ff. (Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2003).

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